Dienstag, Oktober 19, 2021
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Atomkraft in Frankreich: „Es ist eine Technologiewette, die Macron eingeht“

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MITDer französische Präsident Emmanuel Macron hat seine Ziele formuliert, um sein Land fit für die Zukunft zu machen. Zu den wenig überraschenden Punkten zählen die Dekarbonisierung der Industrie, die angestrebte Führungsrolle beim „grünen“ Wasserstoff und der Schub der Elektromobilität.

Auch die Förderung einer klimafreundlichen Luftfahrt, Raumfahrt und der Meeresboden enthalten wenig Sprengstoff. Gleiches gilt für die Ziele, Investitionen in „gesunde, nachhaltige und rückverfolgbare“ Lebensmittel zu fördern, Frankreich „wieder an die Spitze der Produktion von kulturellen und kreativen Inhalten zu bringen“ und bis Ende des Jahres 20 Bio-Medikamente gegen Krebs und chronische Krankheiten herzustellen das Jahrzehnt.

Das klare Bekenntnis zur Kernenergie hingegen lässt aufhorchen. Dies umso mehr, als Macron sich explizit auf Minikraftwerke, sogenannte Small Modular Reactors (SMR) konzentrierte. Macron sieht eine vielversprechende Zukunft und sprach von der „Neuerfindung“ der Kernenergie. Die eine Milliarde Euro an staatlicher Förderung ist gut angelegtes Geld. Denn gute Ideen dürfen nicht an der Finanzierung scheitern.

Bisher existiert SMR jedoch praktisch nur auf dem Papier. Gemeint sind Anlagen mit einer Leistung von bis zu 300 Megawatt. Konventionelle Kernkraftwerke sind deutlich größer; der derzeit im Bau befindliche Druckwasserreaktor Flamanville in der Normandie beispielsweise hat eine Leistung von rund 1.600 Megawatt. Ein SMR-Projekt heißt Nuward, das unter anderem von den französischen Unternehmen EDF und Naval unterstützt wird.

Welche Rolle SMR im Energiemarkt der Zukunft spielen wird, ist unklar. William Magwood, Generaldirektor der globalen Atomenergiebehörde NEA, nannte sie kürzlich in einem Interview mit der FAZ „mögliche Game Changer“. Weil sie Eigenschaften hatten, die die großen kommerziellen Reaktoren nicht haben würden, insbesondere die Sicherheit. Der in Amerika entwickelte Reaktortyp Nuscale besteht beispielsweise aus mehreren kleinen Reaktorkernen, die jeweils von einer enormen Menge Wasser umgeben sind. „So kann es nie zu einer Kernschmelze kommen“, sagt Magwood. Auch Pläne für gasgekühlte und Salzschmelzenreaktoren sind vielversprechend.

Auch die Experten des Weltklimarats haben SMR „das Potenzial für mehr Sicherheit“ zugesprochen. Doch nicht alles, was technisch möglich ist, zahlt sich auch aus. Darauf verweist Andreas Löschel, der als Energieökonom den letzten Statusbericht des IPCC mitverfasst hat. „Es ist eine große Hypothek für die Atomkraft, dass die Zeitpläne und Budgets der Projekte in den letzten Jahren erheblich zerrissen wurden“, sagt er. Anleger haben derzeit wenig Vertrauen in die Technologie, zumal Sicherheitsstandards immer wieder angepasst werden müssen.

Die Kernenergie macht derzeit rund 10 Prozent des weltweiten Strommixes aus. Die meisten Reaktoren stehen in den USA, gefolgt von Frankreich und China, das wiederum die meisten neuen Anlagen baut. Bis vor wenigen Jahren galt die Kernenergie als Ausstieg, doch als weitgehend CO2-freie Energiequelle wird sie im Zuge des Klimaschutzes vielerorts neu bewertet. Doch Investitionen in neue konventionell gebaute Kraftwerke wie in Flamanville wären ohne staatliche Förderung undenkbar.

Energieökonom Löschel betont, dass mehr als eine Milliarde Euro nötig wären, um SMR in größerem Umfang zu fördern. „SMR kann durchaus eine Rolle in der Energiewelt von morgen spielen“, sagt er im Interview mit der FAZ. „Aber es gibt viel Hoffnung und Erwartung, während man bei den Erneuerbaren genau weiß, wo man steht – und vor zehn Jahren noch sehr vieles die hohen Kosten deutlich gesenkt hat. „

Zumal die neuen Reaktoren voraussichtlich nicht schnell marktreif sein werden. Es wäre überraschend, dass SMR, wie Macron versprochen hatte, bereits 2030 Strom produzieren würde. „In den 2020er Jahren wird der Fokus auf der Entwicklung von Prototypen liegen und wir werden sehen, welche Technologie hält, was sie verspricht“, sagt Ökonom Löschel . „Unter Experten herrscht recht großer Konsens, dass mit der Markteinführung von SMR eher in den 2030er Jahren zu rechnen ist.“

SMR werde sich in einer erneuerbaren Welt bewähren müssen, denn bis Mitte der 2030er Jahre soll der Stromsektor eigentlich erneuerbar sein, inklusive Speicherung und Lastmanagement, sagt Löschel. Die hohen Investitionen werden schwer zu rechtfertigen sein. Löschel: „Es ist eine Technologiewette gegen eine etablierte Technologie für erneuerbare Energien und Speicher, die mit SMR hergestellt wird.“

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