Samstag, November 26, 2022
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Streitpunkt Synodaler Weg Die Angst vor der deutschen Kirchenspaltung

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Steht der Weltkirche ein „Feuerbrand“ bevor, der erneut von Deutschland ausgeht? Diese Frage hing über dem einwöchigen Treffen der deutschen Bischöfe in Rom. Das „deutsche Schisma“ scheint tatsächlich die Angst im Vatikan zu sein.

Eigentlich ist der Routinebesuch der Ortsbischöfe beim Papst in Rom eine eher unspektakuläre Angelegenheit. Alle fünf Jahre müssen die 5.300 Bischöfe weltweit vor die Schwelle des Grabes des Kirchengründers Petrus treten: auf Latein „ad limina petri“. Aus diesem Anlass besuchen die Bischöfe Rom. Viele von ihnen haben hier Theologie studiert. Man trifft sich, isst gutes römisches Essen, sieht den Papst, trifft sich mit den einzelnen Ministern, die in der Kurie „Präfekte eines Dikasteriums“ genannt werden, berichtet und verabschiedet sich dann fröhlich. Bis zum nächsten Mal.

Doch der Besuch der deutschen Bischöfe stand unter einem anderen Stern. In Rom trafen Welten aufeinander, die kaum noch miteinander vereinbar scheinen. Auf der einen Seite steht die deutsch-katholische Kirche, die mit den Missbrauchsfällen aufräumen will, auf der anderen Seite eine römische Kirche, für die die bloße Benennung der Probleme ein Abfall vom reinen Glauben zu sein scheint, der Anfang eines Schismas in der Kirche, dem „deutschen Schisma“. Schon wieder die Deutschen, Sie hören Vatikan.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing von Limburg, versuchte dem entgegenzuwirken und sah am Ende des Besuchs in Rom das Glas halb voll: Es sei gut, dass die Probleme auf dem Tisch lägen. Weniger gut ist, dass es noch keine Einigung über deren Lösung gibt. „Aber damit habe ich auch nicht gerechnet“, sagte der 61-Jährige.

Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit Rom ist der synodale Weg: In Rom wird er als Weg verdächtigt, der zu einer Spaltung der Kirche führt. Die vor drei Jahren wegen der zahlreichen Missbrauchsfälle einsetzende katholische Selbstkritik ging laut Vatikan zu weit.

Bätzing sah das anders: „Die Missbrauchsskandale haben das Vertrauen der Menschen in die Kirche erschüttert“ und zu einer enormen Austrittswelle geführt. Die Täter waren Priester, die Schutzbefohlene, Minderjährige und Angehörige sexuell missbrauchten. Bätzing hat es klar gesagt: „Nur mit einem Neuanfang kann die Kirche das Vertrauen der Gläubigen zurückgewinnen“. Deshalb hat sich die Kirche 2019 auf den synodalen Weg begeben – ein Versuch, die gesamte Kirche in Selbstkritik und Vorschläge für eine Kirche, der die Menschen wieder vertrauen, mitzunehmen.

Dazu haben die 67 deutschen Bischöfe gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZDK), das sich aus Vertretern der Diözesanräte und katholischen Organisationen zusammensetzt, eine Synodenversammlung eingerichtet – eine Art katholisches Parlament aus aktiven Laien und Bischöfe. Nach dreieinhalb Jahren Diskussionstreffen wurden in vier Arbeitsgruppen Entscheidungen getroffen.

Die Dokumente des synodalen Weges sprechen Klartext: Die „Fälle sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche, die von Bischöfen und anderen Kirchenführern jahrzehntelang vertuscht wurden“, haben das Vertrauen erschüttert. Die Synodalisten blieben dabei nicht stehen: Sie nahmen die Struktur der Kirche auf, wie sie die sogenannte MHG-Missbrauchsstudie vorschlug, und forderten eine Revolution der katholischen Sexualmoral: keine Sexualität mehr, „die nur auf genitale Sexualität reduziert ist, sowie das Primat der biologischen Fruchtbarkeit“.

Auch wenn die Resolution zur Sexualmoral keine Zweidrittelmehrheit der beteiligten Bischöfe erhielt, waren gut acht von zehn Teilnehmern der Synodenversammlung dafür. Die Forderung nach einer „doktoralen Begutachtung von Homosexualität“ scheiterte an der Sperrminorität der Bischöfe.

Die Konservativen in der Kirche wehren sich seit Monaten gegen den synodalen Weg. Im April unterzeichneten 70 Bischöfe, darunter vier Kardinäle, einen Appell an die deutschen Bischöfe, sich nicht dem Druck der „säkularen Mentalität“ zu beugen und am Lehramt für Sexualmoral festzuhalten. Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch ließ verlauten, dass dieser Reformweg in der deutschen Kirche „Erinnerungen an Erscheinungen und Phänomene der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland“ wecke, als unter Hitler eine „Deutsche Kirche“ gegründet worden sei.

Ein historisch falscher Vergleich, den der Schweizer Kardinal kritisieren musste. Die den Nazis nahestehende Kirche war von evangelischen Kirchenvertretern und nicht von Katholiken gegründet worden. Bätzing forderte von Koch eine öffentliche Entschuldigung für einen Vergleich, der suggerierte, „dass wir uns in Deutschland nicht mit dem schrecklichen Erbe des Nationalsozialismus auseinandersetzen würden“. Koch kam dem nicht nach. Die Stimmung vor dem Pflichtbesuch in Rom war sehr aufgeregt.

Aber es stimmt auch: Der synodale Weg ist ein Frontalangriff auf Teile des katholischen Katechismus. Sie lehnen die „bedingungslose Verurteilung von Methoden der künstlichen Empfängnisverhütung, Selbstbefriedigung, gleichgeschlechtlicher und vorehelicher Sexualität“ und die Diskriminierung von Wiederverheirateten ab.

Doch all das steht in völligem Widerspruch zur katholischen Sittenlehre, die Ehebruch, Selbstbefriedigung, Unzucht, Pornografie, Prostitution, Vergewaltigung und homosexuelle Handlungen als „schwere Sünden gegen die Keuschheit“ bezeichnet. „Freies Zusammenleben“ und „vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr“ sind „Konkubinat“ für die römisch-katholische Sittenlehre. Weltfremd und ein Grund für die Entfernung der Gläubigen aus der Kirche, kontern die Synodalisten. Denn die „normalen“ Gläubigen lebten im Sinne der katholischen Sittenlehre völlig in Sünde.

Deshalb stellten die deutschen Bischöfe in Rom eine andere Vision auf: „Wir sind katholisch, aber wir wollen anders katholisch sein“, sagte Bischof Bätzing. Was das konkret bedeutet, hatte die Synodenversammlung empfohlen: Der Papst solle „Homosexualität fachlich aufklären und neu bewerten“. Da die homosexuelle Orientierung zum Menschen gehört, wie er*sie von Gott geschaffen wurde, sollte sie nicht anders als die ethische Orientierung beurteilt werden als die heterosexuelle Orientierung.

„Wir folgen der Forschung der Humananthropologie“, wonach sexuelle Orientierung keine Entscheidung des Einzelnen sei, sagte Bischof Bätzing. Die Natur schafft nicht nur zwei Geschlechter, sondern mehr, einschließlich Zwischenformen. Sie alle sind daher Teil der Schöpfung und sollten nicht diskriminiert werden. Eine Kulturrevolution. Rom akzeptierte die Beschlüsse des synodalen Weges als Beginn eines Schismas.

Bätzing dagegen weigert sich: „Wir haben nur Probleme auf den Tisch gelegt, die sich nicht wegerklären lassen.“ Er weiß, dass nur der Papst eine Änderung in der katholischen Morallehre herbeiführen kann. Hier verneigte sich Bätzing, allerdings nicht bei der Frage der Segnung homosexueller Paare: „Ich werde sie segnen, ohne Wenn und Aber“, auch wenn es offiziell verboten ist.

Die nächste Frage, die deutsche Katholiken beschäftigt, ist die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche. „Sollte es Frauenordinationen geben? Wo ist die rote Linie?“ In Rom wurde den deutschen Bischöfen zu Geduld geraten. „Die deutschen Gläubigen haben die Geduld verloren“, sagte Bätzing.

Der Stellvertreter des Papstes, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, warnte die deutsche Kirche, keine „Reform der Kirche“ zu fordern, sondern es bei „Reformen in der Kirche“ zu belassen. Andererseits waren die Kardinäle Luis Francisco Ladaria, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, früher bekannt als Inquisition, und Marc Ouellet, Präfekt des Dikasteriums für Bischöfe, deutlicher: Sie mochten die „Methode nicht, den Inhalt oder die Vorschläge des synodalen Weges“.

An der letzten Plenarsitzung des offenen Schlagabtauschs mit den Bischöfen nahm Papst Franziskus nicht einmal teil: „Der Papst ist ein kluger Jesuit“, sagte Bätzing, „er wollte uns die Probleme allein regeln lassen“. Franziskus hatte seine Sichtweise bereits auf seiner letzten Reise im Plauderton dargelegt: „Es gibt schon eine gute evangelische Kirche in Deutschland, da braucht es keine zweite.“

Für die deutschen Läufer geht es in die nächste Runde. Bätzing und die überwiegende Mehrheit seiner Bischofskollegen sind davon überzeugt, dass die in Deutschland auf den Tisch gebrachten Probleme weltweit zu spüren sind. Sie würden nicht gelöst, indem man sie ignorierte. Sicherlich ist in der Weltkirche die Methode der Versammlung mit Laien und der Abstimmung nicht üblich. Das wäre etwas typisch Deutsches. Aber Bätzing ist hoffnungsvoll: Nächstes Jahr beginnt die Weltsynode, das ist die Gelegenheit, weiter zu reden. Er versichert uns, dass sie keine eigene Kirche gründen, sondern reformieren wollen.

(Dieser Artikel wurde erstmals am Samstag, den 19. November 2022 veröffentlicht.)

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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