Sonntag, Mai 22, 2022
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Teure Lebensmittel: Spekulanten schuld?

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Wie viel Verantwortung tragen Marktspekulanten für die explodierenden Preise von Agrarprodukten? Kritiker sprechen von „Glücksspiel“. Ökonomen sehen aber auch bedeutsame Effekte in der Preisbildung.

Spekulationen über Lebensmittelpreise sind ein Thema, bei dem die Reaktionen emotional sind. Der Vorwurf richtet sich gegen Hedgefonds, die auf steigende Kurse setzen. Dies würde die Preise für Weizen oder Mais auf dem Weltmarkt in die Höhe treiben und damit die Hungersnot in armen Ländern verschärfen.

Aber stimmt dieser Zusammenhang überhaupt? Ja, sagt die Nichtregierungsorganisation Foodwatch. „Weil so viel Geld von reinen Finanzinvestoren kommt, beeinflusst es auch die realen Spotpreise und den Getreidehändler“, erklärt Matthias Wolfschmidt, International Strategy Director bei Foodwatch. „Denken Sie an die großen Vier oder Fünf, die riesige Getreidelager haben.“ Die Branchenriesen achten in ihrem Geschäft genau darauf, was an den einschlägigen Börsen aktuell aufgerufen wird und orientieren sich daran, so Wolfschmidt.

Daran ist zunächst nichts Schlechtes – im Gegenteil, sagt Marcus Schreiber, Gründer der Unternehmensberatung tws-Partners. Er selbst engagiert sich im Agrarsektor in Afrika. Er sagt: Die derzeit steigenden Preise für Agrarrohstoffe können künftige Hungerkrisen sogar abmildern. „Wenn jetzt auf diesen sogenannten Spekulationsmärkten die Preise steigen, ist das nichts weiter als eine Aufforderung an die Landwirte, mehr zu produzieren.“

Künftig wird es noch mehr Weizen auf dem Weltmarkt geben, wenn sich die Krise – wie derzeit erwartet – verschärft. Nämlich im Herbst, wenn die Ernte aus der Ukraine ausbleibt. Anleger an den Agrarrohstoffmärkten seien laut Schreiber eine Art Frühwarnsystem. „Das heißt also, wenn jetzt nichts passieren würde, dann würden die Preise in sechs Monaten wirklich durch die Decke gehen“, erklärt er das Prinzip. „Die Lebensmittelspekulanten, wie sie weiterhin genannt werden, sind wie ein Frühwarnsystem. Sie geben Papiere aus und sagen: ‚Wir sind bereit, in sechs Monaten Weizen für viel mehr Geld zu kaufen‘.“

Das ist auch eine Art Versicherung für die Landwirte, die künftig einen garantierten Preis für ihre Ware erhalten. Wirtschaftsethik-Professor Ingo Pies von der Universität Halle-Wittenberg hält daher den Preismechanismus der Agrarrohstoffmärkte für ökonomisch sinnvoll. „Die Preissignale veranlassen uns, heute sparsam zu sein, damit wir im Notfall morgen mehr Getreide zur Verfügung haben.“

Ob die Lebensmittel dann auch die ärmsten Länder erreichen, ist eine andere Frage. Laut Wirtschaftsethiker Pies spielte hier in der Vergangenheit auch staatliches Fehlverhalten eine Rolle. Exportländer hätten ihr Angebot künstlich reduziert, gleichzeitig hätten Abnehmerländer mehr gekauft als sie benötigten – und damit die Nachfrage und damit die Preise in die Höhe getrieben.

Wenn Foodwatch nun von „Wetten auf Agrarrohstoffpreise“ spricht, ist das aus Sicht des Wirtschaftsethikers irreführend. „Die zivilgesellschaftlichen Kampagnen bedienen sich Glücksspielmetaphern und erwecken den Eindruck, dass es moralisch verwerflich ist, wenn sich Finanzakteure auf dem Terminmarkt für Agrarrohstoffe engagieren“, kritisiert Pies. „Dann ist die Rede von Glücksspiel, von Kasinos, von Wetten auf Hunger.“

Es sei darauf hingewiesen, dass es keine eindeutigen Beweise dafür gibt, dass Warentermingeschäfte auch die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben. Andererseits zeigen zahlreiche Studien, dass vor allem realwirtschaftliche Faktoren die Preise am Markt beeinflussen. Ein Markt, bei dem es natürlich auch darum geht, Geld zu verdienen.



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