Freitag, Juni 24, 2022
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Virus verhält sich ungewöhnlich

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Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei, als Experten erneut darüber beraten, ob die öffentliche Gesundheit in größerem Umfang bedroht ist: durch Affenpocken. „Wir wollen nicht warten, bis die Situation außer Kontrolle gerät“, warnt WHO-Spezialist Ibrahima Socé Fall.

Die Zahl der Affenpocken-Nachweise steigt in Deutschland und mehr als 40 weiteren Ländern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat deshalb ein Affenpocken-Notfallkomitee einberufen. Unabhängige Experten beraten den ganzen Tag darüber, ob die öffentliche Gesundheit einem größeren Risiko ausgesetzt ist. Dann würden sie empfehlen, einen „Notstand von internationaler Tragweite“ auszurufen. Letztendlich liegt die Entscheidung bei der WHO. Das Ergebnis der Beratungen des Expertenrates soll erst am Freitag bekannt werden.

Warum tagt der Ausschuss?

Die WHO ist besorgt über die Zunahme der gemeldeten Fälle. Das Virus verhalte sich ungewöhnlich und immer mehr Länder seien betroffen, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Bis Mitte Juni hatte die WHO gut 2100 Fälle gemeldet. Seitdem hat sich die Zahl allein in Deutschland verdoppelt. Besorgniserregend für die WHO ist, dass 98 Prozent der Fälle in Ländern entdeckt wurden, in denen das Virus zuvor praktisch unbekannt war, und nicht in afrikanischen Ländern, in denen Ansteckungen seit Jahrzehnten bekannt sind. „Wir wollen nicht warten, bis die Situation außer Kontrolle gerät“, sagte WHO-Expertin Ibrahima Socé Fall bei der Einberufung des Ausschusses.

Was bedeutet es, wenn ein Notfall ausgerufen wird?

Eine PHEIC-Erklärung (Public Health Emergency of International Concern) ist die höchste Alarmstufe, die die WHO auslösen kann. Dies hat keine direkten praktischen Auswirkungen. Vielmehr dürfte dies die Aufmerksamkeit der 194 Mitgliedsländer erhöhen. Der Expertenrat spricht Empfehlungen aus: Zum Beispiel, dass Kliniken und Praxen nach Fällen Ausschau halten und informieren sollten, damit sich möglichst wenige Menschen anstecken. Der Rat bewertet auch „das Risiko einer internationalen Ausbreitung und Risiken für den internationalen Verkehr“, sagte WHO-Sprecherin Carla Drysdale. Welche Schlüsse die Regierungen daraus ziehen, bleibt ihnen überlassen.

Wenn der Notstand ausgerufen wird, muss sich die Welt dann auf eine Pandemie wie das Coronavirus vorbereiten?

nein Auch nach dem Auftreten von Sars-CoV-2 am 30.01.2020 hat die WHO einen „Notstand von internationaler Tragweite“ ausgerufen. Aber die Krankheiten lassen sich überhaupt nicht vergleichen. Nach heutigem Kenntnisstand werden Affenpocken hauptsächlich durch engen Körperkontakt von Mensch zu Mensch übertragen. Nach Angaben der WHO sind 99 Prozent der Betroffenen Männer bis 65 Jahre, die Sex mit Männern haben. Grundsätzlich kann sich aber jeder anstecken, der engen Körperkontakt mit einer infizierten Person hat. Im Gegensatz dazu verbreitet sich das Coronavirus Sars-CoV-2 über virushaltige Aerosole, die beim Atmen, Husten und Sprechen von Infizierten entstehen. Aerosole können lange Zeit in der Luft bleiben und zu einer schnellen Übertragung beitragen.

Zum 30. Januar 2020 hatte Corona gut 20.000 bestätigte und wahrscheinliche Infektionen mit dem neuen Virus in China und 83 gemeldete Fälle in anderen Ländern. Stand 15. Juni meldete die WHO gut 2.100 Fälle von Affenpocken aus über 40 Ländern.

Was sind die Vor- und Nachteile der Ausrufung eines globalen Notstands?

Erstens halten Gesundheitsexperten in Genf es für unwahrscheinlich, dass der Ausschuss bei seiner ersten Sitzung die Ausrufung des Notstands empfehlen würde. Andererseits steigen die Infektionszahlen nicht explosionsartig, weil die Übertragung nach aktuellem Wissensstand deutlich schwieriger ist als bei Corona. Bei dem aktuellen Ausbruchsgeschehen wurden bislang meist keine schweren oder tödlichen Krankheitsverläufe beobachtet. Zudem ist der Affenpocken-Erreger ein DNA-Virus und kein RNA-Virus wie Sars-CoV-2: DNA-Viren sind inert und mutieren kaum. Daher ist nicht so schnell mit immer mehr ansteckenden Varianten wie Corona zu rechnen. Anders als zu Zeiten von Corona gibt es bereits einen Impfstoff. Es wurde gegen Pocken entwickelt, wirkt aber auch gegen Affenpocken.

Das spricht für sich: Das Virus verhält sich anders als bisher bekannt. Affenpocken sind eigentlich eine Krankheit von Nagetieren in West- und Zentralafrika. Gelegentlich springen sie dort zu Affen und auch zu Menschen hinüber. Bei engem Kontakt ist eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich. Dass sich das Virus auch in Europa ausbreitet, ist neu.

Die WHO wurde mehrfach scharf kritisiert, weil sie zu spät auf Drohungen reagiert habe. Nach dem Ebola-Ausbruch in Westafrika 2013 reagierte sie erst im August 2014 mit Sofortmaßnahmen. Mehr als 11.000 Menschen kamen ums Leben. Das wurde ihr auch im Fall von Corona vorgeworfen. Das Problem war aber eher, dass sich viele Länder – darunter auch Deutschland – trotz aller Warnungen der WHO im Januar 2020 fälschlicherweise zu lange gut gewappnet fühlten. Bis heute hat die WHO mehr als 530 Millionen Corona-Infektionen und mehr als 6,3 Millionen Todesfälle registriert. Sie geht von einer hohen Dunkelziffer aus.

Wie ist die Situation in Deutschland?

Bis zum 22. Juni haben 14 Bundesländer Hinweise auf Affenpocken gemeldet, insgesamt waren rund 520 Menschen betroffen. Eine weitere Steigerung wird erwartet. Aber „noch scheint es möglich, den aktuellen Ausbruch in Deutschland einzudämmen, wenn Infektionen rechtzeitig erkannt und Vorsorgemaßnahmen getroffen werden“, schreibt das Robert-Koch-Institut.

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