Freitag, Juni 24, 2022
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Buccaneer Tales: Der seltsame Reiz der Piraterie

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EDward D’Oley, der Gouverneur von Britisch-Jamaika, verkündete 1661, dass der gerade zwischen England und Spanien geschlossene Frieden nicht für die Karibik gelte. Piraten und Freibeuter konnten daher sicher in Port Royal einen Stützpunkt errichten, von wo aus sie spanische Schiffe angriffen, ohne mit den Behörden in Konflikt zu geraten. Auch D’Oleys Nachfolger tolerierten den Piratenhandel: Tavernen, Bordelle, Piratenbedarfsläden – sie alle lebten von der Piraterie.

Danach verwischte sich zunehmend die Grenze zwischen kolonialem Establishment und Privatisierung, zwischen staatlicher Autorität und illegalen Geschäften. Henry Morgan (1635 bis 1688), einer der berühmtesten Piraten der Weltgeschichte und bekannt als „der Schrecken der Karibik“, konnte seinen illegal erbeuteten Reichtum „legalisieren“, indem er massiv in Zuckerrohrplantagen investierte. Am Ende wurde er sogar Vizegouverneur der Kolonie und zur Belohnung vom englischen König Karl II. zum Ritter geschlagen.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Den Freibeutern von heute fehlt vielleicht das Flair von Captain Morgan. Aber auch sie – die wir Oligarchen, Klepto- oder Plutokraten nennen – adeln ihr zweifelhaftes Eigentum, das sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erworben haben, in „sicheren Häfen“ (Londongrad), die von der britischen Krone geschützt werden. In den 1990er Jahren reichte eine Ausweiskopie aus, um in London im großen Stil Immobilien zu kaufen. Dass im Grundbuch nicht der Name aus dem Personalausweis nachträglich eingetragen wurde, sondern ausgerechnet eine Firma mit Sitz in der Karibik, störte niemanden. Freibeuter seien „ehrenwerte Männer“ geworden.

Könnte Piraterie eine zeitlose Existenzform sein, jenseits von Totenkopf und gekreuzten Knochen, der Augenklappe, dem Holzbein oder Johnny Depps Fluch der Karibik? Ist Piraterie ein Paradebeispiel für illegale Märkte, bei denen die Grenze zwischen Legalität und Illegalität fließend oder gar nicht anwendbar ist?

Beide Fragen können mit Ja beantwortet werden. Das klassische Geschäftsmodell der Piraten funktioniert übrigens trotz aller Fortschritte im Völkerrecht immer noch: In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die „International Maritime Organization“ (IMO) mehrere tausend Piratenangriffe auf Handelsschiffe registriert. Besonders erfolgreiche Piratenjahre waren laut IMO-Statistik die Jahre 2000 und 2011 mit jeweils mehr als 500 schweren Überfällen auf hoher See. Die regionalen Schwerpunkte sind die gleichen wie in den klassischen Tagen der Piraterie: die Karibik, die afrikanische Küste und die fernöstlichen Hauptfahrwasser im Indischen Ozean.

Besonders die Straße von Malakka bleibt hochgefährlich. Derzeit werden mehr Schiffe angegriffen als seit Jahren. Allein im ersten Quartal 2022 hat sich die Zahl der Angriffe im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Singapur empfiehlt Kapitänen, die zwischen Europa und Nordasien segeln, ihre Schiffe mit Stacheldraht und Wasserwerfern auszustatten, Türen und Luken mit Stahlträgern zu sichern und Besatzungen mit Helmen auszustatten. Dass die Piraterie so stark zugenommen hat, liegt an den gesunkenen Opportunitätskosten: Schwindende Beschäftigungsmöglichkeiten in der Fischerei und Einschränkungen durch Corona veranlassen die Bewohner der indonesischen Küste, nach alternativen Geschäftsmodellen zu suchen.

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