Freitag, Juni 24, 2022
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Was für ein Wahnsinn!

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Die documenta ist in den Schlagzeilen – aber aus anderen Gründen als erwartet. Wladimir Kaminer war dabei und machte sich ein eigenes sympathisches und skurriles Bild.

Alle fünf Jahre beginnt mitten im Sommer

Kassel die documenta, laut eigener Beschreibung „die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst“. Es dauert 100 Tage und soll Kassel in die Hauptstadt der Künstler verwandeln. An diesen Tagen wird dort nur Englisch gesprochen und es herrscht rund um die Uhr Rush Hour.

Außerhalb der documenta ist Kassel eine gemütliche Kleinstadt, die durchaus ihren eigenen Charme hat, in den Biergärten werden Drillinge mit grüner Soße für müde Bergwanderer serviert, die Kanuteams trainieren in der Fulda (dem Fluss, nicht der Stadt) und der Stadtmuseum zeigt den Besuchern seit 100 Jahren die Ausstellung „Der Aufstieg des Bürgertums“. Also Bilder von rechtschaffenen Bürgern und ihrem Porzellan.

Zeitgenössische Kunst zieht dann wie ein Gewitter über Kassel, überschwemmt die Stadt und spült ganz andere Menschen an die Ufer der Fulda. An diesen Tagen wirkt Kassel größer und die grüne Soße bunt.

Bei meinem Besuch vor ein paar Tagen habe ich schnell gelernt, zwischen den Einheimischen und den Künstlern und Kunstliebhabern zu unterscheiden. Wie alle Menschen, die ihre Einzigartigkeit zeigen wollen, kamen auch die Kunstliebhaber meist in Uniform.

Die Frauen trugen knallroten Lippenstift und große, schwarz umrandete Puckbrillen. Sie sahen aus wie Biene Maja, die beim Honigklau erwischt wurde. Die Männer trugen Panamas und einen ordentlichen Schnurrbart auf der Oberlippe. Sie waren Menschen, die beruflich zeitgenössische Kunst bewundern. Mit Prospekten, Ausstellungskatalogen und fragendem Gesichtsausdruck liefen die Einheimischen und die Touristen, die ein Familienticket kauften, durch die Stadt: Wo ist die Kunst jetzt?

Kunst war überall und nirgendwo, sie hat einen veränderlichen Charakter, sie kann sich in 100 Vogelscheuchen verwandeln, in einer Straßenbahn mitfahren, auf den Asphalt vor dem Bahnhof gekritzelt oder auf einem Teller serviert werden. Der arme Mann mit Bart, der in der Unterführung rumänische Lieder singt, kann ein zeitgenössischer Künstler sein, wie die Frau, die ihr Kind auf der Bank am Brunnen stillt.

Zu Zeiten der documenta in Kassel muss man aufpassen, nicht aus Versehen auf die Kunst zu treten, die Kunst zu hastig zu essen oder versehentlich zu zerbrechen. Hier ist alles Kunst und jeder ist ein Künstler. In diesem Jahr fand die „documenta fünfzehn“ nach dem Lumbung-Prinzip statt: Kuratiert wurde die Ausstellung von einem indonesischen Künstlerkollektiv, das andere Kollektive einlud.

Sie kamen aus Thailand, Hongkong, Afrika, Australien, Palästina und Vietnam, es waren mehr als 1.500 Künstler aus aller Welt, aber ihre Werke waren nicht mit ihren Namen signiert. Sie sind in einer kollektiven Solidararbeit entstanden.

Bleiben wir bei Indonesien. Viel Aufsehen erregte die Arbeit „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi. Machen wir es kurz: Ein Schwein und der Mossad spielen eine Rolle, hinter all dem soll ein antisemitisches Motiv stecken. „People’s Justice“ wurde nun deinstalliert.

Ich kann aus zwei Gründen zur Debatte beitragen. Erstens, weil ich selbst jüdischer Herkunft bin – und allein deshalb (leider) etwas von Antisemitismus verstehe. Andererseits war ich in Kassel und habe mit den betroffenen Künstlern gesprochen, aber auch mit den Protestierenden gegen sie. Was viele Empörte im Moment sicherlich nicht getan haben. Daher kann ich mit vollem Recht sagen: Judenhass spielt in „Volksjustiz“ keine Rolle.

Schauen wir uns das Bild genauer an. Denn es zeigt nicht nur eine Figur mit Schweinsnase, sondern viele sind verzerrt, amerikanische GIs ebenso wie indonesische Soldaten, die einst das Blutwerk des Diktators Suharto verrichteten, als sie die Kommunisten in Indonesien niedermetzelten. Das Bild ist eine politische Karikatur, ob gut oder schlecht, entscheidet der Betrachter.

Sicher ist, dass in meiner Jugend in der Sowjetunion auch Figuren in Magazinen auf diese Weise dargestellt wurden: Uncle Sam, Chiles Despot Augusto Pinochet oder natürlich der Mossad. Jetzt den israelischen Geheimdienst als Vertreter des Judentums auf der ganzen Welt zu betrachten, ist, nun ja, wenig hilfreich bei der Bekämpfung des Judenhasses auf der ganzen Welt.

Schade, dass jetzt nur noch der sogenannte Antisemitismus-Vorfall auf der documenta diskutiert wird. Denn es gibt Hunderte von Künstlern, deren Werke ebenfalls diskutiert werden sollten. Kommen wir also zurück zur Ausgangsfrage: Wer ist der Künstler in Kassel?

Das Lumbung-Prinzip ist übrigens auf Indonesisch die Bezeichnung für eine Reisscheune, die nach der Ernte gemeinschaftlich zum Chillen und Abhängen genutzt wird. Dort wird die überschüssige Ernte verteilt, es wird gesungen und getanzt. Bei der documenta ging es also um Teilen und Ausgeben, um gemeinsames Schaffen und Recyceln.

Wir könnten alles recycelbar machen, wenn wir wollten. Sogar die Kunstwerke. So könnten zum Beispiel sehr große Kunstwerke in viele kleinere aufgeteilt werden und viele Menschen glücklich machen. In einem Pavillon sah ich zum Beispiel einen riesigen Hundekopf aus Plüsch, eine alte Theaterdekoration, die unbedingt in 1.000 kleine Katzen aufgeteilt werden sollte.

In einem anderen Pavillon fuhren schnauzbärtige Ex-Kids Skateboard, während riesige Fächer aus Rindsleder über die Skater geschwenkt wurden. Ein sehr seriöser Künstler aus Thailand erklärte mir, dass der Geist der Kuh noch in den Abteilen zu Hause ist und dringend gemolken werden muss. Sehr beeindruckend fand ich den vietnamesischen Garten hinter der Lolita Bar, er glich einem Tempel und war überfüllt mit vietnamesischen Familien aus ganz Deutschland.

Man sagt, dass jede Familie, die aus Vietnam auswandert, als Erstes einen Garten anlegt, egal wie weit sie von zu Hause entfernt ist. Es gibt drei Arten von Pflanzen, die in keinem Haushalt fehlen sollten: Pflanzen zum Probieren, Pflanzen zum Heilen und Pflanzen zum Meditieren. Das Künstlerkollektiv legte in Kassel einen großen Garten an, der mit Samen von Pflanzen ihrer in Deutschland lebenden Landsleute angelegt wurde.

In diesem Garten könnten die Vietnamesen die Samen austauschen, die ihnen zu Hause fehlen. LGBTQIA-Leute organisierten direkt neben dem Kräutergarten eigene Partys, von denen die bürgerliche Gesellschaft ausgeschlossen war.

Die sonst so arrogante und feine bürgerliche Gesellschaft wollte zur Party, musste aber draußen bleiben. Ich durfte auch nicht zur Party, aber ausnahmsweise durfte ich im vietnamesischen Garten Kräuter pflücken, die ich noch nie in meinem Leben gekostet habe. Die Kunst konnte man auch in Kassel essen.

Ein in der Corona-Pandemie bankrott gegangenes chinesisches Restaurant hatte eine eigene Ausstellungsfläche, verwandelte sie in eine traditionelle chinesische Kantine und stellte 100 Gerichte aus 100 Ländern zum Bestaunen und Essen aus. Am Abend brachen in der ganzen Stadt Partys aus, mit Musik, Tanz, Gesang und indonesischem Karaoke. Nicht alle Besucher waren mit dem Konzept der documenta zufrieden.

„Ich vermisse die schönen Dinge“, sagte eine Dame kopfschüttelnd, als sie aus dem afrikanischen Zelt trat, das die Müllcontainer mit Altkleidern zeigte, die jedes Jahr zu Tausenden nach Afrika geschickt werden und die dortige Textilindustrie zerstören. In gewisser Weise hatte sie recht. Die schönen Dinge der documenta waren nicht unbedingt in den Zelten zu finden, in den Ausstellungsräumen waren es die Kollektive, die wunderbaren Menschen, die plötzlich die Stadt Kassel bevölkerten.

Die ganze documenta ist im Grunde ein Spiegel unserer Aktivitäten, sie zeigt, was falsch läuft und was wir besser machen können. Sie zeigt uns Ausgrenzung, Ausbeutung, Geiz und Verschwendung. Die Botschaft der „größten Messe“ klingt unmissverständlich. Alles auf diesem Planeten geht früher oder später zu Ende, nur die menschliche Kreativität ist grenzenlos, wir können alle Probleme bewältigen, wenn wir lernen, in Kollektiven zu arbeiten, zu teilen und zu chillen.

Und die Kunst? Kunst ist überall, man kann sie riechen und schmecken, sehen und hören, man kann sie anfassen und sogar mitnehmen. Das ganze Leben ist eine Kunst. Aber das größte Kunstwerk bleibt der Mensch.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Meinungen geben die Meinung der Autoren wieder und müssen nicht unbedingt mit denen der theaktuellenews-Redaktion übereinstimmen.

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