Sonntag, Oktober 17, 2021
StartTECHNOLOGIEJobs, Macht und Konflikte Als Google vor 20 Jahren nach Deutschland kam

Jobs, Macht und Konflikte Als Google vor 20 Jahren nach Deutschland kam

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Deutschland ist ein wichtiger Standort für Google. In Hamburg, kurz nach Tokio, eröffnete die Gruppe vor 20 Jahren ihr zweites Büro außerhalb der USA. Das machte nicht nur Freude.

Die treuesten Google-Fans sitzen in Deutschland. Das sagen zumindest die Statistiken von Statcounter. Auf jeden Fall treuer als in der amerikanischen Heimat. Während 91 Prozent der Internetnutzer in Deutschland ihre Suchanfragen Google anvertrauen, sind es in den USA „nur“ rund 87 Prozent. Auch bei Smartphones setzt die Mehrheit der Menschen in Deutschland auf die Google-Karte und die Mehrheit auf ein Android-Gerät, während in den USA Apple mit seinem iPhone die Nase vorn hat.

In Deutschland ist Google aber nicht nur der allgegenwärtige Internetriese, der Suchanfragen beantwortet, Cloud-Dienste bereitstellt oder beim Navigieren zuverlässig den Weg weist. Mit vier Standorten – Hamburg, Berlin, München und Frankfurt – und über 2500 Mitarbeitern ist die Unternehmensgruppe ein wichtiger Arbeitgeber. Auch Hunderttausende Arbeitsplätze in Deutschland hängen indirekt von dem US-Unternehmen ab.

Den Anfang machte Google am 10. Oktober 2001 in Hamburg in einem Mietbüro mit zwei Schreibtischen. Hier galt es zunächst, eine Vertriebsorganisation für das Werbegeschäft aufzubauen. Mittlerweile arbeiten rund 550 „Googler“ in den Bereichen Kommunikation, Recht, Marketing, Personal und Vertrieb in der Hansestadt.

Da die Hansestadt zu weit von den politischen Entscheidungen in Berlin entfernt war, zog Annette Kroeber-Riel 2007 erstmals in die Hauptstadt, die heute die politische Arbeit von Google europaweit verantwortet. Inzwischen kümmern sich mehr als 280 Mitarbeiter in Berlin nicht nur um die Politik, sondern auch um Bereiche wie YouTube, Künstliche Intelligenz und Google um Start-ups.

Die neue Nähe zu politischen Debatten konnte jedoch nicht verhindern, dass Google 2010 mit seinem Kameraauto für Google Street View im übertragenen Sinne vor die Mauer krachte. Die Leute hatten Google inzwischen zu ihrer Lieblingssuchmaschine gemacht. Doch als die Google-Autos mit einer drei Meter hohen Kameraanordnung durch die Straßen fuhren, bekam viele ein mulmiges Gefühl.

Damals hatte Google zugestimmt, Gesichter von Passanten und Nummernschilder automatisch zu verpixeln. Aber das war vielen nicht genug. Damals erlangten Datenschützer ein vorgängiges Widerspruchsrecht. Betroffene könnten beantragen, dass ihre Fassadenansichten verpixelt werden. In der Folge wurden rund 250.000 Bewerbungen eingereicht und das Street View in einigen Bereichen praktisch unbrauchbar gemacht.

Die Street View-Krise wurde 2010 durch einen handfesten Datenschutzskandal verschärft. Bei einer umfassenden Analyse entdeckte die Hamburger Datenschutzbehörde unbefugtes Datenschnüffeln. Auch den Datenverkehr von unverschlüsselten WLAN-Hotspots zeichneten die Google-Autos im Vorbeifahren auf. Das Unternehmen sprach von einem Versehen und einem persönlichen Fehler eines Mitarbeiters.

Zehn Jahre später zog Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar folgendes Fazit: „Der Streit um Google Street View war der erste und zugleich letzte Kampf der analogen Welt mit der gewaltig aufkommenden digitalen Moderne, die mit der weit verbreitete Einsatz digitaler Technik in der Alltagswelt vieler Menschen Angekommen.

Vielleicht hat der Skandal von 2010 Google intern den Anstoß gegeben, ausgerechnet Deutschland in den Fokus seiner Datenschutzbemühungen zu stellen. Das Thema wurde in München geregelt. „Wenn wir Entwickler in Deutschland haben, die verstehen, warum das Thema Datenschutz so wichtig ist und dann mit einer gewissen Leidenschaft an dem Thema arbeiten, dann kommt das bessere Produkt raus. Und das nicht nur für Deutschland, sondern auch international“, sagt Wieland Holfelder. Seit 2008 leitet er die Engineering-Abteilung von Google in Deutschland.

Es sei wichtig, dass Google transparent mache, wofür Daten verwendet werden und dass die Nutzer die Kontrolle haben, betont Holfelder. „Wenn ich meine Standortdaten mit Google teile, kann mir Google sagen, wann ich das Haus verlassen muss, um pünktlich am Flughafen oder beim nächsten Meeting zu sein, denn dann wird die Route zwischen meinem Aufenthaltsort und dem Ziel eingesehen und die Verkehrssituation berücksichtigt werden kann.“

Mit mehr als 1500 Mitarbeitern ist München heute der größte deutsche Standort. Google München hat sogar ein eigenes Bier, „gBräu“ wird von einem echten Münchner Braumeister mit amerikanischem Kaskadenhopfen gebraut – streng nach dem deutschen Reinheitsgebot.

Achim Berg, Präsident des Digitalverbands Bitkom, erklärt, Google sehe Deutschland nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch als Entwicklungs- und Infrastrukturstandort. „Das zeigt: Wir haben kluge Köpfe, nicht nur für traditionelle Industrien, sondern auch für die digitale Wirtschaft.“

Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber fand zum Jubiläum zunächst freundliche Worte und nannte Google ein „globales Unternehmen mit spannenden Produkten und großer Innovationskraft“. Er kenne aber auch „die andere Seite nur zu gut“: „Google nutzt jede Nutzung seiner Produkte, Dienste, Tools und Programmbibliotheken, um Datenprofile für Bürger zu erstellen.“ Aus seiner Sicht hat Google den „Überwachungskapitalismus“ eingeführt und baut ihn weiter aus.

Auch der Aktivist Markus Beckedahl von netzpolitik.org macht sich für die Regulierung des Internetriesen stark: Seit 2001 ist Google zu einem der mächtigsten Player in der digitalen Welt geworden. „Das Unternehmen dominiert unter anderem mehrere Märkte durch frühzeitige Akquisitionen von potenziellen Wettbewerbern.“ Die Diskussion um das Gesetzespaket „Digitale Dienste“ auf EU-Ebene muss genutzt werden, um die Marktmacht von Google und Co. wirksam einzuschränken.

In einem weiteren konfliktträchtigen Bereich zeichnet sich für Google unterdessen eine gewisse Entspannung ab, nämlich im anhaltenden Streit mit Verlagen in Deutschland. Mathias Döpfner, Präsident des Bundesverbandes Digitaler Verlage und Zeitungsverleger (BDZV) und Leiter der Mediengruppe Axel Springer, sagte auf dem jüngsten BDZV-Kongress, dass die US-Plattformen zunehmend bewusst werden, dass Medieninhalte nicht ohne kaufmännische Betrachtung. „Google zeigt jetzt in Verhandlungen ausdrücklich: Sie sind bereit, Lizenzen zu vergeben. Das ist ein ganz neuer Ton“, sagte Döpfner.

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