Dienstag, Oktober 19, 2021
StartWIRTSCHAFTBolívar am Tiefpunkt: 1700 Prozent Inflation in Venezuela

Bolívar am Tiefpunkt: 1700 Prozent Inflation in Venezuela

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Die venezolanische Landeswährung Bolívar hat seit Oktober sechs Nullen weniger. Der Schritt der Notenbank erleichtert die Buchhaltung in dem südamerikanischen Ölland, wo die Inflation in den vergangenen zwölf Monaten über 1.700 Prozent erreicht hat. Nicht viel mehr. Es ist die dritte Währungsreform in den letzten Jahren. 2007 verlor der Bolívar unter dem damaligen Präsidenten Hugo Chávez drei Nullen und wurde zum „Starken Bolívar“. 2018 wurden weitere fünf Nullen gestrichen und die Währung in „Sovereign Bolívar“ umbenannt. Mit der jüngsten Anpassung hat der Bolívar in 14 Jahren 14 Nullen verloren.

Die Währung heißt jetzt „Digital Bolívar“. Und das ist kein Zufall. Die Zentralbank hat angekündigt, neue Banknoten zu entwerfen und sogar eine Bolivar-Münze einzuführen. Die Einführung neuer und mittlerweile veralteter Banknoten von 200.000, 500.000 und einer Million Bolívar erfolgte erst vor wenigen Monaten. Jedenfalls zahlt heutzutage kaum noch jemand in Venezuela mit Bargeld. Schätzungsweise 98 Prozent aller Transaktionen werden mit Karten oder digitalen Bezahl-Apps abgewickelt. Die bargeldlose Wirtschaft stößt nur in ländlichen Gebieten oder bei häufigen Stromausfällen oder Netzstörungen an ihre Grenzen.

Die Digitalisierung macht es auch leichter, in ein paar Jahren wieder ein paar Nullen durchzustreichen. An der venezolanischen Wirtschaft wird sich mit der neuen Währung kaum etwas ändern. Das Land leidet weiterhin unter einer der tiefsten wirtschaftlichen Depressionen, die die Region je erlebt hat. Vier Fünftel der Wirtschaftsleistung sind seit 2014 verloren gegangen. Die Bevölkerung ist weitgehend verarmt. Drei Viertel der Venezolaner kommen mit weniger als 1,20 Dollar am Tag aus. Die meisten haben jedoch deutlich weniger. Der Mindestlohn liegt bei rund 2,50 US-Dollar. Damit lässt sich kaum etwas kaufen. Millionen Venezolaner haben das Land verlassen. Viele der weiterhin in Venezuela lebenden Personen erhalten finanzielle Unterstützung von Verwandten im Ausland.

Ob der Bolívar – digital oder gedruckt – in den nächsten Jahren noch eine Bedeutung haben wird, ist fraglich. Die Dollarisierung der venezolanischen Wirtschaft geht weiter. Präsident Nicolás Maduro selbst hatte der Währung, die lange Zeit nur informell im Umlauf war, die Türen geöffnet. 2019 zwang die zeitweise auf mehrere 100.000 Prozent gestiegene Hyperinflation die Regierung zu Anpassungen. Preiskontrollen und Beschränkungen im Devisenhandel wurden gelockert und der offizielle Wechselkurs dem Marktkurs angenähert. Später erlaubte die Regierung Transaktionen in Fremdwährungen. Die Inflation hat sich auf hohem Niveau eingependelt. Gleichzeitig hat die Dollarisierung der informellen Wirtschaft Auftrieb verliehen.

Gleichzeitig hat die sozialistische Regierung der Privatwirtschaft mehr Raum in Wirtschaftssektoren gegeben, die lange Zeit vom Staat kontrolliert wurden. Grundlage für die Öffnung ist ein sogenanntes „Antiblockadegesetz“, das eine Zusammenarbeit zwischen staatlichen Unternehmen und privaten Unternehmen ermöglicht. Damit sollen auch bestimmte Sanktionen umgangen werden, denen der venezolanische Staat und bestimmte staatseigene Unternehmen ausgesetzt sind. Inzwischen wickelt beispielsweise die Privatwirtschaft einen Großteil der Warenimporte ab, von denen das Land aufgrund fehlender inländischer Produktion abhängig ist.

Diese Lockerungen erfolgen nicht freiwillig oder im Zuge struktureller Wirtschaftsreformen, sondern sind eine Anpassung der Regierung an die Bedingungen. Mit dem Zusammenbruch der Wirtschaft hat auch der venezolanische Staat an Stärke und Einfluss verloren. Heute verfügt der venezolanische Staat nicht mehr über die produktiven und finanziellen Kapazitäten, um den „Laden am Laufen“ zu halten.

Dies gilt auch für die öffentlichen Dienstleistungen und Sozialprogramme des Landes, die zurückgefahren werden und sich zunehmend auf die großen Metropolen konzentrieren. In Teilen des Landes sind Venezolaner in vielen Bereichen wie Verkehr, Energie- und Wasserversorgung auf private Dienstleister angewiesen. Auch der Schwarzmarkt floriert, der mittlerweile rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Zudem hat sich ein halblegaler „grauer“ Markt etabliert.

Der Einfluss der Regierung auf die Wirtschaft nimmt ab und der Privatwirtschaft öffnet sich mehr Raum. Die Regierung macht jedoch weiterhin die Regeln. Sie verfolgt vor allem ein Ziel: die Machterhaltung. Der scheinbare Pragmatismus, den Präsident Maduro seit einiger Zeit in Wirtschaftsfragen an den Tag legt, sollte daher nicht überbewertet werden. Seine Lockerung und Öffnung haben bisher nichts dazu beigetragen, Venezuela produktiver zu machen oder die Lebensbedingungen der Venezolaner zu verbessern. Beide haben sich stabilisiert – an ihrem Tiefpunkt.

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