Dienstag, September 27, 2022
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Wie kommt es zu den hohen Strompreisen?

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Die jüngsten Rekordpreise am Strommarkt verunsichern die Verbraucher. Die Preisbildung folgt einem speziellen Mechanismus. Wie sieht es aus – und was tut die Politik dagegen?

Was macht ein Stromversorger, wenn er voraussichtlich morgen mehr Strom liefern muss, als er selbst zur Verfügung hat? Er kauft Strom bei zuverlässigen Partnern – oder an der Börse, deren Preise auch für den außerbörslichen Handel entscheidend sind. In Deutschland ist dies die „European Energy Exchange“, kurz EEX, mit Sitz in Leipzig.

Die Preisgestaltung funktioniert dort nach einem europaweit einheitlichen Prinzip. Die Kraftwerke, die den günstigsten Preis anbieten können, gehen immer zuerst. Über viele Jahre führten die Kernkraftwerke diesen Nutzungsorden (engl. „Merit Order“). Es folgten die Braun- und Steinkohlekraftwerke. Die Stromerzeugung durch die Verbrennung von Erdgas oder sogar Öl war schon immer das teuerste herkömmliche Verfahren.

Erneuerbare Energien, insbesondere Strom aus Wind- und Solarkraftwerken, spielen dabei eine besondere Rolle. Unter dem Schutz des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das vorschreibt, diese Strommengen vorrangig in der Merit-Order zu berücksichtigen, werden die Verfahren immer kostengünstiger. Je nach Berechnungsmethode gehören Wind und Sonne heute zu den günstigsten Stromlieferanten.

Die als Merit-Order-Prinzip bezeichnete einheitliche Regelung besagt nun, dass das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird, den Strompreis bestimmt. Alle anderen, günstigeren Anbieter können diesen Preis ebenfalls kassieren.

Ziel ist es, die Anbieter mit den günstigsten und effizientesten Prozessen zu belohnen und ihre Produktion zu fördern. Gleichzeitig sollen aber auch die teureren Kraftwerke, die letztlich eine zuverlässige Stromversorgung garantieren, am Markt gehalten werden. Das hat in der Vergangenheit gut funktioniert – und den Börsenkurs tendenziell gedrückt. Dazu tragen insbesondere die Anbieter erneuerbarer Energien bei – wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Je mehr Ökostrom eingespeist wurde, desto weniger teure Kraftwerke wurden benötigt.

Doch was als gute Idee gelten kann, wurde im Zuge der Energiekrise 2022 zum Problem. Denn die teuersten Kraftwerke – die Gaskraftwerke – sind angesichts der Gaspreisexplosion noch teurer geworden. Und Strom aus Gas wird auch weiterhin benötigt. Zuletzt stammten rund zehn Prozent des verbrauchten Stroms aus Gaskraftwerken. Und dank des Merit-Order-Prinzips schlagen sich ihre Kosten vollständig im Marktpreis nieder.

Dies ist der Hauptpreistreiber am Strommarkt. Hinzu kommt die aktuelle Häufung technischer Probleme in französischen Kernkraftwerken, die aufgrund von Wartungsarbeiten derzeit nur etwa die Hälfte der installierten Leistung liefern können. Auch die aktuelle Dürre wirkt sich preiserhöhend aus, insbesondere weil der Kohletransport über die Flüsse durch Niedrigwasser behindert wird und somit weniger Kohlestrom angeboten werden kann.

Glücklicherweise schlagen sich die hohen Preise bei den Stromkunden nicht voll durch. Denn die Energieversorger kaufen langfristig große Mengen zu Festpreisen ein. Am Terminmarkt der Strombörse EEX ist dies für bis zu sechs Jahre möglich. Aber der Anteil des teureren Stroms nimmt natürlich seit einiger Zeit zu. Die Stromrechnung wird daher mittelfristig deutlich höher ausfallen.

Zum Schutz der Verbraucher will die Politik deshalb den Strommarkt reformieren. Das grundsätzliche Merit-Order-Prinzip sollte aus heutiger Sicht nicht angetastet werden. Stattdessen werden verschiedene andere Lösungsmodelle diskutiert. Insbesondere wird ein Mechanismus gesucht, der die Endkundenpreise für Strom von steigenden Gaspreisen entkoppelt. Noch vor einer weitergehenden Reform des Strommarktes, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für Anfang 2023 angekündigt hat, soll es ein „Notfallinstrument“ geben, das in den nächsten Wochen greift.

Denkbar wäre eine künstliche Verbilligung des zur Stromerzeugung einzusetzenden Gases, was einer Subventionierung der teuren und CO2-kritischen Gaskraftwerke mit Steuergeldern gleichkäme. Ein anderer Ansatz zielt auf die viel diskutierten „Übergewinne“ der billigeren Anbieter von Kohle oder Ökostrom, die an die Verbraucher umverteilt werden könnten – was wiederum eine alte Diskussion wieder aufleben lässt und teilweise den Intentionen des EEG widersprechen würde.

In Deutschland ist das Thema Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken noch nicht vom Tisch. Derzeit wird ein Stresstest durchgeführt, um zu klären, ob das Stromnetz ohne deutsche Atomkraft auch in einer Krisensituation möglicherweise stabil bleiben würde.



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Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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