Sonntag, Januar 23, 2022
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Textilindustrie neu denken: Wie Mode fairer sein kann

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In der Modebranche kommen jedes Jahr immer mehr Kollektionen auf den Markt. Die „Fair Fashion Week“ soll die Aufmerksamkeit auf Nachhaltigkeit, Klimafragen und Bedingungen in den Produktionsländern lenken.

Was gibt es Schöneres als Shoppen. Kaufen ist befriedigend, Kaufen macht Spaß. Doch beim Kleiderkauf wird das Geld oft am Schrank vorbei und direkt aus dem Fenster geworfen. 40 bis 70 Kleidungsstücke werden in Deutschland pro Kopf und Jahr gekauft. Aber 40 Prozent davon werden maximal zweimal getragen. „Fast Fashion“ heißt: schnell gekauft und schnell aussortiert. Beim Konsum werden Umweltaspekte und teilweise menschenunwürdige Produktionsbedingungen oft außer Acht gelassen.

„Seit dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch hat die Frage nach den Arbeitsbedingungen, unter denen unsere Kleidung hergestellt wird, viel Aufmerksamkeit erregt“, sagt Ursula Artmann, Geschäftsführerin des „Weltladen“ in Frankfurt und Mitglied des Organisationsgruppe „Fair Fashion Week“. 2013 kamen in Dhaka 1.134 Menschen ums Leben, als eine achtstöckige Textilfabrik einstürzte. Mehr als 30 westliche Firmen ließen in Rana Plaza Textilien und Bekleidung produzieren, darunter fünf deutsche.

„Fairer Handel steht auch für sichere Produktion, er bietet mehr als nur eine Alternative“, sagt Artmann. Auch die Frankfurter „Fair Fashion Week“ zeigt aktuelle Einblicke in die Produktionsbedingungen in Bangladesch. Der Filmabend „Made in Bangladesh“ skizziert die Geschichte einer jungen bengalischen Frau, die als Näherin arbeitet.

Längst gibt es nicht nur vier Kleiderkollektionen pro Jahr. Die Frühjahrs-, Sommer-, Herbst- und Winterkollektionen wurden um eine Reihe von Zwischenversionen erweitert. Große Textilunternehmen präsentieren jährlich über 20 Kollektionen für den schnellen Zugriff. Darüber hinaus sorgt Werbung für die Marktbeherrschung.

„Viele nicht nachhaltige Modeketten unternehmen große Anstrengungen, um Mode zu kaufen, die wir eigentlich nicht brauchen und nicht kaufen wollen“, sagt Nachhaltigkeitsforscher Jacob Hörisch. „Diese Anbieter versuchen, uns auf andere Kriterien aufmerksam zu machen, um zum Kauf von eigentlich nicht benötigten Artikeln zu animieren. Dies geschieht zum Beispiel durch Rabattaktionen am ‚Black Friday‘. Das lenkt von sozialen und ökologischen Überlegungen ab. „

Beim textilen Konsum klafft noch immer eine Lücke zwischen Wissen und Handeln. „Um diese zu schließen braucht man mehr Anknüpfungspunkte – das heißt mehr Fashion Stores und Designs – die nachhaltig produziert werden. Das muss verständlich kommuniziert werden“, sagt Marlene Haas, geschäftsführende Gesellschafterin des Beratungsunternehmens „Lust for a better Leben“. „Für viele Verbraucher ist das auch eine Frage des Preises und der Nutzung. Politische Rahmenbedingungen wie das Lieferkettengesetz können helfen, nicht nachhaltige Unternehmen in die Verantwortung zu nehmen, damit nachhaltige Mode nicht mehr teurer wird.“

Vom 13. bis 21. Januar sind zur „Fair Fashion Week“ Angebote zum Thema Nachhaltigkeit geplant: zum Beispiel eine Kleidertauschparty, Diskussionsrunden zum Geschäftsmodell „Fast Fashion“ oder ein Upcycling-Workshop, in dem Kleidung hergestellt werden kann unter Aufsicht wieder flott.

Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Mode ist mittlerweile relativ hoch. Laut Umweltbundesamt geben 88 Prozent der Verbraucher an, dass sich Modemarken für den Umweltschutz einsetzen sollten, während drei Viertel Nachhaltigkeit beim Modekonsum als grundlegend wichtig erachten. Aber nur ein Drittel berücksichtigt Umweltkriterien vor und beim Kauf eines Kleidungsstücks.

„Es wäre ein echter Game Changer, obligatorische Negativ-Labels einzuführen“, sagt Nachhaltigkeitsforscher Hörisch. „In anderen Konsumbereichen – zum Beispiel bei Elektrogeräten – sehen wir, dass die Kunden sehr zurückhaltend sind, Produkte zu kaufen, die offensichtlich eine schlechte Umweltbilanz und eine schlechte Energieeffizienz aufweisen ein Hinweis ‚Kann Kinderarbeit enthalten‘, der Verbrauch würde nicht signifikant zurückgehen, da nachhaltig zertifizierte Mode“, so Hörisch.

Das Angebot an nachhaltiger Mode nimmt im stationären Handel zu – auch in normalen Kaufhäusern. „Aber die Wahrheit ist auch, dass dieser Anstieg von einer sehr niedrigen Ausgangslage ausgeht. Es ist also noch ein weiter Weg zum nachhaltigen Modekonsum“, sagt Hörisch.

Branchenkenner Haas will ein Umdenken – oder besser ein „Umdenken“: „’Brauche ich das wirklich? Ist ein Paar Sneaker nicht genug und dann nachhaltig?‘ – Damit der Trend zum kulturellen Standard wird.“ Die „Fair Fashion Week“ in Frankfurt soll Hilfestellung geben.



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