Freitag, Oktober 7, 2022
StartWIRTSCHAFTChemieunternehmen stellen Betrieb ein: „Sehr viele schreien förmlich um Hilfe“

Chemieunternehmen stellen Betrieb ein: „Sehr viele schreien förmlich um Hilfe“

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ichIn der Chemiebranche breitet sich Angst aus. „Wir haben lange davor gewarnt, dass die Produktion heruntergefahren wird und Unternehmen sich ganz zurückziehen. Und genau das passiert jetzt“, sagt Wolfgang Große Entrup. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) schildert die Situation im Gespräch mit der FAZ dramatisch. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand. „Wir haben sehr viele, die buchstäblich um Hilfe schreien.“

Ihm zufolge laufen die meisten Lieferverträge für Gas und Strom zum Jahresende aus, Anschlussangebote seien oft schlichtweg nicht mehr finanzierbar. Die notwendigen Preise für die Endprodukte sind auf dem Weltmarkt nicht zu erzielen. Die Gaspreise der amerikanischen Konkurrenz sind genauso hoch wie die geplante Gasabgabe in Deutschland. Immer mehr Unternehmen wären gezwungen, die weitere Produktion herunterzufahren. „Nicht vorübergehend, wenn sie weg sind, sind sie weg“, sagt er.

Wertschöpfungsketten beginnen laut Große Entrup nun zu reißen. Ammoniak, Harnstoff, Adblue, Salzsäure, Vorprodukte für die pharmazeutische Industrie, selbst Grundchemikalien werden knapp. „Die Zusammenhänge werden offensichtlich und klar“. Dennoch wird die politische Situation immer noch unterschätzt. Es gibt viel Aktivismus, viele Aufträge, aber die notwendige Hilfe kommt nicht. Und vieles, was versprochen wurde, wie etwa der unbürokratische „Fuel Swap“, der es Unternehmen ermöglicht, ihren Betrieb kurzfristig auf Öl umzustellen, funktioniert noch nicht.

Der Branchenverband will sich an diesem Montag mit seinem dramatischen Appell und einem ganzen Forderungskatalog an Berlin wenden. Um Zeit zu gewinnen und die Strompreise zu dämpfen, müssen zunächst alle Kraftwerke ans Netz gehen. Auch die bestehenden Kohle- und Kernkraftwerke. Auch wenn, wie Grosse Entrup sagt, eine kurzfristige Überschreitung des nationalen CO2-Budgets unvermeidlich ist.

Obendrein. Weitere Hilfe wird dringend benötigt. Die Gasumlage muss überdacht und aus dem Bundeshaushalt mitfinanziert werden. Zusammen mit anderen Zuschlägen führt dies zu Mehrkosten von 4 Milliarden Euro für die chemische Industrie.

Nach dem Willen des VCI sollen in Not geratene Lieferanten unter Beteiligung des Staates „gezielt und befristet“ unterstützt werden. Die angekündigte Strompreisbremse für den Grundverbrauch muss auf industrielle Verbraucher ausgeweitet werden. Auch das bereits beschlossene Energiekostensenkungsprogramm soll ausgeweitet und auf mittelständische Unternehmen angepasst werden. Betreiber von Chemieparks – dem Herzstück der Chemieproduktion in Deutschland – würden davon derzeit nicht profitieren.

Wie teuer die Hilfsmaßnahmen werden, darüber könne man nur spekulieren, sagt Groß Entrup. Klar ist aber, dass die Politik Unternehmen und Wertschöpfungsketten nur „von Grund auf“ retten kann. „Der Staat muss das Geld sowieso ausgeben. Besser jetzt in die Struktur einsteigen als nächstes Jahr, um die Arbeitslosigkeit zu finanzieren.“

Der Bund wird diese Mittel nicht aus dem bestehenden Haushalt finanzieren können, dessen ist man sich bewusst. „Wir werden um eine vorübergehende Aussetzung der Schuldenbremse nicht herumkommen.“ Das jetzt nicht zu tun, würde die gesamte Industriestruktur gefährden. Arbeitslosigkeit und Sozialtransfers müssten dann mit noch höheren Beträgen finanziert werden.

Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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