Donnerstag, Februar 9, 2023
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Wagner-Chef im Machtrausch Prigozhin entgleitet Putin

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Seine Kämpfer sind kriminell, sein Führungsstil brutal – doch Moskaus Krieg gegen die Ukraine verschafft Jewgeni Prigoschin immer mehr Einfluss im Kreml. Präsident Putin hat Mühe, den Wagner-Chef in die Schranken zu weisen, ohne ihn zu verprellen.

„Putins Koch“ kommt und geht seit Monaten in Russlands Gefangenenlagern. Rund 40.000 Gefangene soll Jewgeni Prigoschin für seine Söldnertruppe rekrutiert haben, nun hat er einen weiteren Bewerber: Mischa Popkow. Im russischen Staatsfernsehen bietet sich der 58-Jährige als Kämpfer für Prigozhin an der Front in der Ukraine an. Kälte mag er nicht, aber seine militärische Erfahrung sei „aktuell gefragt“, sagt er. Popkov vergewaltigte, ermordete und entweihte die Körper von mehr als 80 Mädchen und Frauen. Die Russen nennen ihn „Werwolf“. Er hofft auf eine reduzierte Strafe – von lebenslanger Haft auf nur noch sechs Monate Wehrdienst.

Das zumindest hat Prigozhin seinen Rekruten versprochen. Wer ein halbes Jahr gekämpft hat, ist frei. Dafür gibt es keine Rechtsgrundlage. Doch der Kreml lässt den Wagner-Chef machen, was er will. „Putin braucht jeden Kämpfer, den er bekommen kann, und deshalb ist Wagner in diesem Krieg wichtig geworden“, sagte Russland-Experte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik auf Anfrage von The Aktuelle News. „Prigozhin ist eigentlich ein Dienstleister, der von öffentlichen Aufträgen der russischen Armee abhängig ist. Aber mit dem Krieg nutzte er die Öffentlichkeit, um politisches Kapital aufzubauen.“

Die Geschwindigkeit, mit der Prigozhin eine eigentlich illegale paramilitärische Organisation (PMC), die immer im Geheimen operierte, in eine anerkannte Privatarmee verwandelt hat, ist atemberaubend. Erst im September vergangenen Jahres hatte der 61-Jährige erstmals die Existenz der von ihm gegründeten Söldnergruppe eingestanden, im November eröffnete er das erste Hauptquartier in St. Petersburg. Wagner ist seit Ende Dezember dabei ein ordnungsgemäß angemeldetes Gewerbe – Im russischen Register als Unternehmensberatung eingetragen.

In wenigen Wochen legalisierte Prigoshin Wagner, und die Truppen erfuhren ihre Legitimität spätestens mit der Eroberung von Soledar. Russlands erster militärischer Erfolg seit sechs Monaten zwang den Kreml, sich öffentlich vor Prigoschins Söldnern zu beugen – eine bemerkenswerte Wendung, wenn man bedenkt, dass Putin noch vor wenigen Jahren jede Verbindung zu Wagner vehement bestritten hat. Für die Kriminellen bedeutet das sozusagen soziale Rehabilitierung. Als verehrte Patrioten stehen sie plötzlich den „Helden der Wehrmacht“ gleich. Prigozhin selbst flankierte die Imagekampagne für Wagner mit öffentlichen Auftritten an der Front, mit Interviews und Wasserstandsberichten zu den Kämpfen in der Ukraine.

Prigozhin war der erste, der selbst kleinste Erfolge vermeldete, wie die jüngste Eroberung der Stadt Klishchiyivka in der Nähe von Bakhmut. Das Verteidigungsministerium in Moskau agiert derweil fast unvoreingenommen – und bestätigt nur, was bestätigt werden muss. Auch wenn die Konkurrenz zwischen Wagner und der russischen Armeeführung immer wieder geleugnet wird, sind Prigoschins Bemühungen, sich vom Militär zu distanzieren, kaum zu übersehen. Er verließ die Krieger von Soledar und Popasna besondere Wagner-Medaillen überreichen, die dem russischen Tapferkeitsorden nachempfunden sind. Er kritisiert die Militärführung bei jeder sich bietenden Gelegenheit, raunt gleichzeitig öffentlich über Verräter in Putins Kreis, die nur mit „Wagners Vorschlaghammer“ zu besiegen seien.

Je mehr Einfluss Prigozhin gewinnt, desto weiter wagt er sich politisch vor. Während er selbst in St. Petersburg eine Trollfabrik betreibt, die vor der US-Präsidentschaftswahl 2018 Fake News verbreitet haben soll, dringt er im Kreml auf die Sperrung von YouTube und ist öffentlich davon überzeugt, dass auch Putin seinem Appell Folge leisten wird . Gibt er nach, gewinnt Prigozhin noch mehr politisches Gewicht. Der Wagner-Chef hat immer wieder betont, dass er kein Amt anstrebe. Aber das ist nicht glaubwürdig. „Er hat Ambitionen, dafür hat er sich schon zu weit vorgewagt“, sagt Stefan Meister. „Aber er ist eigentlich kein Schauspieler, der über genügend Machtressourcen verfügt, um in der russischen Politik eine Rolle zu spielen.“

Prigoschin liegt nun nicht nur mit der Militärführung, sondern auch mit der russischen Elite im Streit. Er forderte die reichen Söhne Moskaus öffentlich zum Militärdienst auf und wollte Oligarchen für die Kriegskasse enteignen lassen. Als Politiker ist der 61-Jährige unberechenbar. Aber Putin kann es sich derzeit nicht leisten, mit Prigoschin zu brechen. Wohl auch deshalb lässt der Präsident seinen „Mann fürs Grobe“ machen, während er sich im Ringen um Macht und Einfluss im Kreml gleichzeitig demonstrativ auf die Seite der Armeeführung stellt.

Als Putin Anfang Januar Valeri Gerasimov zum neuen Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte ernannte – einen langjährigen und loyalen Militär, der nicht nur aus russischer Sicht für den desaströsen Kriegsverlauf verantwortlich ist, wird Prigozhin deutlich den Wagner-Chef in seine Schranken weisen. „Der russische Staat, die Armee und die Geheimdienste werden immer dafür sorgen, dass sie ihr Gewaltmonopol wahren“, sagt Stefan Meister. Prigozhin wird keine Spitzenposition erreichen, nur weil er nicht unter Kontrolle ist.



Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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