Donnerstag, Juni 23, 2022
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Vernachlässigung und Verachtung "Team Wallraff" dokumentiert Demütigung von Pflegebedürftigen

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Die Bilder sind kaum zu ertragen, Senioren liegen in dreckigen Betten und werden vom Pflegepersonal hart behandelt. Reporter filmen solche Situationen immer wieder. Sind das wirklich nur Einzelfälle? Das „Team Wallraff“ legt mit einem Operator nach.

Seit Jahren dokumentieren die investigativen Reporter des „Team Wallraff“ skandalöse Zustände in deutschen Alten- und Pflegeheimen. Erst im Februar zeigten sie die Folgen von Personalmangel und Sparmaßnahmen in privat geführten Pflegeeinrichtungen.

Die Bilder waren so schockierend, dass nur einen Tag nach ihrer Ausstrahlung die überprüfte Augsburger Einrichtung der Pflegekette „Sereni Orizzonti“ geschlossen wurde – angeblich wegen eines Corona-Ausbruchs. Auch Mitarbeiter hätten die gemeldeten Zustände bestätigt. Seitdem melden sich Pflegekräfte und Angehörige bei RTL und berichten von erschütternden Erlebnissen in der Altenpflege. Sie alle schilderten ähnliche Zustände in verschiedenen Pflegeeinrichtungen, wie sie die Reporter bei ihren verdeckten Einsätzen im Spätsommer 2021 erlebten: heruntergekommene Zimmer, Personalmangel und Überforderung sowie Pflegefehler.

Ein Betreiber stach in den Briefen besonders hervor: der private Anbieter „Alloheim“. Im Februar wies das Unternehmen unter anderem darauf hin, dass es sich nur um bedauerliche Einzelfälle handele. Aber legen die zahlreichen aktuellen Hilferufe nicht etwas anderes nahe? „Team Wallraff“ ging den Hinweisen nach und war erneut verdeckt in drei verschiedenen privaten Einrichtungen der „Alloheim“-Gruppe unterwegs. Die besorgniserregenden Ergebnisse zeigt RTL heute um 20.15 Uhr in der neuen Ausgabe „Team Wallraff – Jetzt noch mehr!“.

Mit mehr als 240 Seniorenresidenzen in ganz Deutschland und 23.600 Pflegeplätzen ist das Unternehmen „Alloheim“ der zweitgrößte private Anbieter in Deutschland. Eine Pflegekraft der Seniorenresidenz „Ederbergland“ in Frankenberg meldete sich mit einem Hilferuf beim „Team Wallraff“. Er berichtet, dass die Bewohner teilweise aggressiv behandelt und grobe Pflegefehler begangen wurden. Bei einem sechstägigen Undercover-Einsatz wurde ein RTL-Reporter am ersten Tag Zeuge, wie ein über 80-jähriger Bewohner von einer Krankenschwester beschimpft und gedemütigt wurde, weil er in sein Bett uriniert hatte. Es ist bekannt, dass der ältere Herr schon lange einen Katheter benötigt. Der Reporter wird mehrfach Zeuge, wie der Anwohner dafür bestraft wird, dass er sich einnässt.

In einer Stellungnahme gegenüber RTL schreibt „Alloheim“: „Alloheim hat klare Richtlinien für den Umgang mit inkontinenten Bewohnern: Menschen, die (…) unter unfreiwilligem Urinverlust leiden, erhalten entsprechende Hilfsmittel, um einem unkontrollierten Wasserlassen im Bett entgegenzuwirken.“ Weiter heißt es: „Wir legen großen Wert auf einen respektvollen und würdevollen Umgang mit den uns anvertrauten Bewohnern. Ein anderes Verhalten der Mitarbeiter gegenüber unseren Bewohnern wird nicht akzeptiert.“

Fachpersonalmangel und grobe Pflegefehler – das soll es auch im „Alloheim“-Seniorenheim „Brunswik“ geben. Diesen Vorwürfen geht ein RTL-Reporter im Frühjahr 2022 im Rahmen eines zweiwöchigen Praktikums auf der Station „Young Care“ nach. Pflegebedürftige Menschen im Alter von 18 bis 65 Jahren werden in einem Seniorenheim untergebracht und betreut. Nutzt das Unternehmen mit diesem neuen Konzept eine Lücke im Gesundheitssystem aus, um mehr Profit zu machen?

Auch in dieser Einrichtung sind eine Vielzahl von Missständen dokumentiert, darunter erhebliche Mängel in der täglichen Hygiene der Bewohner mit teilweise schmerzhaft aussehenden Entzündungen. Einige Mitarbeiter geben zu, dass sie keine angemessene Schulung erhalten haben. „Alloheim“ verneint dies und schreibt in der Stellungnahme gegenüber RTL: „Alle in der Jugendpflege tätigen Pflegehelfer erhalten eine vierwöchige Schulung in der Jugendpflege, inklusive einer Schulung zu den Krankheitsbildern und dem Umgang damit. Dies ist unabhängig und ergänzend zur Ausbildung als Pflegehelfer/in. (…) Pflegehelferinnen und Pflegehelfer werden in der Abteilung Junge Pflege vorschriftsmäßig eingesetzt und zusätzlich von einer Pflegefachkraft betreut.“

Das Pflegeheim wirbt damit, dass es in den „Young Nurses“ verschiedene Therapie- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Pflegebedürftige anbietet. Eine Unterkunft in diesem Bereich wird mit knapp 6000 Euro pro Monat abgerechnet. Von Therapieangeboten während ihres Praktikums erfährt die Reporterin allerdings nichts. „Alloheim“ schreibt in seiner Stellungnahme, dass das Pflegepersonal zahlreiche Fortbildungen, auch psychosoziale, durchlaufen würde und begründet: „Ziel der jungen Pflege ist es, die Mobilität zu erhalten und die Förderung und Rückkehr zu einer möglichen Rehabilitation, einem selbstständigeren Leben oder a selbstständigeres Leben.(…) Wir weisen den (…) Vorwurf entschieden zurück, dass die Bewohner in „Young Care“ nicht ausreichend aktiviert werden.(…) Darüber hinaus wehren wir uns gegen den Vorwurf, dass ‚Alloheim‘ sei in erster Linie nur um mehr Gewinn.“

Auch das „Team Wallraff“ konfrontierte Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit dem Videomaterial der verdeckten Ermittlungen. Wie konnte es dazu kommen? Für den Gesundheitsminister liegt der Fehler in der Privatisierung der Pflegewirtschaft mit der Einführung der Pflegeversicherung 1995. „Jetzt ist es so, dass diese privaten Investoren einfach nicht enteignet werden können“, sagte Lauterbach im RTL-Interview. „Das ist rechtlich nicht machbar. Rückblickend hätte ich es für richtig gehalten, wenn die Pflege einfach eine kommunale Aufgabe geblieben wäre.“

„Konzerne wie ‚Alloheim‘ müssen viel strenger kontrolliert werden – und wenn sie den Druck auf Rückgabe und menschenwürdige Betreuung nicht vereinen können, müssen sie geschlossen werden“, bilanziert Günter Wallraff nach den neuen Recherchen. Grundsätzlich sollte kein Pflegeheim den Gewinn auf Kosten der Bewohner maximieren. Die Kette „Alloheim“ spricht von einzelnen Ausfällen und Einzelfällen. „Ich überlasse es Ihnen zu urteilen.“

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