Freitag, Juni 24, 2022
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Tödliche Autofahrt in Berlin Psychisch Kranke werden nicht gewalttätiger

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Mit dem Auto in eine Menschengruppe fahren, das ist in Berlin passiert. Wer das tut, kann nur psychisch krank sein. Aber ist das grundsätzlich so? Experten haben eine klare Antwort.

Bei Verbrechen wie der Todesfahrt in Berlin ist davon auszugehen, dass sie von psychisch kranken Tätern begangen werden – aber Experten zufolge sind es die wenigsten wirklich. „Psychisch Kranke sind nicht gewalttätiger als die breite Öffentlichkeit, aber wenn solch spektakuläre Fälle auftreten, sorgt das natürlich für Aufsehen in den Medien“, sagt Isabella Heuser, Direktorin der Klinik und Universitätsambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin . Dadurch entsteht der Eindruck, dass nur psychisch Kranke zu solchen Taten fähig sind.

Laut der Kriminalpsychologin Karoline Roshdi, die unter anderem zum Umgang mit bedrohlichem Verhalten und zur Prävention von schwerer Gewalt und Amok berät, werden nur rund ein Drittel solcher Taten von Menschen mit psychischen Störungen begangen. Psychische Erkrankungen – von Angststörungen und Depressionen bis hin zu Störungen beispielsweise durch Alkoholkonsum – sind in der Bevölkerung recht häufig: Fast 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie von a Geisteskrankheit jedes Jahr. Das entspricht rund 17,8 Millionen Menschen.

Der Todesfahrer aus Berlin soll laut Staatsanwaltschaft in eine Psychiatrie kommen. Es gebe Hinweise darauf, dass der 29-Jährige an einer paranoiden Schizophrenie leide, hieß es. Bei einer Hausdurchsuchung wurden Drogen gefunden. Berlins Innensenatorin Iris Spranger berichtete, der Mann sei in der Vergangenheit häufig polizeilich aufgefallen, es habe Ermittlungen wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Beleidigung gegeben. Am Mittwochmorgen raste der Mann in der Nähe der Gedächtniskirche über die Gehwege von Ku’damm und Tauentzienstraße. Nach neuesten Informationen wurde ein Lehrer getötet und 32 Menschen verletzt, darunter viele Schüler der 10. Klasse aus Hessen.

Ein weiterer Fall, bei dem ein psychisch kranker Mann randalierte, ereignete sich im Februar 2017 in Heidelberg: Ein 35-Jähriger prallte gegen eine Menschengruppe. Ein 73-jähriger Mann starb. Der Täter wurde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Ein Jahr später, im April 2018, ereignete sich in Münster ein ähnlicher Fall. Ein weiterer Mann stieß mit einer Menschengruppe zusammen. Fünf Menschen starben und mehr als 20 wurden verletzt. Anschließend erschoss sich der Mann selbst. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter psychisch krank war.

Auch in Bottrop und Essen kam es zu einem Amoklauf. Im Januar 2019 steuerte ein psychisch kranker Rechtsextremist mit seinem Auto in beiden Orten Nachtschwärmer an, die er für Ausländer hielt. 14 Menschen wurden verletzt. Der Mann wurde in die geschlossene Psychiatrie gebracht. Trotz dieser Aufzählung betont Klinikdirektor Heuser, dass es sich um Einzelfälle handele. Die Frage, was solche Täter bewegt, kann sie nicht abschließend beantworten. „Wenn der Täter tatsächlich eine psychische Störung hat, dann sind die Ursachen ganz andere.“ Sie reichten von Depressionen bis hin zu paranoiden Psychosen.

Roshdi wird etwas konkreter: Im aktuellen Fall sei noch vieles unklar, eine genaue Einschätzung daher schwierig. In solchen Fällen liegt jedoch häufig eine Schizophrenie mit Paranoia vor. Im aktuellen Fall kommt angesichts des besonderen Tatorts – der islamistische Anschlag lag 2016 in der Nähe – auch eine „Imitationsdynamik“ in Betracht. Auf die Frage, wie vorhersehbar solche Taten seien, sagt der Kriminalpsychologe, man könne Gefährdungsbeurteilungen vornehmen, für die es auch solide Instrumente gebe – „aber das ist eine Momentaufnahme für das Hier und Jetzt“.

Gewaltphantasien und Krisenerfahrungen könnten dazu beitragen, dass Menschen in solche Ausnahmezustände geraten. „Was wir relativ oft haben, ist, dass kurz vor einer solchen Tat etwas passiert, was die Täter moralisch sehr erschüttert“, sagte Roshdi. Das Problem bei der Prävention sei, dass Täter ihre Gewaltphantasien oft nicht preisgeben, sagt Heuser. Einige von ihnen machten zum Beispiel aggressive oder düstere Kommentare in den sozialen Medien. „Aber die traurige Wahrheit ist, dass man das alles erst im Nachhinein erfährt.“

Wenn die Menschen im Umfeld eines möglichen Täters solche aggressiven Äußerungen mitbekommen, sollten sie sich erst einmal mit ihm verständigen. Außerdem gebe es zum Beispiel Gewaltpräventionszentren, die man anrufen könne, sagt Heuser. Aber eine solche Tat ist für die Opfer und ihre Familien besonders schockierend. Sie brauchen nach einem solchen Erlebnis oft psychologische Unterstützung. Man müsse ihnen laut Heuser sofort einen Notseelsorger zur Verfügung stellen. Das hat nach den Lehren aus dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz 2016 wohl gut geklappt. Notfallseelsorger waren sofort vor Ort.

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