Sonntag, Januar 23, 2022
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Wie viel Atomstrom steckt nach EU-Plänen in grünen Fonds?

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Die deutsche Finanzbranche ist besorgt über die Pläne der EU, Kernenergie als „grüne“ Energie zuzulassen. Das Vertrauen in Nachhaltigkeitsfonds könnte sinken. Bei den meisten Fonds soll sich am Umgang mit Atomkraft nichts ändern.

Viele in der deutschen Fondsbranche ärgern sich über das Drängen Brüssels auf die EU-Taxonomie. Der politische Kompromiss habe Nachhaltigkeitsfonds in puncto Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit großen Schaden zugefügt, sagt Roland Kölsch, Geschäftsführer des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG). Die Behandlung der Kernenergie als „grüne“ Energie „zerstört das Vertrauen umweltbewusster Anleger in das Gütesiegel für nachhaltige Geldanlagen“, klagt Thomas Jorberg, Chef der GLS Bank, Deutschlands ältester sozial-ökologischer Bank.

Die Produktanbieter befürchten, dass die europäischen Richtlinien den Nachhaltigkeitsboom bremsen könnten. In den letzten Monaten ist die Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlagen stärker denn je gestiegen. Laut FNG ist das Volumen nachhaltiger Geldanlagen in Deutschland im Jahr 2020 um 25 Prozent auf rund 335 Milliarden Euro gestiegen. Im vergangenen Jahr gab es weitere zweistellige Wachstumsraten.

Das Angebot hat deutlich zugenommen. Fast täglich werden neue Nachhaltigkeitsfonds aufgelegt. Die Zahl dieser Fonds hat sich im ersten Halbjahr 2021 bereits auf 2721 verdoppelt. Ende 2020 waren es noch 1417 Nachhaltigkeitsfonds.

Viele Anbieter behaupten jedoch, dass die neuen Brüsseler Regeln ihre Anlagestrategie nicht ändern werden. „Kernenergie bleibt für die meisten in Deutschland vertriebenen Fonds tabu“, sagt Kolsch. Er erwartet nicht, dass Fondsmanager den Anteil der Kernenergie in ihren ESG-Portfolios erhöhen.

„Der vorläufige EU-Beschluss hat keine Auswirkungen auf unsere Finanzprodukte“, erklärt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka Theaktuellenews.com. „Unsere Filter für nachhaltige Finanzprodukte bleiben, wie sie sind. Wir weiten sie nicht auf Unternehmen aus dem Nuklearbereich aus.“

Mehrere Gesellschaften haben die Kernenergie längst verboten. Die Fürther Grüne Wohlfahrt zum Beispiel verzichtet seit dem Start ihres Ökofonds im Jahr 2015 komplett auf Atomenergie – neben Rüstung, Alkohol, Glücksspiel und Kinderarbeit. Daran werde sich nichts ändern, sagte Geschäftsführer Klaus Thurn, auch wenn die EU-Taxonomie politisch kompromittiert werde Theaktuellenews.com.

Allerdings kommen die meisten „grünen“ Fonds nicht ganz ohne Kernenergie aus. Die Mehrheit der ESG-Anbieter bleibt offen für Investitionen in Unternehmen, die einen, wenn auch sehr kleinen Teil ihres Geldes mit Kernkraftwerken verdienen. Sie begrenzten die Kernenergie. Fondsgesellschaften wie DWS und Deka erlauben nur noch Beteiligungen an Unternehmen, die nicht mehr als fünf Prozent ihres Umsatzes mit Kernenergie erzielen.

Bei der DWS wolle man die Entscheidung aus Brüssel zur Taxonomie prüfen „und die notwendigen Anpassungen an den Fonds vornehmen“, sagte Dennis Hänsel, Leiter nachhaltiger Anlagelösungen Theaktuellenews.com. Zur konkreten Ausgestaltung kann er zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen. Allerdings ist zu befürchten, dass Investoren aus weniger kernenergiekritischen Ländern, bezogen auf die EU-Taxonomie, verstärkt ESG-Fonds von Anbietern wollen werden, die Beteiligungen an Kernkraftwerksbetreibern beinhalten.

Vor allem für global agierende angelsächsische Fondsgesellschaften wie Blackrock oder Fidelity mit globaler Produktpalette könnte dies zum Abwägungsproblem werden. Fidelity International, die auf dem deutschen Markt stark vertreten ist, will also abwarten. Ein Sprecher betont, es sei noch zu früh, um zu sagen, was die EU-Vorgaben konkret bedeuten, insbesondere auf Produktebene. Alle in Deutschland zugelassenen ESG Fidelity-Fonds werden in Luxemburg aufgelegt.

Mehr als die Hälfte aller in Deutschland vertriebenen Publikumsfonds sind bereits im Großherzogtum aufgelegt. Es bleibt abzuwarten, ob die luxemburgischen Behörden Auflagen für Kernenergie in Nachhaltigkeitsfonds machen werden.

Spannend wird die Frage, welche Position die deutsche Finanzaufsicht BaFin zur EU-Taxonomie einnimmt. Sie kann über die Finanzmarktrichtlinie Mifid II die Kriterien für den Privatkundenvertrieb in Deutschland festlegen. Die BaFin hat in ihrem Richtlinienentwurf für nachhaltige Investmentfonds eine Grenze von zehn Prozent festgelegt. Das bedeutet: ESG-Fonds dürfen Unternehmen umfassen, die bis zu zehn Prozent ihres Umsatzes mit Atomkraft erzielen. Das klingt deutlich weicher als die Restriktionen diverser Fondsgesellschaften.

Klar: Aktien von reinen Atomkraftwerksbetreibern wie der französischen EDF sind in deutschen Nachhaltigkeitsfonds so gut wie ausgeschlossen. Andererseits sind in vielen „grünen“ Fonds Aktien von Unternehmen vertreten, die sich durch einen hohen Energieverbrauch auszeichnen oder auf fossile Brennstoffe wie Öl angewiesen sind. Die Organisation Finanzwende beklagte kürzlich, dass große Ölkonzerne wie Shell, BP und Exxon Mobile mit Millioneninvestitionen in nachhaltige Portfolios vertreten seien.

Die Fondsanbieter weisen darauf hin, dass diese Unternehmen ökologische Vorreiter in ihrer Branche sind. Denn die meisten Nachhaltigkeitsfonds orientieren sich am sogenannten „Best-in-Class“-Prinzip. Dementsprechend werden die Unternehmen ausgewählt, die im Vergleich zu ihren Mitbewerbern in Bezug auf Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) am besten abschneiden. Nur wenige Anbieter wie Ökoworld oder green benefit setzen ausschließlich auf Öko-Aktien. Dadurch entsteht oft der Eindruck, dass bei „grünen“ Fonds nicht alles „grün“ ist.

Die EU-Taxonomie könnte dazu führen, dass Nachhaltigkeitsfonds europaweit noch undurchsichtiger werden. Es gibt bereits einen Flickenteppich von nationalen Siegeln. Deutschland hat das FNG-Siegel. Es gibt kein weltweit anerkanntes und verbindliches Gütesiegel für Nachhaltigkeit. „Das bedeutet leider, dass einige Anbieter immer noch Greenwashing betreiben“, bedauert Werner Hedrich, Deutschlandchef des nachhaltigen Vermögensverwalters Globalance, der ESG-Fonds und ein Analysetool anbietet, das den Fußabdruck des Portfolios jedes einzelnen Anlegers misst.

Darüber hinaus gibt es in Deutschland unterschiedliche Kategorien für ESG-Fonds. Es gibt Fonds mit geringen Nachhaltigkeitsanforderungen (nach Artikel 6 der EU-Offenlegungsverordnung) sowie „hellgrüne“ Fonds, die ökologische und soziale Kriterien integrieren (Artikel 8) und „dunkelgrüne“ Fonds nach Artikel 9. Das ist es Schwierig für Privatanleger, die Dinge durchzuschauen, räumen auch Fondsexperten und Bankberater ein.

Die Fondsbranche hofft, dass es bis zum Sommer mehr Klarheit und einheitliche Kriterien für „grüne“ Fonds gibt. Denn ab Anfang August sind Bankberater verpflichtet, ihre Kunden nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen im Umgang mit Wertpapieren zu fragen. Das könnte einen neuen Schub für Ökofonds auslösen. Umfragen zufolge ist fast ein Drittel der Bevölkerung noch unentschlossen, ob sie ihr Geld nachhaltig anlegen wollen. Nur rund 31 Prozent lehnen nachhaltige Anlageprodukte kategorisch ab.



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