Samstag, Juni 25, 2022
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Wie teuer und aufwändig der Breitbandausbau im ländlichen Raum ist

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Heute entscheidet der Bundesrat über das Recht auf schnelles Internet. Selbst wenn er zustimmt, wird sich die Situation nicht sofort verbessern. Breitbandausbau ist teuer und aufwändig, wie das Beispiel Hechingen zeigt.

In Hechingen graben sie. Schnelleres Internet soll es für die knapp 20.000 Einwohner der Stadt am Fuße der Schwäbischen Alb geben. Vor allem Schulen brauchen Glasfaserkabel, aber auch Privathaushalte. In der Kärtnerstraße etwa, die in einem Altbauviertel liegt, kämpfen sich die Bürger noch mit sechs Megabit durchs Netz. Das macht keinen Spaß und ist vor allem nicht mehr zeitgemäß.

„Der Ausbau einer leistungsfähigen, glasfaserbasierten Internetinfrastruktur ist ein unverzichtbarer Faktor“, sagt Hechingens Oberbürgermeister Philipp Hahn, „sowohl für den Wirtschaftsstandort Hechingen mit Schwerpunkt Medizintechnikbranche als auch für die Versorgung privater Haushalte.“ Für sie bietet eine schnelle und zuverlässige Internetverbindung die entsprechende Lebensqualität im digitalen Zeitalter. „Die Pandemie und die damit verbundene Zunahme von Homeoffice-Jobs haben auch gezeigt, dass die Versorgung aller mit schnellem Internet eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Notwendigkeit ist“, sagt der Bürgermeister.

Das Problem wurde also in Hechingen erkannt. Doch der Breitbandausbau hat seine Tücken. Davon kann Caren Wagner ein Lied singen. Sie ist Breitbandkoordinatorin der Stadt Hechingen, ihre Stelle ist als Stabsstelle des Bürgermeisters eingerichtet – also ganz schön wichtig. Wagner plant den Ausbau des schnelleren Internets mit 1,5 bis zwei Millionen Euro pro Jahr. Das ist der größte Gegenstand im Haushalt Hechingen.

Immerhin fördert der Bund 50 Prozent und das Land Baden-Württemberg wiederum 40 Prozent. Das klingt gut, bleibt aber eine Herkulesaufgabe. Man muss Firmen finden, die die Leerrohre verlegen, dann Firmen finden, die die Kabel verlegen, und schließlich braucht man noch den Betreiber. Dies kann eine Weile dauern.

„Das ist sehr zeitintensiv, weil die Infrastruktur komplett neu aufgebaut werden muss“, erklärt Wagner. Gerade im ländlichen Raum sind die Entfernungen zwischen den Siedlungsgebieten einer Gemeinde groß und viele Stadtteile aufgrund ihrer topografischen Lage nur schwer und mit großem Aufwand zu erschließen.

„Neben der Kernstadt hat Hechingen acht Ortsteile, also ehemals eigenständige Dörfer, die in den 1970er Jahren eingemeindet wurden. Einige davon sind mehrere Kilometer von der Kernstadt entfernt, das Auf und Ab der Hügel- und Naturlandschaft entlang der Schwäbischen Alb machen die Entwicklung noch schwieriger.“ , so Wagner.

Schnelleres Internet für alle – das hat die Ampelkoalition in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben. Heute soll nach dem Bundestag auch der Bundesrat grünes Licht für das Recht auf schnelles Internet geben – sicher ist die Zustimmung der Länderkammer aber keineswegs. „Wir haben uns ambitionierte Ziele für ein modernes, digitales Deutschland gesetzt“, sagte Bundesminister für Digitalisierung und Verkehr, Volker Wissing. „Wir wollen Glasfaser bis ins Haus und den neuesten Mobilfunkstandard überall dort, wo Menschen leben, arbeiten oder reisen.“

Die in der Telekommunikations-Mindestversorgungsverordnung, kurz TKMV, festgelegten Mindestanforderungen an die Grundversorgung stellen die digitale Teilhabe all jener sicher, die bislang von der Versorgung abgeschnitten sind. Künftig soll flächendeckend in Deutschland eine Download-Geschwindigkeit von mindestens 10 Megabit pro Sekunde und eine Upload-Rate von 1,7 Megabit pro Sekunde erreicht werden. Die Latenz – also die Reaktionszeit – sollte nicht höher als 150 Millisekunden sein.

Für den Widerspruch reicht diese Definition nicht aus. „Digitalminister Wissing hat beim Rechtsanspruch auf schnelles Internet eine blinde Entscheidung getroffen“, kritisierte Reinhard Brandl, digitalpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

„Nach zwei Jahren Pandemie, Homeoffice, Homeschooling und dem heute üblichen Nutzungsverhalten scheint die Ampel mit 10 Megabit pro Sekunde Download überhaupt nicht mehr zeitgemäß zu sein.“ Die CDU/CSU forderte daher im zuständigen Bundestagsausschuss eine moderate Anhebung der Mindestbandbreiten auf 20 Mbit/s im Download und 3,4 Mbit/s im Upload. „Damit wäre auch in Mehrpersonenhaushalten eine technisch einwandfreie Homeoffice-, Homeschooling- und Internetnutzung gewährleistet. Das entspricht auch den aktuellen Marktgegebenheiten. Das hat die Ampel leider abgelehnt“, so Brandl.

Unklar ist, wie viele Haushalte derzeit mit weniger als 10 Megabit pro Sekunde ins Internet gehen. Nach Schätzungen der Bundesnetzagentur verfügen 630.000 Haushalte über weniger als 16 Megabit pro Sekunde. Ein Schätzwert für den 10-Megabit-Balken liegt nicht vor.

Fest steht, Deutschland hinkt beim Glasfaserausbau im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hinterher. Von den 42 Millionen Haushalten werden nur gut zehn Millionen versorgt. „Ein Grund“, sagt Thorsten Dirks, Leiter der deutschen Glasfaser, „ist, dass wir im Vergleich zu anderen Ländern viel zu spät mit dem Ausbau begonnen haben. In Spanien wurde um 2008 herum mit dem Glasfaserausbau begonnen, etwa in Frankreich oder den Niederlanden. Beim Ausbau der bisherigen Kabelinfrastruktur in Deutschland haben wir es dann vor allem im ländlichen Raum versäumt, Leerrohre zu verlegen. Deshalb müssen wir jetzt jeden Meter ausgraben. Das kostet Zeit und Geld.“

So wie in Hechingen. Lassen Sie sich dort trotzdem nicht entmutigen. Das Ziel: 30 Megabit Download-Geschwindigkeit für alle. Deshalb graben Sie unbeirrt weiter.



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