Montag, August 15, 2022
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Warum der Rhein-Hunsrück-Kreis kaum noch Erdgas benötigt

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Deutschland will unabhängig von Energieimporten aus Russland werden. Besonders weit ist es im Rhein-Hunsrück-Kreis in Rheinland-Pfalz. Die Region gilt bundesweit als Vorbild.

Wer im Rhein-Hunsrück-Kreis in Rheinland-Pfalz unterwegs ist, wird immer wieder auf ein Werbebanner stoßen. Ein Biogasproduzent wirbt mit dem Slogan „Biogas statt Putin-Gas“. „Da sind wir weit gekommen, auch wenn wir für unseren Energiebedarf nicht ganz auf Erdgas verzichten können“, sagt Michael Uhle. Er ist Klimaschutzbeauftragter des Landkreises. 991 Quadratkilometer, etwa 100.000 Einwohner, hauptsächlich kleine Dörfer und wenig Industrie. Uhle arbeitet daran, den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben. Der Landkreis hat es schon weit gebracht: Die Region wurde zur Energiekommune des Jahrzehnts gekürt. „Wir können mehr als das Dreifache des für das Quartier benötigten Stroms selbst erzeugen – durch Windkraft, Photovoltaik und Biomasse“, sagt Uhle. Die Erneuerbare-Energien-Anlagen im Quartier speisen den überschüssigen Strom in das Netz größerer Städte wie Trier oder Mainz ein.

Begonnen hat alles im Jahr 1995. Damals wurde die erste Windkraftanlage im Landkreis errichtet. Anfangs gab es Kritik und Zweifel; heute sind es 279 Pflanzen. Auch die Photovoltaik wurde massiv ausgebaut. Da Wasserkraft in der Region wenig Sinn macht, setzt der Landkreis verstärkt auf Biomasse. „An 130 Sammelstellen können Anwohner ihre Gartenabfälle wie Sträucher oder Baumschnitt abgeben. Mit dieser Biomasse können wir zum Beispiel 37 große kommunale Gebäude wie Schulen oder Altenheime beheizen“, sagt Uhle.

Auch finanziell hat sich die Energiewende für den Landkreis gelohnt. Lange galt die Region als strukturschwach und verschuldet. Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Kreistages haben die Kommunen inzwischen kaum noch Verbindlichkeiten und sogar Rücklagen. „Neunzig Prozent der Flächen für Windkraftanlagen sind im Eigentum der Kommune. Unsere Kommunen verpachten die Flächen an Stadtwerke und erzielen so insgesamt 7,8 Millionen Euro Pachteinnahmen im Jahr“, erklärt Uhle. Früher lieferten ländliche Gebiete fast nur Lebensmittel für die Metropolen, nun sei auch die Versorgung mit Strom möglich, so Uhle. Dies ist eine große wirtschaftliche Chance für die Zukunft. Expertenteams aus 54 Nationen waren bereits vor Ort, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen.

Trotz des großen Interesses stößt das Energiemodell auch auf Ablehnung, etwa bei der ganz in der Nähe gelegenen Bürgerinitiative „Soonwald“. Hier sollen künftig weitere Windkraftanlagen errichtet werden. Ihr Sprecher Georg Kiltz winkt beim Blick auf den Rhein-Hunsrück-Kreis und die vielen Windräder dort. „Es gibt immer eine Disco. Die Bürgerinitiative hingegen setzt auf Photovoltaik und Speichertechnik. Kiltz fordert, dass Wälder für den Natur- und Klimaschutz sowie als Erholungsgebiete für die Menschen besonders geschützt werden müssen.

Ein paar Kilometer weiter ist die Atmosphäre eine ganz andere. „Wir sind vom Rhein-Hunsrück-Kreis beeindruckt und haben Herrn Uhle bereits konsultiert. Auch die Bürger waren bei einem Treffen recht offen“, berichtet Sönke Krützfeld. Er ist der erste Abgeordnete von Stadecken-Elsheim – einer Stadt in der Nähe von Mainz. Bald werden dort neue Windräder gebaut. „Wir gehen einen sehr positiven Weg – für mehr Klimaschutz und eine unabhängigere Energieversorgung.“

In München sitzt Mathias Mier vor einem Tisch mit langen Zahlenkolonnen. Er forscht am Wirtschaftsforschungsinstitut ifo zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Kann der Rhein-Hunsrück-Kreis und sein Modell ein Vorbild für ganz Deutschland sein? „In ländlichen Gegenden mit viel Platz für Photovoltaik und Windräder und wenig Industrie kann das mitunter gut funktionieren. Aber im größeren Maßstab, auch bei Industrieanlagen, wird es schnell problematisch“, resümiert Mier.

So stehen beispielsweise Wind- und Solarstrom nicht uneingeschränkt zur Verfügung, da nachts keine Sonne scheint. Außerdem gibt es immer wieder windstille Wochen im Jahr. Mit Speicherung und Biomasse als Ausgleich wären die Energiemengen für eine Industrienation wie Deutschland im Prinzip ausreichend. Allerdings müssten die vorhandenen Flächen extrem intensiv für Biomasse, Photovoltaik und Windkraftanlagen genutzt werden. „Der Strompreis würde dann erheblich steigen. Ob die Gesellschaft das alles akzeptieren würde, bezweifle ich.“

Doch wie sieht Mier die Energieversorgung der Zukunft für das ganze Land? Große Chancen sieht er auch in den Erneuerbaren. „Windkraft könnte das mit einem Anteil von rund 50 Prozent leisten. Der Rest verteilt sich dann auf Sonne, Wasser und zu einem geringeren Anteil auf Biomasse und Erdgas. Auch Atomstrom aus dem europäischen Verbundnetz wird eine kleine Rolle spielen die Mischung, die zählt“, so Mier. Nur so können Spitzenbedarfe jederzeit zu einem sozialverträglichen Preis gedeckt werden.

Michael Uhle hingegen glaubt weiterhin an eine Energieversorgung ausschließlich aus erneuerbaren Quellen. Im Landkreis will er nun vor allem die E-Mobilität vorantreiben, da es viele Pendler gebe. Auch sollen mehr Batteriespeicher angeschafft und installiert werden.

„Nachdem wir im Quartier Strom bekommen haben, stehen wir nun vor der Verkehrs- und Wärmewende“, sagt der Klimaschutzmanager. „Der Krieg gegen die Ukraine und Putins Gaspolitik haben den Druck auf uns erhöht, die Energiewende endlich voranzutreiben – hier in der Region und auch in ganz Deutschland.“



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Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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