Donnerstag, Oktober 28, 2021
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Welthungerindex 2021: Dürre, Terror, Vertreibung – und Hunger

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Krisen und Konflikte lassen den Hunger in der Welt zunehmen – und der Klimawandel verschlimmert vielerorts die Not der Menschen. E.im Überblick von ARD-Korrespondenten.

Millionen Menschen in Afghanistan wurden aus ihren Dörfern vertrieben. In den Jahrzehnten des Krieges gerieten sie zwischen die Fronten, ihre Häuser oder Hütten: zerstört. Sie konnten ihre Felder nicht mehr bestellen, weil sie zu einem Schlachtfeld wurden. Die Folge: Die Hälfte der Menschen in Afghanistan ist seit Jahren auf humanitäre Hilfe angewiesen. Sie brauchen Decken, Medikamente und einfache Nahrung, um zu überleben.

40 Jahre Krieg, Terror und Anschläge haben dazu geführt, dass jeder Dritte im Land nicht weiß, woher die nächste Mahlzeit kommt. In einem Flüchtlingslager in der Nähe von Masar-i-Sharif durften Eltern ihren kleinen Kindern nur mit Wasser getränktes Brot füttern. Die Vereinten Nationen warnen, dass bald jedes zweite Kind unter fünf Jahren im Land ernsthaft unterernährt sein könnte.

Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Ein Lebensmitteltransport kommt in Nordäthiopien an. Die Leute stehen Schlange, um ein paar Handvoll Getreide in Säcke abfüllen zu lassen und Öl in kleinen Plastikflaschen abzunehmen. Es ist eine der wenigen Lieferungen, die es in die Krisenregion Tigray geschafft haben. Dort herrscht seit einem Jahr Krieg. Der äthiopische Premierminister und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed und seine Truppen gehen dort gegen die sogenannte Volksbefreiungsfront vor.

Auch die Nachbarregionen sind von dem Konflikt betroffen: Es gibt Vorwürfe, die äthiopische Regierung wolle die Menschen in Tigray aushungern lassen. Die Vereinten Nationen sprechen von der schlimmsten Hungerkrise auf dem Kontinent seit zehn Jahren, als in Somalia eine Viertelmillion Menschen starben. Die äthiopische Regierung duldet keine Kritik an ihrem Vorgehen und ließ zuletzt sogar hochrangige Mitglieder von UN-Organisationen ausweisen. Das UN-Nothilfebüro hatte zuvor beklagt, dass nur etwa zehn Prozent der Hilfslieferungen für die Hungrigen durchkommen.

Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Verschiedene Faktoren verursachen im westafrikanischen Nigeria eine Hungersnot. Seit Jahren bekämpfen nigerianische Sicherheitskräfte vor allem im Norden des Landes extremistische Gruppen wie Boko Haram. Die dschihadistische Terrormiliz hat sich erneut gespalten und in interne Kämpfe verwickelt – dies hat die Gewalt weiter erhöht. Die Folge: Tausende Menschen starben durch Terroranschläge, Hunderttausende wurden zu Flüchtlingen – im eigenen Land und in den Nachbarstaaten der sogenannten Sahelzone.

Ein Beispiel ist Maiduguri, die Hauptstadt des nördlichen Bundesstaates Borno: Viele Vertriebene leben am Rande der Stadt, deren Einwohnerzahl sich durch den Zuzug von Vertriebenen verdoppelt hat. Dadurch sind die Lebensmittelpreise gestiegen – auch weil die meisten Bauern ihre Felder aus Angst vor den Terrorgruppen nicht mehr bestellen können. Dies verschärft die Nahrungsmittelkrise für viele Menschen.

Aber nicht nur Terror, sondern auch der Klimawandel ist eine Ursache für Nahrungsmittelknappheit in Nigeria: Der Tschadsee – einst die größte Wasserquelle der Region – schrumpft nun und es regnet immer weniger. Die Folge: zu wenig Wasser für Landwirtschaft, Vieh und Menschen. Die Dürre verschärft wiederum ethnische Konflikte; zum Beispiel zwischen nomadischen Viehzüchtern und sesshaften Bauern. Ihr Kampf um Wasser und Weideland wurde in den letzten Jahren immer blutiger – und trägt weiterhin zu Unsicherheit und Hungersnot in vielen Teilen Nigerias bei.

Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat

Die Zahlen sind schockierend: Fast 400.000 Kinder im Jemen sind vom Hungertod bedroht. Insgesamt 20 Millionen Menschen im Land brauchen Hilfe, das sind zwei Drittel der Bevölkerung, erklärten die Vereinten Nationen erst vor wenigen Tagen: Der UN-Koordinator im Jemen, William David Gressly, betonte, das Land auf der arabischen Halbinsel sei die schlimmste humanitäre Krise der Welt erlebt. Die Jemeniten leiden seit langem unter Armut, aber ein seit sieben Jahren tobender Krieg hat ihre Lage verschlimmert.

2014 überrannten Rebellen aus dem Norden, die mehr politische Partizipation forderten, weite Gebiete. 2015 haben sich Saudi-Arabien und andere Staaten auf die Seite der international anerkannten Regierung gestellt. Saudi-Arabien sieht in ihr einen Verbündeten, denn hinter den Rebellen steht der Erzfeind der Saudis – der Iran. Die Folgen des Krieges sind Vertreibungen und zeitweise Blockaden der Häfen, über die Hilfsgüter in den Jemen gelangen sollten. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Die Rebellen bereiten sich derzeit darauf vor, die strategisch wichtige Stadt Marib zu erobern – das Tor zu einem Großteil der Energieressourcen des Landes. Sollten die Rebellen die Stadt einnehmen, wird sich die humanitäre Lage voraussichtlich wieder verschlechtern. Nach UN-Angaben gibt es im Großraum Marib eine Million Vertriebene, denen durch die Kämpfe erneut Vertreibung droht.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

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