Samstag, Mai 21, 2022
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Wie können Kopfhörer so teuer sein?

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Mit dem IE 600 bietet Sennheiser In-Ear-Kopfhörer für echte Sound-Freaks. Verarbeitung und Sound sind hochwertig. Aber ist der hohe Preis wirklich angemessen?

Der richtige Kopfhörerklang wird heiß diskutiert: Manche Leute sind mit einem soliden Paar unter 100

Euro voll zufrieden – andere rümpfen selbst bei Modellen für mehrere hundert Euro noch die Nase.

Der In-Ear-Kopfhörer IE 600 von Sennheiser gehört eindeutig eher zur letzteren Gruppe. Denn mit einem Listenpreis von 699 Euro dürften sie selbst vielen eingefleischten Musikfans zu teuer sein. Lohnt es sich wirklich so viel Geld für Kopfhörer auszugeben? Darauf wird es keine pauschale Antwort geben – aber unter den vielen High-End-Kopfhörern, die in dieser Preisklasse starten und teilweise deutlich teurer sind, liefern die IE 600 vielleicht die besten Argumente dafür, dass sich die Investition tatsächlich lohnt.

Das liegt vor allem daran, dass diese In-Ear-Kopfhörer gute Chancen auf viele Jahre haben. Das fängt schon beim Gehäuse der Ohrhörer an. Dieser besteht aus einer amorphen Metalllegierung. Dieses Metall ist einerseits besonders langlebig – lässt sich aber andererseits in einem 3D-Drucker verarbeiten. Das gleiche Material wurde auch für einen Bohrkopf des Mars-Rover verwendet. Aber gut – für diesen Preis darf man Weltraumtechnik erwarten.

Das hat neben dem Sternenglitzer auch den Vorteil, dass der Kopfhörer extrem stabil ist und sich trotzdem in die perfekte, klangfördernde Form bringen lässt. Ebenfalls wichtig: Die oft noch größere Schwachstelle – die Kabel – sind hier modular aufgebaut. Sie können über eine Steckverbindung vom Mobilteil getrennt werden. In Sekundenschnelle wechselst du zwischen dem hässlichen Kabel mit dreipoligem Kopfhöreranschluss für Handy und Computer und dem ebenfalls mitgelieferten fünfpoligen, symmetrischen Kabel, das du in den Kopfhörerverstärker steckst.

Diese Flexibilität bedeutet auch, dass ein Kabelbruch nicht das Ende für die Kopfhörer bedeutet – und das ist selbst bei besseren In-Ear-Kopfhörern für 300 Euro und mehr oft der Fall. Der hohe Preis könnte sich also schon bei einer langen Lebensdauer auszahlen. Ein 7-Millimeter-Treiber sorgt für den entsprechend hochpreisigen Sound.

Insgesamt wirken die IE 600 absolut wertig, das Gehäuse wiegt merklich schwerer als typische Plastikgeräte, stört aber nicht am Ohr.

Kommt mit sechs Paar Ohrstöpsel, je drei aus Silikon und drei aus Memory-Schaum. Nur bei letzterem konnten wir einen guten, strammen Sitz erreichen – und nur dann hört man die Bassqualitäten des IE 600. Wie so oft bei hochwertigen In-Ear-Kopfhörern der erste Abschnitt des Kabels an den Hörmuscheln ist flexibel, behält aber seine eigene Form und liegt recht straff um die Ohrmuschel.

Das sorgt für sicheren Halt der nicht gerade leichten Kopfhörer, ist aber beim Einsetzen und Herausnehmen recht fummelig. Sie sind nicht unbedingt echte Alltagskopfhörer für jede Gelegenheit – aber sie sind so robust, dass sie den rauen Alltag in Taschen und Rucksäcken locker überstehen dürften – zumal eine passende Tasche gleich mitgeliefert wird.

Zum Glück für den Sound hat der IE 600 keine Geräuschunterdrückung. Die Kopfhörer schirmen aber Außengeräusche so gut ab, dass sie auch in lauten Situationen eingesetzt werden können.

Kommen wir also zum Klang. Dabei sind Sennheiser-Kopfhörer beim ersten Hören fast ein wenig zurückhaltend: Hier steht nichts im Vordergrund. Aber schon nach wenigen Sekunden wird hörbar, dass man einen sehr hochwertigen und teuren Klangerzeuger in den Ohren hat, denn alles klingt wirklich gut, präzise und im besten Sinne des Wortes gefällig.

Sennheiser erklärt in seinem Pressematerial, dass der IE 600 auf einen neutralen, aber emotionalen Klang abgestimmt wurde – und das bringt es ganz gut auf den Punkt. Wer aber einen analytischen, etwas blutleeren Klang befürchtet, sei versichert: Musik klingt hier keineswegs blutleer – gleichzeitig muss man sich aber auch nicht über störende Akzentuierungen in bestimmten Frequenzbereichen ärgern. Die Musik klingt natürlich – und das über überraschend viele Genres hinweg.

Vor allem Gesang wird äußerst präzise und brillant wiedergegeben – aber auch ein druckvoller Bass ist vorhanden. Pop, Klassik. und auch viele Rockproduktionen klingen hervorragend. Was den IE 600 auszeichnet, ist die unaufgeregte Präzision, die verblüffende dreidimensionale Wiedergabe und genug Druck, ohne das Ohr über einen längeren Zeitraum zu strapazieren.

Das hört man bei „Fragments of Time“ auf Daft Punks Mega-Seller „Random Access Memory“ gleich am Anfang des Songs. Die Snaredrum ist knackig und klappert nicht, die High Hat klingt glockenklar, ohne scharf und unangenehm zu sein, und der bauchige Bass ist satt, ohne den Drums ihre Luftigkeit und der Bassdrum ihren Kick zu rauben. Auch wenn die Stimme von Todd Edwards hereinkommt, bleibt alles beim Alten.

Diese unaufgeregte, exakte Wiedergabe funktioniert mit ausgefeilten Pop-Produktionen von Dua Lipa genauso gut wie mit dem krachenden Hardcore-Punk von Refused oder den knarrenden Balladen des Jazz-Trios EST

Manchmal kommt der Musk aber mit der hohen Auflösung der Kopfhörer nicht zurecht: Mick Gordons analog-digitale brachiale Soundbasteleien im Doom-Soundtrack zerfallen unter dem Klangskalpell des IE 600 so sehr in seine Einzelteile, dass alles etwas drucklos wirkt. Bei typischen Rockproduktionen trat der Effekt nicht auf.

Kopfhörer für 700 Euro dürften den allermeisten Musikkonsumenten absurd erscheinen. Mit dem IE 600 bietet Sennheiser jedoch ein so tolles Preis-Leistungs-Verhältnis, dass der Kopfhörer im Kontext der oft völlig grenzenlosen HiFi-Welt fast wie eine pragmatische Preis-Leistungs-Entscheidung wirkt.

Wer viel Geld statt in Auto, Einrichtung oder Urlaub lieber in Kopfhörer steckt, bekommt ein sehr rundes, hochwertiges Soundpaket, das vermutlich viele Jahre halten wird.

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