Montag, November 29, 2021
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Wieduwilts Woche Huch, mein Vertrauen in Deutschland ist weg!?

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Früher war alles besser: Wir waren das Land der Ordnung, der Technik und der guten Laune! Nun, letzteres nie, aber die Verwaltung hat funktioniert, wir haben die besten Autos gebaut. Aber wir sind nicht mehr großartig. Wir sind Verlierer.

Deutschland klettert heute noch einige Rekorde, leider traurige: 100.000 Corona-Tote und die höchste Zahl an Neuinfektionen seit Beginn der Pandemie: 76.414 Fälle an einem Tag. Die Intensivstationen sind fast voll. Bitte bis zum Frühjahr einen Herzinfarkt und so weiter verschieben!

Wir haben versagt. Wieso den?

Das hat Angela Merkels sonst so schweigsamer Ehemann Joachim Sauer vergangene Woche erfrischend unverblümt erklärt: Die Trägheit der Deutschen beim Impfen liege unter anderem an „einer gewissen Faulheit und Faulheit der Deutschen“. Der Professor sollte doch wissen, dass seine Frau den Eigenschaften dieser Menschen 16 Jahre Kanzlerschaft verdankt.

Impfverweigerung scheint eigentlich ein besonders deutschsprachiger Sport zu sein. Dafür gibt es natürlich intelligentere Erklärungen als Faulheit und Faulheit. Vor allem gibt es viele Erklärungen: In Baden-Württemberg zum Beispiel gruppieren sich besonders viele Anthroposophen um den Hellseher Rudolf Steiner. Jede Krankheit hat ihren Zweck in dieser krummen und dummen Gedankenstruktur. Für Anthroposophen scheint es gut und richtig zu sein, wenn man durch die Verweigerung der Injektion ein paar zusätzliche Personen in die künstliche Lunge oder gleich in einen schwarzen Sack zwingt.

Ein weiterer Faktor ist die Stasi-Erfahrung im Osten, ein wachsendes Misstrauen gegenüber dem Staat, manche sehen Impfärzte tatsächlich als Handlanger moderner Nazis. Einen Grund gibt es übrigens auch in Deutschland vor über hundert Jahren immer: Im Deutschen Reich war es eine trotzige Reaktion gegen die plötzlich autoritäre Wissenschaft, schon damals taten sich die Verschwörungstheoretiker zusammen. Es gab keinen Telegram-Kanal für einen antisemitischen Veganer, sondern eine Zeitschrift namens „Der Impfgegner“, das Prinzip war das gleiche: eine große Selbstbefruchtung der Lügen. Tenor: Zu den kuscheligen weißen Kitteln kann man nichts sagen! Dieses Geräusch ist aus Facebook-Kommentarbereichen bekannt.

Irrationalismus, Antimoderne und ein Hang zur Mystik haben in Deutschland eine unrühmliche Tradition. Es gibt Qualitäten, die uns direkt in die Dunkelheit des Dritten Reiches geführt haben. Wenn man einige Leserbriefe aus der Impfgegnerszene liest, fühlt sich Deutschland immer noch wie eine verschrobene Druidennation, die zwanghaft die Früchte der Aufklärung zu einer braunen Brühe kochen muss. Wenig Körperfett, ein gutes Immunsystem, alles hilft besser als eine Impfung, zumindest fühlte es sich so an.

Betrachtet man den ganzen Globus, ist die Sache komplizierter als nur Deutsch, wie die FAZ betonte: Aberglaube und Glaube können eng zusammenhängen und das erklärt niedrige Impfraten beispielsweise bei Orthodoxen. „Mit der Impfung vermasselst du Gott im Handel“, fasst der Historiker Heinrich August Winkler die Überlegung zusammen – auch hier ein bisschen wie Esoteriker: Den Schlauch im Hals werden die Leute irgendwie verdienen.

Wie dem auch sei, die Mehrheit der Deutschen ist von ihren Landsleuten ziemlich enttäuscht, aber andererseits: Wer schon einmal in einem Fitnessstudio oder einer U-Bahn war, kann keine großen Erwartungen an Rücksichtnahme, Sorgfalt und Vorsicht haben. Der Mensch kann sich die Gesellschaft, in die er hineingeworfen wird, nicht aussuchen.

Aber das Vertrauenszittern in Deutschland reicht über die Mitmenschen hinaus bis in den wirtschaftlichen Bereich. Was waren das für schöne Zeiten, als man aus dem Urlaub in einem schmutzigen Land zurückkam und die Sauberkeit, Ordnung, die coolsten Autos und die besten Krankenhäuser Deutschlands genoss!

Die Ernüchterung schlich sich ein. Damals wurde mir vor etwa 13 Jahren in Kuala Lumpur klar, dass alle auf der Einschienenbahn auf Geräte starrten, nicht auf Papier. Zu Hause rümpfte ein konservativer und auch ein wenig antimoderner Mitmensch bei diesem Reisebericht die Nase. Typisch ungebildete Asiaten, so klang er.

Heute hat sich die Situation etwas weiter entwickelt, in die falsche Richtung: Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. Alles geht schneller als man denkt, und das gilt nicht nur für Pandemien. Die heißesten Autos werden künftig in Brandenburg gebaut, aber die Marke ist amerikanisch. Auch amerikanische Konzerne bieten alles, was das digitale Leben ausmacht, auch chinesische – mit diktatorischen Begleiterscheinungen. In Deutschland und der EU werden dafür die größten, schönsten und filigransten Absätze geschnitzt!

Wäre die Ordnung zumindest noch der Kern der deutschen Marke! Wir Deutschen lieben es, Regeln aufzustellen. Denn das ist weniger Arbeit als echte Arbeit. Wir sind nicht so gut darin, es zu behalten. Bei Steuerhinterziehung sind wir Zweiter. Das sagte die widerstrebende Ehefrau von Joachim Sauer kürzlich in einem Interview: „16 Ethikräte und 16 Datenschutzbeauftragte können bei grenzüberschreitenden Forschungsprojekten eine Hürde sein, was die Genehmigung von Forschungsprojekten zumindest sehr mühsam macht.“

Die Pandemie zeigt, dass in Deutschland jeder Topfschlag straffer organisiert ist als die Pandemie. Mein Impfausweis wurde bis heute nie richtig kontrolliert und in der Regel auch nicht. Ein geschrienes „Geimpft, nicht wahr?“ ist einfach keine Prüfung. Das Ergebnis: Heutzutage will man überall sein, nur nicht in einer deutschen Notaufnahme. Krematorien machen Überstunden, das ist deutsche Problemlösung – es sei denn, niemand darf sterben, weil die Software im Krematorium gewartet werden muss. Wie pflegen Sie diese Software, in Overalls und mit einem Schraubenschlüssel?

Wer im Ausland herumfliegt, macht ganz andere Erfahrungen: Sie werden kontrolliert, die Leute tragen Masken, sogar über der Nase, als wären sie in einer Pandemie oder so. Vor allem dort, wo man die Armee rufen musste, um Leichen zu transportieren. Bergamo war die ultimative mentale Impfung für die Vernunft – eine mit einem nationalen Trauma als Nebenwirkung.

Mit dem bevorstehenden Regierungswechsel stellt sich die Frage: Kann die Ampel das beschädigte Vertrauen in Deutschland reparieren? Immerhin schrieb sie „Dare to make more progress“ auf den Vertrag. Das ist mehr als ein kühnes Willy-Brandt-Zitat. Es ist der Hinweis auf den sozialliberalen Aufbruch aus den „bleiernen Adenauer-Jahren“.

Damals war es sicherlich ein ganz anderes Führungsgefühl – und doch: Die Schwere und Langsamkeit der großen Koalition auf ihren letzten Metern raubt vielen Bürgern die ohnehin schon flatternden Nerven. Gesundheitsminister Jens Spahn etwa ermunterte die Deutschen auf dem Weg zum Ausgang wie einen Terminator: Jeder Deutsche werde bald „geimpft, genesen oder gestorben“. Auf der Toilette liegen Taschentücher, ihr Heulsuse! Spahn ist auch – war? – gegen die obligatorische Impfung.

Mit dem Zitat von Brandt hat die Ampel ihr dringendstes Puzzlestück gefunden: eine identitätsstiftende Geschichte. Das ist mehr als Marketing, eine solche Erzählung kann Rot und Grün und Gelb zusammenhalten, auch wenn der Inhalt knallt – und das wird sie. Die Ampel will nun endlich einen Corona-Krisenstab einrichten. Selbst Experten loben, dass der Koalitionsvertrag randvoll mit Zeilen zum Thema Digitalisierung und dem deutschen Verhältnis zu Daten ist. Auch gesellschaftlich wagt man den Ausstieg aus der konservativen Umarmung: Das Werbeverbot für Abtreibungen soll aufgehoben und die doppelte Staatsbürgerschaft möglich werden.

Leise Zweifel keimen in der deutschen Verliererseele: Im Moment will sich das Regierungsbündnis volle zehn Tage geben, um weitere Pandemie-Maßnahmen zu prüfen. Ob die neue Virusvariante, die kühn von der Spitze des Kontinents in Südafrika lugt, so viel Geduld hat, ist nicht bekannt.

Zehn Tage sind eine Ewigkeit in einer hitzigen Pandemie. Und mit dem Koalitionsvertrag glänzte die Ampel auch nicht mit digitaler Alphabetisierung: Der Name des DGB-Vorsitzenden fand sich in den Dokumentendaten, die meist ordentlich gestrichen werden. Und die Grünen rissen sich in einem Machtkampf auseinander, als wären sie die CDU.

Diese Allianz kann nicht auf eine Gnadenfrist von 100 Tagen hoffen. Sie muss es wagen, schneller voranzukommen.

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