Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Wird die Währungskrise in der Türkei eine Bedrohung für Europas Banken darstellen?

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Die türkische Lira fällt von einem Rekordtief zum nächsten – was auch in der Eurozone für zunehmende Unruhe sorgt. Könnte die Währungskrise eine Bedrohung für Europas Banken darstellen?

Mehrere Ökonomen und Anlagestrategen machen sich zunehmend Sorgen über die Währungskrise in der Türkei. Denn viele türkische Unternehmen haben Kredite in Dollar oder Euro aufgenommen. Je niedriger die Lira fällt, desto höher sind die Schulden, die türkische Unternehmen bedienen müssen. Droht vom Bosporus ein großes Finanzmarktbeben?

Laut Christian Kreiß, Professor für Finanz- und Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Aalen, hat die Türkei derzeit Fremdwährungsschulden in Höhe von 576 Milliarden Dollar. Fast die Hälfte davon entfällt auf türkische Unternehmen. Seine Fremdwährungsverbindlichkeiten belaufen sich auf 240 Milliarden US-Dollar – fast 34 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Die türkische Lira ist seit Jahresbeginn um mehr als 40 Prozent eingebrochen. Ein Dollar kostet heute rund 13 Lira – mehr denn je. Mitte September lag der Preis noch bei 8,50 Euro. Mit anderen Worten, es ist für türkische Unternehmen in letzter Zeit deutlich teurer geworden, ihre Schulden zu bedienen.

„Die Währungsschwäche lässt die Fremdwährungsverbindlichkeiten in Lira steigen“, sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. Die Abwertung der Lira dürfte es vielen Unternehmen erschweren, ihre Fremdwährungskredite zurückzuzahlen, warnt er.

Einige Unternehmen könnten in Liquiditätsprobleme geraten und möglicherweise in Konkurs gehen. Die Folge wären Kreditausfälle. Das würde dann die Banken treffen.

Experten befürchten, dass die Währungskrise am Bosporus die Bankenwelt in Europa anstecken könnte. Tatsächlich sind große europäische Finanzinstitute in der Türkei gut vertreten. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben Banken weltweit im Jahr 2018 224 Milliarden US-Dollar an die Türkei geliehen.

Vor allem spanische Finanzinstitute sind stark involviert. Sie hatten nach früheren BIZ-Zahlen über 80 Milliarden Dollar an Türkei-Krediten in ihren Büchern. Auch französische Banken haben Milliarden im Feuer. Sie haben gut 35 Milliarden Dollar auf dem Spiel. Deutsche Finanzinstitute sind mit knapp 13 Milliarden Dollar weniger abhängig vom Türkei-Geschäft.

Sollten Fremdwährungskredite ausfallen, hätten Europas Banken ein Problem. Frank Fischer, CEO und Fondsmanager von Shareholder Value Management, befürchtet sogar, dass die Türkei-Krise dann zu einer neuen europäischen Bankenkrise führen könnte. Im sogenannten High-Yield-Bereich zeigen türkische Anleihen bereits erste Anzeichen einer Krise. Die Kosten für Kreditausfallversicherungen sind zuletzt massiv gestiegen.

Gut möglich, dass türkische Finanzprobleme die Rentenmärkte erschüttern und möglicherweise eine Kettenreaktion auslösen, befürchtet auch Kreiß. Er sieht sogar Parallelen zur Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008, die zur weltweiten Finanzkrise führte.

Lehman war kurz vor seinem Zusammenbruch mit 613 Milliarden Dollar verschuldet. „Dieser Betrag reichte aus, um eine Weltfinanzkrise auszulösen.“ In ähnlicher Größenordnung seien die Fremdwährungsschulden der Türkei, sagte Kreiß. „Die Zeichen deuten auf einen Sturm hin, möglicherweise einen perfekten Sturm.“

Andere Ökonomen halten die Lage für nicht so schlimm. „Natürlich hätte eine ausgewachsene Bankenkrise in der Türkei negative Auswirkungen auf das Bankensystem in der Eurozone“, sagten die Ökonomen der Berenberg Bank vor drei Jahren. Allerdings halten sich die Gefahren für die Eurozone in Grenzen.

Der Lackmustest könnte unmittelbar bevorstehen: Laut der Finanznachrichtenagentur Bloomberg Türkische Unternehmen und die Regierung müssen in den nächsten zwei Monaten 13 Milliarden Dollar an Auslandsschulden zurückzahlen. Über die Hälfte, nämlich acht Milliarden Dollar, wird im November fällig.

Ökonomen und Investoren sind überzeugt, dass insbesondere Zinserhöhungen den Kursverlust der Lira stoppen könnten. Sie kritisieren seit langem die Zinssenkungen der türkischen Zentralbank, die auf Druck von Präsident Recep Tayyip Erdogan zustande kamen. Der Markt habe inzwischen erkannt, dass Erdogan alle geldpolitischen Entscheidungen treffe, sagt Commerzbank-Analystin Tatha Ghose. Es spielt keine Rolle, was die Zentralbank kurzfristig tut, solange der Präsident ständig ein Mitspracherecht in der Geldpolitik hat. Für Fondsmanager Fischer ist längst klar: „Erdogan ist der schlechteste Notenbanker der Welt.“



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