Samstag, Oktober 1, 2022
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Streit nach der Befreiung In Izyum stehen Kollaborateure am Pranger

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Als im April die Stadt Isjum von Russen besetzt wird, bleiben meist Ukrainer zurück, die auf Moskaus Seite stehen. Am Rathaus weht wieder die Flagge von Kiew, aber vor dem Rathaus streitet sich die Menge darüber, wer ein Verräter ist.

Vor dem völlig ausgebrannten Rathaus von Isjum weht wieder die ukrainische Flagge. Die russischen Truppen haben sich aus der ostukrainischen Stadt bei Charkiw zurückgezogen, doch die monatelange Besatzung hat ihre Spuren hinterlassen – nicht nur an Gebäuden und Straßen, sondern auch in den Köpfen der Bewohner.

Vor dem Rathaus entbrennt ein Streit darüber, wer mit den Besatzern kooperiert hat. Diejenigen, die Hilfe von den Russen angenommen haben, werden jetzt an den Pranger gestellt. „Hättest du es vorgezogen, wenn ich gestorben wäre?“ Switlana Fitscher verteidigt sich. „Hör auf zu schreien“, antwortet einer der 55-Jährigen. „Willst du wissen, ob ich pro-russisch bin? Ist das die Frage?“ Fitscher fährt fort. „Nein, tut mir leid, ich bin für mein Land.“ „Sie will von den Russen gefüttert werden“, wirft ein Mann Fitscher vor. „Sie hat die Ukraine wegen Essen verraten“, schreit eine Frau. Eine andere Frau mischt sich ein und fragt: „Und was hast du die ganze Zeit gegessen?“

Tatsächlich kamen die Frauen und Männer, meist ältere, ins Rathaus, um mit Bürgermeister Valeri Martschenko zu sprechen. Sie fordern Hilfe von den ukrainischen Behörden und wollen wissen, wann der öffentliche Dienst wieder läuft. Aber der Bürgermeister kommt nicht. Der Bürgermeister sei „ein Idiot, ein Lügner“, klagt Fitscher. „Er hat seine Haut gerettet und Menschen zurückgelassen.“ Martschenko verließ die Stadt, bevor die Russen sie im April einnahmen. „Wir wussten nichts von den Evakuierungen. Ich konnte nicht weg. Und jetzt bin ich eine Verräterin, weil ich dank der russischen Rationen überlebt habe“, sagt sie.

Die Gespräche drehen sich auch darum, wer für die massiven Zerstörungen in der zwischen die Fronten geratenen Stadt verantwortlich ist. Die Russen oder die Ukrainer? Auch hier gehen die Meinungen auseinander. Einige behaupten, auch Einheimische seien schuld. „Diese Querelen sind ein Problem der Demokratie. Das würde bei den Russen nicht passieren“, sagt ein Mann, der plötzlich in der Menge auftaucht und gleich wieder verschwindet.

Die Mehrheit der Ukrainer im Osten des Landes spricht Russisch, einige von ihnen sind pro-Moskau. Vor dem Krieg lebten etwa 47.000 Menschen in Izyum. Nach Angaben der Stadt blieben weniger als die Hälfte, darunter viele pro-russische Einwohner. Einige von ihnen, vor allem diejenigen, die eng mit den Besatzern kooperierten, seien vor dem Eintreffen der ukrainischen Truppen geflohen, sagt ein ukrainischer Soldat, der anonym bleiben möchte. Seit Sonntag patrouilliert das ukrainische Militär in Isjum. Panzer fahren mit ohrenbetäubendem Lärm durch das Zentrum.

Der Streit geht vor dem Rathaus weiter. Taisija Litowka hält sich aus der Diskussion heraus. „Wir waren verloren und jetzt sind wir überglücklich“, freut sich die 46-jährige Krankenschwester über die Befreiung von Isjum. Nun hofft sie, dass das Telefonnetz bald wieder funktioniert, um endlich mit ihren Kindern in der Westukraine sprechen zu können.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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