Dienstag, Oktober 26, 2021
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Bilder der inneren Befreiung, die man aus Länderspielen nicht mehr kennt

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Hansi Flick flickt zusammen, aber die Fans jubeln. Die deutsche Mannschaft macht unter ihrem neuen Bundestrainer viele Fehler, sieht ansonsten aber ganz anders aus. Noch nie hat ein DFB-Team so schnell Fußball gespielt. All dies hat auch mit einem Strickpullover zu tun.

ÜÜber Hansi Flick kann man in diesen Tagen nur Gutes lesen und hören, vier Spiele, vier Siege, die Sympathiewerte des neuen Bundestrainers gehen durch die Decke. Nur eines spricht im Vergleich zu seinem Vorgänger gegen ihn: Joachim Löw war optisch und modisch besser.

Jogi war ein Hingucker, der bestaussehende, bestfrisierte und bestgekleidete Sneaker, den wir je hatten, der „Nivea“-Mann aus der Werbung, mit auf Taille geschnittenen Designer-Hemden und einem glücklichen blauen Kaschmir-Pullover. Am vergangenen Freitag, nach dem 2:1-Sieg gegen Rumänien, hätte er perfekt zu der schicken RTL-Moderatorin Laura Papendick und ihrem Experten Lothar Matthäus gepasst, der als Stilikone mit imposantem Schal um den Hals das Vorbild war seine alte philosophie: „Der gürtel muss zu den schuhen passen. „

Eine Modenschau wie diese am Mikrofon ist mit Hansi Flick nicht möglich. Der Neue ist eher vom Typ Sepp Herberger, Strickpullover mit Reißverschluss, kommt auf jeden Fall direkt von der Trainerbank wie am Freitag, völlig unverjüngt, passt vor dem Interview nicht einmal die Frisur an und sagt dann Sachen wie:“ Das Publikum ging mit mir ungeschminkt. Genau das wollten wir. „

Die Fans lachen wieder, sie sind wieder glücklich. Sie lachten sogar zur Halbzeit, als es 0:1 gegen Rumänien, die Nummer 42 der Weltrangliste, stand. Nummer 43 ist Katar. Aber kein Hanse im Stadion pfiff, sondern ehrte, dass sie da unten Gras fressen und alles geben.

Und dass jetzt ein Trainer auf der Bank sitzt, der bereit ist, seine Frisur zu ruinieren, um zu gewinnen. Thomas Müller, der letzte Schütze, beschrieb dieses neue Gefühl des Publikums im Nachhinein so. „Man konnte die Verbindung spüren, wir haben es auf dem Platz sehr genossen. Als das 2:1 fiel, war es wie eine kleine Explosion. „

In Hamburg erlebte man Bilder der inneren Befreiung, die man von Länderspielen nicht mehr kannte. Die fröhliche Stimmung war so ansteckend, dass sich 200 Fans freiwillig im DFB-Impfbus vor dem Uwe-Seeler-Bronzefuß im Volksparkstadion spritzen ließen, womöglich sogar diverse Querdenker. In Scharen genossen die Spieler das Bad in der Menge, der Bundestrainer posierte für Selfies und der Experte Matthäus schwärmte ungeachtet der vielen Unzulänglichkeiten und Defizite von seinem Schal: „Die Art und Weise hat mich beeindruckt, und nicht nur mich, sondern“ auch die Fans. Sie sind wieder gierig auf dieses Team, das in den letzten Jahren gefehlt hat. „

Der DFB will die alte Stimmung jetzt ganz schnell hinter sich bringen. Am 11. November verabschiedet sich Jogi Löw in der VW-Arena in Wolfsburg, also in ausgesprochen kleiner Runde. Denn in Wolfsburg, sagen wütende Zungen, müssen die Zuschauer bezahlt werden, um überhaupt zum Fußball zu kommen, und an diesem Abend heißt der Gegner auch Liechtenstein. Löw droht beim Abschied die Atmosphäre eines Geisterspiels. Andererseits: Leere Sitzschalen können nicht pfeifen.

Aber so schlimm wird es nicht, Löw hat als junger und vitaler Spieler zu viel für den deutschen Fußball geleistet. Vor allem aber lassen sich die Fans fröhlich von der Anmut des Optimismus inspirieren, wie zuletzt die 25.000 im Hamburger Volkspark.

Es ist noch nicht alles Gold was blitzt, aber man sieht einen anderen Biss und Willen sowie einen Bundestrainer, der sich auf der Bank heiser schreit und in ihnen die Hoffnung weckt, dass sie irgendwann wieder Fahnen ins Autofenster knipsen und machen Wangen schwarz, rot und gold bemalt Singen Sie „We are the Champions“. Stattdessen durften sie jahrelang nur „Wir haben genug“ singen, vom WM-Flop 2018 über das 0:6 in Spanien bis zum 1:2 gegen Nordmazedonien. Nach dem Sixpack in Sevilla klatschte im Internet stellvertretend für alle ein Hohn: „Jogi Löw erkennt die Niederlage nicht an und fordert eine Nachzählung der Tore.“ Trump-Humor. Galgenhumor. Jedenfalls hat der Spaß irgendwann aufgehört.

Der neue Bundestrainer pumpt jetzt wieder Luft in den platten Reifen. Flick heilt, und das weiß er aus seiner Zeit als Hexer und Handlanger beim FC Bayern: Leistung beginnt mit L, wie Lust, Leidenschaft und Lewandowski. Er hat keinen Lewandowski mehr, und weit und breit kommt keiner heran, und diesen Mangel muss Flick irgendwie ausgleichen. Die deutsche Mannschaft spielt damit direkter und schneller denn je – gegen die Rumänen konnte man diesen Fußball oft nicht mehr mit bloßem Auge verfolgen.

Die Entwicklung in dieser Hinsicht ist rasant. Jogi Löw beschrieb den Trend schon vor Jahren auf Basis wissenschaftlicher Untersuchungen: „2005 dauerte es 2,8 Sekunden von der Ballannahme bis zum Abspielen. Bei der EM 2008 haben wir uns auf 1,8 Sekunden verbessert, bei der WM 2010 in Südafrika erreichten wir gegen England und Argentinien sogar Werte von unter einer Sekunde, Joshua Kimmich und Leon Goretzka passten oft den Ball, bevor sie ihn hatten.

Das führt zu vorschnellen Fehlern, die Toni Kroos bisher selten gemacht hat. Als Querpass Toni beruhigte er das Spiel und machte es schief und weit, und 98 Prozent seiner Pässe kamen an. Aber wenn man heute die Rumänen mit ihrer Fünferkette und der Viererkette vor sich knacken will, hat am Freitag einer der neuen Strategen (es war wohl Kimmich) das TV-Mikrofon anvertraut, das geht nur mit kurzem Ball Kontakte. Dieser Zack-Zack-Fußball geht am Montagabend in Skopje gegen Nordmazedonien weiter, und wieder wird es im Sturm furchtbare Ungenauigkeiten und Fehlpässe geben. Aber es ist wichtig, dass die Mannschaft wieder brennt. Und Flick gewinnt weiter.

Allerdings muss der Neuling gewinnen, sonst vergisst man alles, was man gerade gelesen hat. Denn sofort würden sich die Nörgler unter den vielen Millionen Bundestrainern des Landes melden und klagen: Um gegen Nordmazedonien zu verlieren, hätten wir Hansi Flick nicht holen müssen – dafür hat die miese Stimmung unter Jogi Löw gereicht.

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