Samstag, Dezember 10, 2022
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Stimmung nach dem Cherson-Rückzug "In Russland steigt apokalyptische Stimmung"

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Die Reaktion vieler Russen auf die Niederlage der russischen Armee in Cherson sei Resignation, sagt der Moskauer Politologe Jens Siegert. Für einige hängt dies mit dem Glauben an die Behauptungen des Staates zusammen, der Rückzug sei nur eine Frontbegradigung gewesen. Für die anderen ist es eine Resignation, die den Abzug als Auftakt zu weiteren Niederlagen der russischen Armee sieht. Die schlechte Stimmung im Volk konnte Putin bisher jedoch nichts anhaben. Möglich, „dass er sogar von der apokalyptischen Atmosphäre profitieren kann“.

The Aktuelle News: Wie hat die russische Öffentlichkeit auf den Abzug der russischen Armee aus Cherson reagiert?

Jens Siegert: Das kommt darauf an, was man unter russischer Öffentlichkeit versteht. All die Leute, die immer wieder erklären, dass das, was der Kreml tut, richtig ist, haben natürlich im Wesentlichen die offizielle Version weitergegeben. Spricht man im Alltag mit Russen, gibt es vor allem zwei Reaktionen. Das eine ist eine Art Resignation, weil so etwas schon lange erwartet wird, vielleicht verbunden mit dem Glauben, dass die offizielle Version stimmt.

Die Version der „Umgruppierung“ von Truppen?

Ja, dass der Abzug eine Art Frontbegradigung war, die am weiteren Kriegsverlauf nichts ändert.

Und die zweite Reaktion, die Ihnen begegnet?

Sie ist ebenfalls resigniert, sieht die Eroberung Chersons durch die Ukraine aber als Auftakt zu weiteren Niederlagen der russischen Armee und sogar einer Niederlage im Krieg insgesamt.

Dann wird der Rückzug in Russland als Schande für die Armee empfunden?

Ja, das steht außer Frage. Manche versuchen sich das ein wenig einzureden. Dann heißt es, das sei nur eine Momentaufnahme, bald kommen alle mobilisierten Soldaten an die Front, dann wird es richtig ernst. Aber auch unter Russen, die Putin grundsätzlich unterstützen, breitet sich eine fast apokalyptische Stimmung aus, dass alles den Bach runtergeht – auch wenn sie es nicht sagen würden. Aber die Stimmung ist wirklich schlecht.

Was bedeutet das für Putin? Nach Angaben des russischen Lewada-Zentrums hat er 79 Prozent Zustimmung der russischen Bevölkerung, gleichzeitig sind aber 88 Prozent der Russen besorgt über die Entwicklungen in der Ukraine, obwohl 73 Prozent sagen, dass sie „das Vorgehen der russischen Armee in der Ukraine“ sehen „.

Das Interessante ist, dass die Unterstützung für Putin zunehmend von der Unterstützung für den Krieg entkoppelt wird. Putin ist von der schlechten Laune zumindest bislang nicht betroffen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die russische Geschichte: Schuld an all dem Elend ist nicht der Zar, sondern die bösen Bojaren, die Großgrundbesitzer, unter denen die Armen leiden. Das Militär bestiehlt die Menschen, die Beamten sind inkompetent – ​​und Putin muss alles in Ordnung bringen. Deshalb ist es möglich, dass er von der Endzeitstimmung sogar profitieren kann: Wenn alles den Bach runtergeht, dann ist Putin die letzte Station. Auch ihn zu verlieren, wäre für die meisten Russen zu schrecklich. Das ist eine psychologische Schutzfunktion: Verliert man auch das Vertrauen in Putin, könnte man dieses Gefühl so interpretieren, dass man nicht nur den Krieg, sondern vielleicht auch die Krim verliert, was für die meisten Russen viel schlimmer wäre, als Cherson oder von Donezk und Luhansk zu verlieren. Dann, so die Überlegung, könne auch Russland irgendwann nicht mehr existieren.

Es gibt die Ansicht, dass Putin den Krieg gewinnen muss, um im Amt zu bleiben. Halten Sie das für wahrscheinlich?

Das ist eine Frage, die nicht beantwortet werden kann. Natürlich spricht viel für die These, dass es nach einer militärischen Niederlage Konsequenzen gibt. In der russischen Geschichte gibt es viele Beispiele für Revolutionen oder revolutionäre Umwälzungen nach einem verlorenen Krieg. Aber es gibt ebenso viele Gegenbeispiele. Es kann gut sein, dass dieser Mechanismus des Festhaltens an Putin überwiegt – dass Putin der letzte Strohhalm ist, der verhindert, dass alles auseinanderbricht. Aber das kann man nicht vorhersagen.

Hubertus Volmer sprach mit Jens Siegert

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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