Dienstag, Oktober 19, 2021
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Wieduwilts Woche Wir sind Westin, es gibt keine Ausreden

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Juden können sich in Deutschland nicht ohne Konsequenzen ausweisen. Dies ist kein Mitarbeiter-, Hotel- oder Staatsproblem – wir alle sind dafür verantwortlich.

Der Musiker Gil Ofarim durfte im Westin, einem Leipziger Hotel, nicht einchecken, weil er einen Davidstern um den Hals trug – das zumindest beschuldigt er, Ermittlungen laufen, die Empörung ist groß. Das Hotel kündigte über eine beauftragte Anwaltskanzlei eine eigene Aufklärungsarbeit an.

Es ist absolut richtig, nach der persönlichen Verantwortung des misstrauischen Hotelangestellten „Herr W.“ Fragen. Es ist legitim, beim Hotel nach Managementfehlern zu suchen. Auch Debatten über „den Osten“ und anhaltende Probleme mit Rechtsextremismus und Judenfeindlichkeit dürfen nicht ausgelassen werden. Wer sich aus Bundeseitelkeit vom Problem abwendet, entzieht sich der Verantwortung.

Doch es entsteht der Eindruck, dass das Problem des Antisemitismus wieder abgeladen werden soll – bei Mitarbeitern, bei Hotels, beim Osten. Das wäre ein Fehler, auch wenn es eine gewisse Tradition hat.

Wir mögen es, das Böse wegzubekommen. Wenn es um rassistische Jagden im Osten geht, sind die Westdeutschen erleichtert: Sie wissen, was da drüben los ist! Wenn Hassrede im Netz auftaucht, sollten sich die Netzwerke darum kümmern, schließlich sind sie schuld – nicht die Nutzer. Wenn jemand Jude ist – genau wie in hamburg – auf der Straße zusammenbricht, fragen wir laut oder innerlich, ob es ein Araber, ein Muslim oder zumindest ein Nazi war, zumindest jemand mit einer Eigenschaft, die uns von dem Vorfall trennt.

Wir Deutschen praktizieren das seit über 70 Jahren. Wenn wir von „nationalsozialistischer Tyrannei“ sprechen, klingt es ein bisschen so, als hätten Außerirdische die NSDAP vom Himmel geworfen und damit das Land „in eine dunkle Zeit“ gestürzt – Opa war natürlich kein Nazi. Das Gehirn findet immer einen Weg, um den größtmöglichen Komfort für den Einzelnen aufrechtzuerhalten.

Und ja, schlechte Nachrichten: Sich einzumischen ist eigentlich unangenehm. Denn das Thema Antisemitismus und Juden in Deutschland ist kompliziert. Es ist leicht, sich zu blamieren. Das zur internationalen Marriott-Kette gehörende Hotel zeigte in Panik ein altes Transparent mit der Israel-Flagge – und schloss den Deutschen Gil Ofarim sofort wieder aus, nämlich als Ausländer. Es sprach von „Integration“, als ob Juden außerhalb der deutschen Gesellschaft wären. Sogar einige Journalisten alberten herum, nannten den Davidstern „Davidstern“ – und verwendeten damit ein Nazi-Wort. Hilft es, sich darüber zu ärgern?

Wie verwirrend der Holocaust selbst nach über 70 Jahren ist, zeigte sich aus einer Laune der Geschichte ausgerechnet in dieser Woche: Der Bundespräsident besuchte kürzlich Babyn Yar, einen Ort in der Ukraine und Schauplatz unglaublicher Gräueltaten, und Steinmeier hat zu Recht gefragt : „Wer in meinem Land, in Deutschland, kennt heute den Holocaust durch Kugeln?“

Im Fall Westin steht natürlich noch eine sehr unangenehme Frage im Raum: Stimmt es, was Ofarim behauptet? Jeder, der schon einmal ein Strafverfahren erlebt hat, weiß, wie sehr der erste Eindruck täuschen kann. Kritische Anfragen empfinden tatsächliche Opfer als schändlich und Ofarim hat das auch deswegen Zweifel an seiner Darstellung empört.

Die brutale Realität: Manche Menschen lügen, auch durch emotionale Opfergeschichten. Als ein Mädchen in Straßburg angab, von mehreren Migranten belästigt worden zu sein, die Empörung war groß – Politiker reisten aus Paris an, um sich im Elsass der Presse zu stellen. Monate später es gibt zunehmend Zweifel an deren Darstellung»Es gab keine Zeugen.

Wie verhält man sich also richtig? Die Lösung könnte darin bestehen, sich nicht auf bestimmte Täter zu konzentrieren. Man kann sich dem Verhalten widersetzen, ohne Menschen und Institutionen – „Herr W.“, den Westen, den Osten – vorab zu verurteilen. Übernehmen Sie Verantwortung, statt sie zu entsorgen.

Gegen Antisemitismus zu protestieren, wie die traurige Situation der Juden in Deutschland immer wieder zeigt, ist eigentlich immer eine gute Idee. Im Fall Westin versammelten sich 600 Menschen, ein gutes Zeichen. Auch im Straßburg-Fall war die Empörung nicht umsonst – auch wenn der Anlass erfunden war. Fest steht: Schweigen aus behutsamer Behaglichkeit ist keine Alternative.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, Schuld einzugestehen. Es gilt das des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog hat den Unterschied gemacht: Wir, die wir nach dem Krieg geboren wurden, können nicht am Holocaust schuld sein – aber wir sind für den Antisemitismus verantwortlich. Um es etwas profaner auszudrücken: Antisemitismus ist ein bisschen wie Atommüll. Wir müssen uns darum kümmern, er verwaltenauch wenn wir es nicht produziert haben. Das klingt etwas edler, wenn man es sich ansieht „Besondere Verantwortung für jüdisches Leben“ ruft an, ist aber das gleiche.

Es geht nicht darum, sich krumm durch die deutsche Nachkriegsgeschichte zu schleichen. Im Gegenteil: Engagement gegen Judenfeindlichkeit ist eine Aufgabe, die am besten mit geradem Rücken erledigt wird.

Aber was heißt eigentlich Verantwortung? Entscheidende Gegenrede zur Sache – nicht konkreter Täter – auch in Alltagssituationen. Wenn jemand wegen eines Davidsterns nicht einchecken kann, muss jeder, der ihn sieht, protestieren. Wenn einige Querdenker über „Soros“ und eine jüdische Weltverschwörung schimpfen, muss jeder, der das hört, protestieren. Als der Facebook-Gründer und Jude Mark Zuckerberg in einem Knebel entmenschlicht Jeder, der es hört, muss protestieren. Wenn ein israelischer Politiker als Oktopus gezeichnet Jeder Redakteur, der mithört, muss protestieren.

Wir sind und bleiben alle verantwortlich. Wir sind Westin, wir sind Leipzig, wir sind Sachsen, wir sind Deutschland. Es gibt keine Ausreden, keine Verantwortungsverschiebung. Auch wenn es unangenehm ist.

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