Mittwoch, Februar 1, 2023
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Woher kam der Schalenhelm? Mit Sütterlin auf den Spuren der Raubkunst

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Wer in Afrika Deutsch lernt, lernt Sütterlin. Die Entzifferung der Schrift ist ein Schlüssel zum Verständnis der deutschen Kolonialgeschichte. Ein Mann aus Togo nutzt sein Wissen, um Raubkunst aus Afrika in Mannheim zu identifizieren.

Mit blauen Schutzhandschuhen holt Oussounou Abdel-Aziz Sandja vorsichtig eine Rattanmütze aus einem Metallschrank. Der mit Tierhörnern und Kaurischnecken verzierte Ritualtanzhelm ist eines von 40.000 Objekten, die in den Depots der Mannheimer Reichs-Engelhorn-Museen (rem) schlummern. „Der Helm wurde vor mehr als 100 Jahren bei Einweihungszeremonien für Jugendliche im Norden Togos getragen“, sagt Sandja, die aus Togo stammt. Die Kopfbedeckung ist eines von 200 Objekten, die während einer Strafexpedition während der deutschen Kolonialherrschaft in Togo von 1884 bis 1916 erbeutet wurden und auf verschlungenen Wegen ihren Weg nach Mannheim fanden.

Aufgabe der jungen Provenienzforscherin ist es, sogenannte Erwerbungsketten zu schaffen und damit die Herkunft der Raubkunst aus Afrika und die deutsche Kolonialgeschichte zu beleuchten. Seine Arbeit basiert auf Inventarlisten von Sammlern und Museen, Tagebüchern und Briefen. Die Kenntnis von Sütterlin ist beim Studium der Quellen von großem Vorteil. Der 27-Jährige beherrscht nicht nur diese alte deutsche Handschrift, sondern auch die deutsche Sprache so gut, dass er sich gegen die Konkurrenz um eine zweijährige Ausbildung bei rem durchgesetzt hat.

Die Deutschen gingen brutal mit den Einheimischen in Ost- und Westafrika um, sagt Sandja. Unter dem Vorwand, die eroberten Gebiete seien „Schutzgebiete“, in denen sie vor Feinden sicher seien, versuchten die Kolonialisten, ihre wahren Interessen – Ausbeutung von Rohstoffen und Versklavung – zu verschleiern. „Die Leute haben schnell gemerkt, dass sie eigentlich Schutz vor den Deutschen brauchen.“ Eine weitere Rechtfertigung für die Enteignung afrikanischer Völker war, dass ihre Kulturen dem Untergang geweiht seien und „gerettet“ werden müssten.

Der Germanist und Kulturwissenschaftler konnte dem Schalenhelm schon einiges entlocken: Er ist über 100 Jahre alt, hat rituelle Bedeutung und wurde von einem deutschen Offizier gekauft oder gestohlen. 1935 tauchte das Stück im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe auf, das es in einem Ringtausch an Mannheim weitergab. Eine große Zeitlücke, die Sandja noch füllen will. „Damit die Dinge – wenn alles geklärt ist – wieder dahin kommen, wo sie hingehören“, beschreibt er das Ziel seiner Arbeit. Die Benin-Bronzen aus anderen Museen wurden bereits an Nigeria zurückgegeben.

Für solche Rückgaben müssen die Herkunftsgesellschaften allerdings erst einmal feststellen, dass ihr Kulturgut noch weit entfernt existiert. Dafür sorgt Sandja, indem sie jedes Objekt mit den verfügbaren Informationen in die Deutsche Digitale Bibliothek stellt. „Transparenz ist mir sehr wichtig.“ Es sind keine umfassenden Rückerstattungen zu erwarten. Gefragt sind vor allem Objekte, die Behörden zugeordnet werden können und damit Teil der Erinnerungskultur sind.

Bisher hat niemand eine Klage bei der rem eingereicht. Sandja hat bereits 1300 Objekte aus der Sammlung des Kolonialisten in Ostafrika Theodor Bumiller (1864-1912) bearbeitet. Die Sammlung umfasst 450 Waffen – wie Speere und Pfeil und Bogen – sowie Schmuck, Musikinstrumente und Kleidung. Dazu kommen in Sütterlin geschriebene Kriegstagebücher, zu Sandjas Enttäuschung fast ohne Hinweis auf die nach Deutschland verschiffte „Beute“, für die sich Bumiller als Held feiern ließ. Der einzige diesbezüglich aufschlussreiche Eintrag lautet: „Waffen, Speere, Zeug, Pulver, Schmuck, gefangene Frauen und Kinder werden in unzähligen Mengen eingebracht.“

Nach Jurastudium und Wehrdienst trat der weltoffene Pfälzer Kaufmannssohn 1889 der „Kaiserlichen Schutztruppe“ bei, die eine Widerstandsbewegung an der ostafrikanischen Küste bekämpfen sollte. In den Folgejahren beteiligte sich Bumiller nach Angaben des Arbeitskreises Kolonialgeschichte in Mannheim an weiteren Eroberungszügen, die mit der Plünderung von Dörfern und der Ermordung von Einheimischen einhergingen. Bumillers Haus in Mannheim soll einem kleinen Museum geglichen haben. Seine Frau schenkte die Sammlung 1920 der Stadt.

Kolonialherrschaft sei in Deutschland ein unterbelichtetes Kapitel, sagt die Leiterin der Abteilung Weltkulturen bei rem, Corinna Erckenbrecht. „Sie ist wegen der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland in den Hintergrund getreten.“ Kolonialgeschichte wird in der Schule kaum gelehrt. Die Diskussion um den Umgang mit geraubten Kunstgegenständen hat nach mehr als einem Jahrhundert die Kolonialherrschaft zum Thema gemacht.

„Vieles aus dieser Zeit bestimmt noch heute das Leben in den ehemaligen Kolonien, etwa willkürliche Grenzen, von den Kolonialherren auferlegte Sprachen und landwirtschaftliche Monokulturen“, sagt Erckenbrecht. Für Forscherinnen wie Sandja gibt es noch viel zu tun. Unterstützung für seine Arbeit bekommt er von seiner Familie: „Alle finden es gut.“

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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