Sonntag, November 28, 2021
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Zeit für das letzte Corona-Mittel? Der Lockdown für alle klopft wieder an

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3G gilt seit Mittwoch am Arbeitsplatz, 2G oder 2G plus an vielen anderen Orten. Doch Experten bezweifeln, dass damit die vierte Corona-Welle gestoppt wird. Niemand sollte überrascht sein, wenn der Lockdown für alle zurückkehrt.

In Deutschland wird ein Gespenst heimgesucht, das Gespenst des Lockdowns – Lockdown für alle, nicht nur für Ungeimpfte. Wie ein Monster kehrt es aus den Nebeln der Pandemie zurück und verbreitet Angst und Schrecken. Bei allen, die es besonders hart treffen würden, also Restaurants, Ladenbesitzer und Eltern, aber auch bei den politisch Verantwortlichen. Aber die Auswirkungen rücken näher. In Österreich gilt sie bereits, in der Slowakei kommt sie jetzt und in Sachsen bereitet sie Ministerpräsident Michael Kretschmer rhetorisch vor, indem er ihn nicht mehr ausschließt.

Eine Entspannung der Pandemie ist nicht in Sicht. Die Zahl der Corona-Toten hat gerade die 100.000er-Marke überschritten. Virologe Christian Drosten warnt vor 100.000 weiteren. Die siebentägige Inzidenz hat die 400er-Marke geknackt und die Intensivstationen sind voll, Operationen werden verschoben. Bundeskanzlerin Angela Merkel räumte ein, dass eine optimale Versorgung nicht mehr überall möglich sei. RKI-Chef Lothar Wieler sagte vergangene Woche, Deutschland müsse nun die Notbremse ziehen. Jetzt wird 3G am Arbeitsplatz und 2G an den meisten öffentlichen Orten angewendet. Doch Drosten und Epidemiologen wie Timo Ulrichs sind sich sicher, dass das nicht reichen wird. Bei ntv sagte der Pharmakologie-Professor Thorsten Lehr, dass 2G und 3G nichts nützen würden, wenn die Situation außer Kontrolle gerät. Aber was bleibt dann?

Der künftige Bundeskanzler Olaf Scholz sagte am Mittwochabend im ZDF, dass die neuen Regeln nun in Kraft seien. Und wenn sie überall umgesetzt würden, hätten sie eine „massive Wirkung“. Annalena Baerbock sagte in der ARD, sie wolle zehn Tage warten, bevor sie die Lage erneut einschätze. Einige mögen auch durch die Debatte um die Impfpflicht ermutigt werden. Es soll für bestimmte Berufsgruppen vor allem in der Altenpflege kommen. Dabei wird jedoch oft übersehen, dass es das aktuelle Problem nicht lösen würde. Laut „Spiegel“ soll es erst zum Jahreswechsel gelten und dann soll es eine Übergangsfrist geben.

Eine steigende Impfrate oder gar eine generelle Impfpflicht hätten keine sofortige Wirkung. Wird heute zum ersten Mal geimpft, kann es bis zu acht Wochen dauern, bis ein optimaler Impfschutz erreicht ist. Das wäre Ende Januar. Aber es würde Wochen dauern, die Unwilligen zu überzeugen oder zu drängen, es wäre ein quälend langer Prozess. Zuerst müssten Kontrollen eingerichtet werden, dann müssten die Verweigerer gefasst werden – das kostet wertvolle Zeit. Außerdem würden die Ungeimpften mit der Auffrischimpfung auf den Beinen stehen. Es würde noch länger dauern, einen Termin zu bekommen, als er ohnehin schon war. Man könnte hoffen, dass die Auffrischimpfung die vierte Welle verlangsamt. Aber kann man das annehmen? Experte Lehr würde es nicht zulassen: „Wir brauchen weitere Kontaktreduktionen, letztlich ähnliche Maßnahmen, wie wir sie mit einem Lockdown erreicht haben.“

Der Lockdown ist das Monster, das durch das Haus schleicht und in dem alle so tun, als wäre es nicht da. Verständlich, dass heute kaum noch jemand offen sagen will, was noch vor uns liegt. Bundeskanzlerin Angela Merkel soll am Dienstagabend eine zweiwöchige Sperrung von Vertretern der Ampelkoalition gefordert haben, berichtete die „Bild“-Zeitung. Wenn das stimmt, lehnten Scholz und Co. ab. Der Lockdown für alle ist in der Bevölkerung maximal unbeliebt. Jede Branche warnt vor Insolvenzwellen. Eltern wollen ihre Kinder weiterhin zur Schule schicken. Und vor allem wurde parteiübergreifend versprochen, dass es nicht noch einmal passieren würde. Fakt ist jedoch, dass der Lockdown eigentlich nur die bitter schmeckende Medizin gegen die eigentliche Gefahr, das tödliche Coronavirus, ist. Es könnte das einzige Mittel sein, die Zahlen wieder zu senken.

Aber der epidemische Notfall von nationaler Tragweite gilt an diesem Donnerstag nicht mehr. Dank des neuen Infektionsschutzgesetzes können Maßnahmen in Kraft treten, die es vorher nicht gab (wie 3G am Arbeitsplatz oder Testpflicht in Altenheimen). Ein bundesweiter, flächendeckender Lockdown ist nun ausgeschlossen. Ausdrücklich nicht mehr möglich sind: Ausgangssperren, weitgehende Schließungen von Schulen und Kitas, Restaurants, Geschäften und Hotels, Reise- und Übernachtungsbeschränkungen sowie Bewegungsverbote.

Mit Zustimmung der jeweiligen Landtage dürften Freizeiteinrichtungen und Veranstaltungen wie Clubs, Diskotheken und Weihnachtsmärkte geschlossen werden. Immerhin sind die Hotspots in Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Bayern und Baden-Württemberg bereits so streng, dass sie kurz vor einem Lockdown stehen. Ungeimpfte Menschen in Bayern müssen ihre Kontakte einschränken, was als teilweiser Lockdown gilt. Auch bundesweit gilt 2G mehr oder weniger streng. Möglich wäre es, den Seuchennotstand einfach zu reaktivieren, was derzeit fast unmöglich ist. Wahrscheinlicher ist, dass das Infektionsschutzgesetz noch einmal verschärft wird. Am 9. Dezember soll es eine Bund-Länder-Runde geben. Sollten dann das bundesweite 2G und die Auffrischungsimpfungen keine Wirkung zeigen, soll der Lockdown endlich wieder ein Thema werden.

Der Pharmakologe Lehr rechnet dann mit bundesweiten Inzidenzen von über 500. „Die Lage ist wirklich äußerst ernst“, sagt er. „Jeden Tag, den wir jetzt vermissen, müssen wir mit mehr als einem Tag länger im Rücken gesperrt sein.“ In Berlin hoffen sie immer noch, dass Warner wie er falsch liegen.

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