Montag, November 29, 2021
StartNACHRICHTENVirologe Ciesek zur Corona-Situation ist Krankenhauseinweisungsrate "Schau in den Rückspiegel"

Virologe Ciesek zur Corona-Situation ist Krankenhauseinweisungsrate "Schau in den Rückspiegel"

- Anzeige -


Die Zahl der Infektionen nimmt in Deutschland rasant zu. Entscheidend für strengere Maßnahmen ist jedoch die umstrittene Hospitalisierungsrate. Aber warum das die aktuelle Corona-Situation verzerrt, erklärt Virologe Ciesek im ndr-Podcast. Beim Erreichen von Schwellenwerten ist es bereits zu spät, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Deutschland hat die vierte Corona-Welle weiterhin fest im Griff. Die Zahl der Neuinfektionen erreicht fast täglich neue Höchststände. Nach aktuellen Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) liegt die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz nur hauchdünn unter 400. Entscheidend für strengere Maßnahmen ist jedoch die Krankenhauseinweisungsrate. Sie ist derzeit der wichtigste Parameter zur Beurteilung der Infektionshäufigkeit. Das sei aber „ein Blick in den Rückspiegel und nicht nach vorne“, kritisierte die Virologin Sandra Ciesek im NDR-Podcast „Coronavirus Update“.

Die Krankenhauseinweisungsrate gibt an, wie viele Covid-19-Patienten pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche ins Krankenhaus eingeliefert werden. Bei Überschreitung der Grenzwerte 3, 6 und 9 können die Länder strengere Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie verhängen. Bundesweit liegt der Wert aktuell bei 5,28. „Aber es gibt große regionale Unterschiede, die dort gar nicht abgedeckt werden“, sagt Ciesek. Der Wert in Hamburg liegt bei etwa 2 – ein sehr guter Wert. Thüringen hingegen hat eine Krankenhauseinweisungsrate von 17,59. „Das ist höher als der Spitzenwert, den wir zu Weihnachten 2020 mit rund 15,5 hatten.“

Neben den großen regionalen Unterschieden führt die verzögerte Meldung zu einer Verzerrung der Ist-Situation in den Krankenhäusern, warnt der Direktor der Medizinischen Virologie des Universitätsklinikums Frankfurt am Main. „In Sachsen lag die Krankenhauseinweisungsrate letzte Woche bei 4,39.“ Allerdings sind viele Kliniken im Freistaat bereits an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Der niedrige Wert entspreche nicht dem, was dort passiert sei, sagte Ciesek. Der Grund dafür ist, dass für die Krankenhauseinweisungsquote das Datum der Infektionsmeldung eines Patienten maßgebend ist, nicht der Tag der Krankenhauseinweisung. Zudem würden viele Patienten nicht innerhalb einer Woche, sondern meist viel später in Kliniken aufgenommen.

Daher sei es bereits zu spät, um gegenzusteuern, wenn die Krankenhauseinweisungsrate bestimmte Schwellenwerte erreiche, warnt Ciesek. Der Zusammenhang zwischen der Zahl der Neuinfektionen und der Belegung der Intensivbetten gibt ein besseres Bild der aktuellen Corona-Situation. „Man geht davon aus, dass 0,8 Prozent der Neuinfektionen auf Intensivstationen behandelt werden müssen“, sagt der Virologe. Das heißt: Je höher die Fallzahlen, desto prekärer wird die Situation in Kliniken.

Aber jetzt „können wir die Zahlen nicht mehr ändern – das Kind ist in den Brunnen gefallen“, sagt Ciesek angesichts der dramatischen Infektionslage in Deutschland. „Wir müssen nach vorne schauen und Schlussfolgerungen ziehen, jeder in seinem persönlichen Umfeld, nicht nur in der Politik.“ Jede Maßnahme, die es dem Virus erschwert, Menschen zu infizieren, sei zunächst sinnvoll, sagen die Virologen. Gleichzeitig weist sie auf die Risiken der 2G- bzw. 2G-plus-Regulierung hin.

2G bedeutet nicht, dass man sich nicht anstecken kann, warnt Ciesek. „Natürlich riskieren Sie, das Virus mit nach Hause zu Ihrer Großmutter oder schwangeren Freundin mitzunehmen, je mehr Sie mit 2G an Veranstaltungen teilnehmen.“ Etwas sicherer ist eine Plus-Variante – in Kombination mit einem täglichen Schnelltest. Allerdings bietet auch ein zusätzlicher Antigentest keine hundertprozentige Sicherheit, betont Ciesek, da „etwa die Hälfte der Infektionen übersehen wird“. Ideal wäre ein täglich aktualisierter PCR-Test, aber das ist bei den meisten Veranstaltungen kaum machbar.

Der Virologe rät daher allen, Kontakte zu reduzieren. Sie sollten sich auch gut überlegen, auf welche Veranstaltungen Sie verzichten können. „Großveranstaltungen machen meiner Meinung nach keinen Sinn“, sagt Ciesek. Hunderte von Menschen in einem geschlossenen Raum sind in der Pandemie immer ein Risiko. Ob es einen bundesweiten Lockdown geben soll, will sich der Virologe nicht äußern. „Das müssen andere entscheiden.“

„Wichtig ist, dass man gefördert werden kann“, so Ciesek weiter. Es wird nun davon ausgegangen, dass Sie ab dem 18. Lebensjahr eine dritte Impfung benötigen, um einen vollständigen Impfplan zu haben. „Und ich kann dir nur raten, das zu nehmen, was da ist. Ob Biontech oder Moderna ist für Menschen über 30 relativ egal.“ Laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) wird Schwangeren und allen unter 30 Jahren in Deutschland Moderna ohnehin nicht angeboten, um das Risiko einer Herzmuskelentzündung zu reduzieren. „Aber bei über 30-Jährigen besteht kein erhöhtes Risiko. Es gibt absolut keinen Grund, Moderna nicht einzunehmen.“

Aus Sicht von Ciesek ist es weniger wichtig, ob eine Auffrischimpfung nach fünf oder sechs Monaten erfolgt. Ob eine Auffrischung nach drei Monaten sinnvoll sein könnte, muss noch geklärt werden. „Da bräuchte man nach drei Monaten und nach sechs Monaten eine Vergleichsstudie. Aber dazu gibt es noch keine Daten.“

Eine Bestimmung der Antikörperzahl vor einer Auffrischimpfung hält der Virologe für unnötig. Bisher gibt es keinen klaren Grenzwert für einen sicheren Immunschutz. Sie haben Menschen mit extrem hohen Antikörper-Titern gesehen, die sich sowieso infiziert haben. „Antikörper sind nur ein sehr kleiner Teil der Immunantwort“, sagt Ciesek. „Wir können im Labor nicht bescheinigen, dass Sie sich definitiv nicht anstecken.“

ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare