Sonntag, Januar 23, 2022
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Zwei-Klassen-System für Stromkunden bei Streitigkeiten

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Regionalversorger haben tausende Verbraucher, Billigstromanbieter haben zuletzt tausende Verträge gekündigt. Betroffene Verbraucher werden nun von regionalen Anbietern beliefert. Dafür verlangen sie oft viel höhere Preise als alte Kunden. Dagegen gehen Verbraucherschützer rechtlich vor.

Viele Stromkunden fühlen sich doppelt bestraft. Erstens haben Billigstromanbieter wie Stromio ihre Verträge gekündigt. Anschließend wechselten sie zur Grundversorgung der regionalen Anbieter – und erlebten dort ihren nächsten Schock. Die Regionalversorger haben die Preise angehoben – und zwar kräftig. Nach Berechnungen von Check24 haben 337 Grundversorger spezielle neue Tarife exklusiv für Kunden eingeführt, die nun aufgrund von Kündigungen anderer Anbieter auf die Ersatzversorgung angewiesen sind. Die Preise seien im Schnitt um rund 103 Prozent gestiegen, teilte das Vergleichsportal mit Theaktuellenews.com.

Ähnliche Beobachtungen machte die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in einer Stichprobe von 23 regionalen Anbietern. 18 Unternehmen haben einen neuen Kundentarif eingeführt. „Der Unterschied zwischen den Preisen für Neukunden und Bestandskunden ist im Durchschnitt mehr als doppelt so hoch“, teilten die Verbraucherschützer gestern mit. Bei drei Anbietern mussten Neukunden, die aufgrund der Kündigung ihres Stromanbieters in die Grundversorgung abgerutscht sind, bis zu 90 Cent pro kWh zahlen. Der Durchschnittspreis in Nordrhein-Westfalen beträgt 34 ​​Cent pro kWh.

Auch Verbraucherschützer aus anderen Bundesländern berichten von exorbitanten Preiserhöhungen bei Grundversorgungstarifen. Zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Hessen. Die Frankfurter Mainova, die zuletzt tausende von Stromio und Gas.de gekündigte Kunden in ihre Grundversorgung aufgenommen hat, hat einen Tarif für Neukunden eingeführt. Die Gaskosten sind für sie fast dreimal so hoch wie für Bestandskunden. „Wir halten die unterschiedliche Preisgestaltung für Bestands- und Neukunden für sehr bedenklich“, sagt die Verbraucherzentrale Hessen.

Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz kritisiert die Anbieter dafür, Kunden zweiter Klasse zu schaffen. „Eine zweistufige Grundversorgung halten wir für systemwidrig und damit unzulässig“, sagt Fabian Fehrenbach, Referent für Energierecht. Die Grundversorgung mit Energie liegt im allgemeinen Interesse. Die Preise müssten daher für alle Kunden sozialverträglich gestaltet werden. Mit dem teuren Neukundentarif bestrafen Sie diejenigen, die sich einen günstigen Anbieter gesucht und dann gewechselt haben.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen warnte die drei Versorger Rheinenergie, Stadtwerke Gütersloh und WSW, eine Tochtergesellschaft der Stadtwerke Wuppertal. „Bei allem Verständnis für die nicht ganz einfache Situation der Grundversorger – so geht das nicht“, moniert Wolfgang Schuldzinski, Leiter der Verbraucherzentrale. Die Benachteiligung von Verbrauchern, die unverschuldet in die Grundversorgung zurückfallen, ist rechtswidrig.

Viele Betroffene melden sich bereits täglich bei Verbraucherschutzorganisationen. Sie sind verzweifelt über die immensen Gas- und Strompreiserhöhungen. Besonders betroffen sind einkommensschwache Haushalte.

Geben die Anbieter nicht binnen einer Woche nach, will die Verbraucherzentrale NRW klagen. Sie forderte auch die regionale Energiekartellbehörde zum Handeln auf.

Die verwarnten Stadtwerke reagierten mit Unverständnis auf die Vorwürfe von Verbraucherschützern. „Als Grundversorger bauen wir Sicherheitsnetze für Kunden auf, die aufgrund des rücksichtslosen Marktverhaltens anderer Marktteilnehmer auf die Ersatzversorgung angewiesen sind“, erklärte die Rhein-Energie dem „Kölner Stadtanzeiger“. Stromio & Co. hätten ihre Geschäftsrisiken einfach bei den Grundversorgern abgeladen und Kunden einfach rausgeschmissen. Die Verbraucherzentrale NRW fordert nun, „dass wir alle unsere Kunden dafür bezahlen lassen, dass sich diese Stromverteiler kundenfeindlich verhalten haben“.

Die höheren Preise rechtfertigen die Anbieter mit der unerwartet großen Zahl an Kunden. Sie hätten langfristig Energie eingekauft. Allerdings reicht die Menge für die zahlreichen Kunden nicht aus. Diese müssten sie nun später teuer an den Terminmärkten kaufen.

Rückendeckung kommt von den Lobbyverbänden. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) verteidigt die Einführung von Sondertarifen für Neukunden. Vor allem die Stadtwerke hätten vorausschauend geplant und könnten ihren Kunden damit Unsicherheiten und noch größere Preissprünge ersparen, sagte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing.

Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) kritisierte die Verbraucherschützer. „Wenn die Grundversorger die Neukunden zum gleichen Tarif wie die Bestandskunden annehmen müssten, würden die Kosten für alle steigen“, erklärt Geschäftsführerin Kerstin Andreae. Außerdem wird kein Kunde gezwungen, in der Ersatzversorgung zu bleiben, der Tarif kann innerhalb eines Tages gewechselt werden. „Dubiose Billigstromanbieter kommen ihren Lieferverpflichtungen nicht nach und wälzen ihre hausgemachten Probleme auf die Grundversorger ab“, sagte sie.

Die Grundversorger müssten für die betroffenen Kunden über Nacht zusätzliche Strom- oder Gasmengen im Energiehandel einkaufen. In Regionen, in denen viele Kunden von Vertragskündigungen betroffen seien, könne der „teure kurzfristige Bezug zusätzlicher Mengen und der dafür erforderlichen Sicherheiten“ Grundversorger in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur haben im vergangenen Jahr 39 Energieversorger in Deutschland die Belieferung ihrer Kunden eingestellt. Das ist doppelt so viel wie in den Vorjahren.

Übrigens: Nicht überall erhöhen die Versorger die Preise. In Hamburg beispielsweise hat Vattenfall zahlreiche Kunden in die Ersatzversorgung aufgenommen und verlangt keinen Aufpreis. Die Neukunden zahlen den bisherigen Grundleistungspreis.



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