Freitag, Juni 24, 2022
StartTECHNOLOGIEWegen Nacktheit gesperrt? Twitter, das ist dumm!

Wegen Nacktheit gesperrt? Twitter, das ist dumm!

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Unser Kolumnist wurde von Twitter gesperrt. Und erlebt, wie stur, völlig unerreichbar und vor allem dumm das Netz agiert.

Wie ironisch kann das Leben sein? Nach zweijähriger Corona-Pause ist die re:publica endlich zurück. Menschen, die sich nur umeinander kümmern

Kennen Sie Twitter, treffen Sie sich in echt. Dann twittern Sie darüber. Erstmals ziert in diesem Jahr ein deutscher Regierungschef die Gästeliste der re:publica. Mehr Sachen zum Twittern.

Ziemlich doof, wenn man ausgerechnet an diesem Tag das erste Mal von Twitter gesperrt wird. Wie ich. Der Grund: Regelverstoß. Ich hatte das weltberühmte Bild des „Napalm Girl“ gepostet.

Das preisgekrönte Schwarz-Weiß-Foto zeigt mehrere Kinder, die mit verzweifelten, verzerrten Gesichtern auf die Kamera des Fotografen zulaufen. In der Mitte des Bildes läuft ein Mädchen. Es ist nackt, es schreit, es hat die Arme ausgestreckt. Wenn Sie genau hinsehen, können Sie Wunden an seinem linken Arm sehen. Später im Krankenhaus finden die Ärzte an einem Drittel seines kleinen Körpers Verbrennungen dritten Grades. Und doch überlebt das Kind. 17 Operationen innerhalb von zwei Jahren werden notwendig sein.

Hinter dem misshandelten Mädchen und den anderen schockierten und verängstigten Kindern sind Soldaten zu sehen. Und dicke Rauchwolken. Das Bild mit dem Titel „The Terror of War“ ist eine der Ikonen der Kriegsfotografie.

Es entstand vor genau 50 Jahren, am 8. Juni 1972. Während des Vietnamkrieges. An diesem Tag fliegen die Südvietnamesen Napalmangriffe auf das Dorf Tràng Bàng. Dort lebt ein neunjähriges Mädchen namens Kim Phuc. Sie und ihre Cousins ​​​​sind auf dem Bild zu sehen. Weg von möglichen weiteren Angriffen, von ihrem Schmerz und ihrer Angst.

Das Bild treibt Sie ins Mark. Das Leid der Zivilgesellschaft in Kriegen ist immer entsetzlich, und Kinder als Opfer zu sehen, ist etwas noch Schrecklicheres. Kinder in ihrer Unschuld und ihrer Wehrlosigkeit. Auch die offensichtliche Qual der kleinen Kim Phuc, die nicht einmal ansatzweise begreifen kann, was ihr gerade passiert ist, warum es passiert und wie nah sie dem Tod im Moment des Auslösens ist, quält auch den Betrachter. Wenn Sie auch nur einen Hauch von Schutzinstinkten haben, wird dieses Bild sie wecken.

Auch weil das Mädchen nackt ist. Das erhöht seine Verwundbarkeit. Und ist der Grund, warum dieses Foto in der Vergangenheit bereits zu Sperrungen in den sozialen Netzwerken geführt hat. Wie ich jetzt.

Twitter schickt mir eine E-Mail, dass mein Tweet gegen ihre Regeln verstößt, und bittet mich, ihn zu löschen. Danach bleibe ich immer noch gesperrt. Zwölf Stunden lang. Sobald ich auf mein Konto gehe, kann ich dort die verbleibende Dauer meiner Sperre ablesen. Transparenter wird es aber nicht mehr.

Die viel gepriesene künstliche Intelligenz, die auch zum Scannen von Social-Media-Inhalten eingesetzt wird, sieht nur Nacktheit. Und schlägt Alarm. Sie weiß nicht, dass sie es mit einem Dokument der Zeitgeschichte zu tun hat, das 1972 unter anderem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Und offensichtlich wusste das auch eine Person auf Twitter nicht, die dann meine Sperrung verursacht hat.

Es kann vorkommen. Künstliche Intelligenz ist oft genug künstliche Dummheit. Es ist von Menschen programmiert.

Ich habe den Tag auch überstanden und bin jetzt wieder entsperrt. Und doch ist dieser Fall keine Kleinigkeit. Denn Twitter hat sich mit seinem völlig intransparenten Verhalten einfach über geltendes Recht hinweggesetzt. Das passiert öfter, das habe ich während meiner Sperre erfahren, als mir sehr freundliche Anwälte geschrieben und ihre Hilfe angeboten haben.

Plattformen dürfen Nutzer jedoch nicht ohne vorherige Rücksprache sperren. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Twitter hingegen ist erschreckend oft völlig gleichgültig. Auch in meinem Fall. Es wird nicht versucht, diesen Eindruck zu verwischen. In den allermeisten Fällen hat das Unternehmen nicht einmal auf die Versuche einiger Personen reagiert, mich aus dieser misslichen Lage zu befreien.

Dasselbe Unternehmen, das Drohungen und Beleidigungen nicht löscht, die deutsche Gerichte für rechtswidrig halten. Dasselbe Unternehmen, das täglich gehetzt, beleidigt und bedroht wird. Es hat ewig gedauert, Donald Trump zu verbieten. Diese gilt als zentrale Brutstätte der Desinformation, sei es im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie oder dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Unter Kriminalbeamten als völlig unkooperativ berüchtigt.

Übrigens enthält meine kleine Geschichte, die für mich nicht so tragisch ist, einen weiteren Ironiepunkt: Das Foto des „Napalm Girl“ wäre damals fast nicht aufgetaucht. Der an diesem Tag zuständige Redakteur der Nachrichtenagentur Associated Press (AP), für die der Fotograf Nick Út arbeitete, wollte es nicht veröffentlichen. Es brach die Regeln: Es zeigt eine nackte Person von vorne.

Doch in der Redaktion entbrannte eine Debatte. Das Bild polarisierte so sehr, dass der Büroleiter aus der Mittagspause gerufen werden musste. Er beschloss, es an die Presse zu schicken, obwohl er gegen die Regeln verstieß. Es schaffte es am nächsten Tag auf die Titelseite der New York Times. Und es markierte einen Wendepunkt: Von da an änderte sich die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung, von da an änderte sich ihre Unterstützung für den Krieg. Der Anblick der lebensgefährlich verletzten Kim Phuc, die vor Schmerzen schrie, war zu schwer zu ertragen.

Eine weise Entscheidung des AP-Vorstands, das Foto zu veröffentlichen. Trotz Regelbruch. menschliche Intelligenz.

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