Mittwoch, Januar 19, 2022
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Was das Bruttoinlandsprodukt nicht messen kann

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Das Bruttoinlandsprodukt umfasst die erzeugten Waren und Dienstleistungen. Der Blick auf Euro und Cent vernachlässigt jedoch andere Faktoren, die für den Wohlstand wichtig sind.

Es kann sein, dass die Zahlen hinter dem Komma nur für Experten interessant sind. Aber ob die Wirtschaft um fast fünf Prozent einbricht – wie 2020 wegen Corona – oder ob sich die Wirtschaft um 2,7 Prozent erholen kann – wie im vergangenen Jahr – das hat für viele Folgen.

„Kaum eine Zahl wirkt sich so stark aus wie das Bruttoinlandsprodukt und damit das Wachstum“, sagt Philipp Lepenies von der Freien Universität Berlin. Der Wissenschaftler hat über „The Power of One Number“ geschrieben. Macht vor allem wegen der hohen Bedeutung für die Politik. Ein Blick in die Geschichte zeigt dies: Wirtschaftsstatistiken entstanden erst aus der Nische der Spezialisten, als sich die US-Regierung während des Zweiten Weltkriegs für die Finanzierung der Kriegswirtschaft interessierte. Die Menschen wollten wissen, wie sich die Wirtschaft entwickelt und brauchten dazu Zahlen.

Die Erfahrungen aus Amerika seien nach 1945 auf Deutschland übertragen worden, erklärt Lepenies. „Aber das hat die Generation meiner Großeltern geprägt, wo man deutlich sagen und zeigen konnte, wie sich das Leben in den 1950er-Jahren verbessert hatte, von einer Zweizimmerwohnung mit Radio hin zum Einfamilienhaus mit Auto und Reisen nach Italien.“

„Mehr Wachstum bedeutet mehr Wohlstand“, so Lepenies, sei damals angemessen gewesen. Sie lässt sich jedoch nicht einfach auf die Gegenwart übertragen; Wachstum kann schließlich auch negative Folgen haben. Eine Einschätzung, die auch Eingang in die Politik gefunden hat. So auch im Koalitionsvertrag der Ampelregierung: SPD, Grüne und FDP wollen die Wohlfahrtsmessung ausweiten – ohne die Bedeutung des Bruttoinlandsprodukts zu schmälern.

„Eine Wirtschaft ohne Bruttoinlandsprodukt hätte enorme Analyseprobleme“, betont der grüne Staatssekretär Sven Giegold vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klima. „Aber das BIP ist einfach nicht brauchbar, um zu messen, ob die Menschen in Wohlstand leben können, ob es der Natur gut geht, ob die Gesellschaft zusammenhält.“ Das Bruttoinlandsprodukt ist laut Giegold nicht der einzige heilsame Faktor für all das.

Das Standardbeispiel der Ökonomen ist der Autounfall: großer Schaden für den Einzelnen, aber statistisch gesehen ein Gewinn. Denn sowohl Reparaturkosten als auch Arztrechnungen fließen in die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts ein. Umgekehrt sind positive Effekte wie unbezahlte Arbeit oder Naturschutz nicht in den Zahlen enthalten. Künftig werden daher weitere Faktoren in den Jahreswirtschaftsbericht aufgenommen, um etwas über die Entwicklung des Wohlstands zu sagen.

„Natürlich wird auch diese Bundesregierung die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts als wichtigen Faktor betrachten. Wichtig ist uns auch, dass es den Menschen gut geht – und dazu gehört auch materieller Wohlstand“, stellt Staatssekretär Giegold klar. „Aber gleichzeitig schauen wir auch auf andere Faktoren. Wir werden uns auch anschauen, wie wir das Klima schützen und ob die soziale Ungleichheit zu- oder abnimmt.“

Auch der Politikwissenschaftler Lepenies hält eine solche Erweiterung der Wohlstandsmessung für sinnvoll. Das macht es aber nicht einfacher: „In vielen Bereichen, die für die Wohlstandsmessung wichtig wären, werden Veränderungen vielleicht erst Jahrzehnte oder vielleicht sogar später sichtbar“, sagt Lepenies. Das ist natürlich ein weiterer Grund für die große Bedeutung des Bruttoinlandsprodukts, das nicht nur einfach zu berechnen, sondern auch schnell verfügbar ist – für Politik und Wirtschaft.



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