Freitag, August 12, 2022
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Tod eines Arztes in Österreich: „Dieser Hass muss endlich aufhören“

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Heute wird in Wien des toten Arztes Kellermayr gedacht. Sie hatte Corona-Infizierte engagiert behandelt und für Impfungen geworben. Dafür erfuhr sie Hass und Hetze, aber zu wenig Schutz durch die Polizei. Jetzt debattiert das Land.

Erst der Schock, dann die Bestürzung – und jetzt die drängenden Fragen: Was ist hier gewaltig schief gelaufen? „Zu Tode heimgesucht“, schreibt Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung „Falter“. Die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, Österreichs bekannteste Corona-Ärztin, kannte er gut, hatte zuletzt viel mit ihr telefoniert, sie am Ende „traumatisiert, geschockt, verängstigt“ erlebt. Das sei im Frühjahr 2021 noch ganz anders gewesen, hatte sie fröhlich getwittert: „So, jetzt werde ich Landärztin“, als sie sich ihren Traum von einer eigenen Praxis am Attersee erfüllte.

Einzelne Hasskommentare und Morddrohungen von Impfgegnern steckte sie weg. Bis November: Impfgegner demonstrierten vor dem Krankenhaus Wels-Grieskirchen, Lisa-Maria Kellermayr war wie viele andere empört. Sie twitterte:

Die Polizei reagierte und bezeichnete den Tweet als „Falschmeldung“ – es gab einen zweiten Zugang für die Krankenwagen. Doch der Hass organisierter Impfgegner-Telegrammgruppen hatte fortan ein Ziel: den Impfarzt aus Seewalchen. Kellermayr löscht ihren Tweet, die Polizei nicht, obwohl der Arzt darum gebeten hat.

Fortan wurde der Landarzt mit Beleidigungen, Verleumdungen und Morddrohungen überschwemmt. Sie erzählte von mutmaßlichen Patienten, die nur kamen, um den Praxisbetrieb zu stören, machte Handyvideos, verbreitete die Bilder in Impfgegnerkreisen.

Kellermayr sucht Hilfe bei der Polizei, beim Verfassungsschutz macht sie ihr Problem öffentlich. Sie wird zur Symbolfigur für Ärzte, Pfleger, die sich während der Corona-Pandemie für ihre Mitmenschen aufreiben – und deshalb angefeindet und bedroht werden. Österreichs Innenminister Gerhard Karner spricht – im Jänner – von Bedrohungen im „niedrigen zweistelligen Bereich“, die jedoch „ernst genommen werden müssen“.

Ein von „PULS24.at“ zitiertes Memo der oberösterreichischen Polizei zum Fall Kellermayr klingt so:

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen der Propagandisten, stellt das Verfahren aber im Juni ein. Es ging gegen einen Verdächtigen in Deutschland vor, weil Sie nicht verantwortlich sind. Eine deutsche Netzwerkspezialistin bietet ihre Hilfe an und macht schnell zwei mögliche Täter ausfindig: einen Neonazi aus dem Berliner Rau und einen Mann aus Oberbayern, der mit einem „Volkstribunal“ droht. Der Experte wird ignoriert. Die bedrohte Ärztin gibt viel Geld für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter, ihrer Patienten, für sich selbst aus. Ein bewaffneter Wachmann steht am Eingang der Praxis und stoppt einige „Patienten“, die mit Schmetterlingsmessern ins Wartezimmer wollten.

Bei der Ärztekammer Oberösterreich schüttelt man erst einmal den Kopf: „Ich sehe, dass man sich wehren muss, aber ob man auf Twitter über jedes Thema exzessiv sprechen muss, ist eine andere Frage.“

Ende Juni schließt Frau Dr. Kellermayr ihre Praxis. Für ihre Mitarbeiter ist die Situation nicht mehr tragbar. Außerdem waren die Kosten für die Sicherheit nicht mehr überschaubar, 100.000 Euro bis dahin. Anfang Juli hatte sie angekündigt, die Praxis wiedereröffnen zu wollen, die Ärztekammer wolle ihr helfen, eine Insolvenz zu vermeiden. Am vergangenen Freitag wurde Lisa-Maria Kellermayr tot in ihrer Praxis aufgefunden. „Kein Fremdverschulden“, sagt die Staatsanwaltschaft. Es gibt Abschiedsbriefe. Drei, schreibt die „Kronenzeitung“, einer davon beim Landespolizeipräsidium Oberösterreich. Von der Staatsanwaltschaft: kein Kommentar zum Inhalt.

Das offizielle Österreich ist bestürzt. Bundespräsident Alexander van der Bellen twitterte: „Hass und Intoleranz haben in unserem Österreich nichts zu suchen.“ Gesundheitsminister Johannes Rauch schreibt: „Dieser Hass muss endlich aufhören.“ Seine beiden Vorgänger traten wegen zunehmender Anfeindungen mit Verweis auf die Hasskampagne gegen den Landarzt zurück.

Daniel Landau, der in Wien bereits das „Lichtermeer“ gegen die Impfgegner-Demonstrationen organisiert hat, ruft zu einem stillen Gedenken für die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr auf dem Stephansplatz in Wien auf. Die Glocken des Stephansdoms werden läuten. Rund um die Kathedrale Kerzen. Ein neues „Lichtmeer“ ist geplant. Das braucht Österreich jetzt:

Die Österreichische Ärztekammer unterstützt den Appell. Polizei und Staatsanwaltschaft weisen alle Vorwürfe zurück und ermitteln weiter. Der tote Arzt wurde in den Querdenkern und Impfgegnern auf Telegram, Twitter und Facebook weiter verspottet.

Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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