Sonntag, November 28, 2021
StartWIRTSCHAFTCO2-arme, teure und zu späte Mini-Atomkraftwerke? "Niemand weiß, ob es funktioniert"

CO2-arme, teure und zu späte Mini-Atomkraftwerke? "Niemand weiß, ob es funktioniert"

- Anzeige -


US-Präsident Joe Biden will Mini-Atomkraftwerke bauen, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron auch, Russlands Präsident Wladimir Putin hat schon eines, ein schwimmendes in Sibirien: Im Kampf gegen den Klimawandel erlebt die Atomkraft eine Renaissance – angetrieben von SMR, Kleine modulare Reaktoren. Dieses Konzept verspricht kleine, kostengünstige und vielseitige Reaktoren, die zuverlässig und CO2-arm Energie produzieren. Christoph Pistner, Mitglied der Reaktorsicherheitskommission (RSK), ist immer noch kein Fan, wie er im ntv-Podcast „Klimalabor“ klarstellt. Der Physiker des Freiburger Öko-Instituts hat die neue Technologie für das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BASE) untersucht und keine überzeugenden Argumente gefunden Kernkraftwerke, noch teurer als die Erneuerbaren und vor allem wahrscheinlich erst dann einsatzbereit, wenn es schon zu spät ist.

The Aktuelle News: Was wissen Sie über die SMR-Technologie, was die amerikanischen, französischen und russischen Präsidenten nicht wissen?

Christoph Pistner: Ich weiß nicht, ob ich etwas weiß, was Joe Biden, Emmanuel Macron und Wladimir Putin nicht wissen. Vielleicht ist es eher eine Frage der Bewertung dessen, was wir wissen. Mein Eindruck ist, dass die Herren viel von der SMR-Technik erwarten. Diese Versprechen werden auch von den Entwicklern gemacht. Die Frage ist, ob sie tatsächlich stattfinden. Wir haben seit vielen Jahrzehnten davon gehört, aber bis heute ist nichts davon realisiert worden.

Was genau ist SMR? Worum geht es bei kleinen modularen Reaktoren?

Das ist eigentlich gar nicht so einfach, denn es gibt keine international einheitliche Definition, was ein kleiner modularer Reaktor sein soll. Alle sind sich einig, dass sich „klein“ auf eine elektrische Leistung von weniger als 300 Megawatt bezieht. Teilweise wären dies auch frühe Kernreaktoren der ersten Generation, wie sie heute noch weltweit in Betrieb sind. Hinter dem Punkt „modular“ steckt die Idee, dass diese Systeme zentral gefertigt werden und dann nur noch zum Einsatzort transportiert werden müssen. Ob das funktioniert, weiß jedoch niemand.

Sind diese Reaktoren auch räumlich kleiner? Jeder denkt wahrscheinlich an Tschernobyl, aber Russland hat jetzt eines an Bord eines Schiffes.

Ein Kernreaktor als solcher ist nicht sehr groß. Ein großer Unterschied zwischen Kernkraft und konventioneller Energie besteht darin, dass wir durch Atomspaltung sehr viel Energie auf kleinstem Raum freisetzen können. Was ein Atomkraftwerk großartig macht, ist alles, was Sie um den Reaktor herum bauen müssen.

Die berühmten Türme? Die Kühlung?

Kühlung, Sicherheitssysteme, Abschirmung vor radioaktiver Strahlung und die Hilfssysteme, die ich benötige, wenn ich ein Brennelement austauschen oder das Kühlsystem reinigen muss.

Und das brauche ich bei kleinen Reaktoren nicht?

Ja, sicher. Aber ein „kleiner“ Reaktor mit geringerer Leistung hat einen kleineren Reaktorkern. Dadurch können meine Sicherheitssysteme auch abgespeckt oder verkleinert werden, bis ich einen Reaktor mit passiven Systemen wie Luft kühlen könnte und keine großen Kühlmittelvorräte oder Pumpen mehr brauche, um ihn zu steuern.

Der russische Reaktor ist bereits im Einsatz. Der ehemalige Eisbrecher ist in Sibirien, um eine Kleinstadt mit Energie zu versorgen. Wie ist das dort geregelt?

Der Russe basiert auf Konzepten, die es schon lange gibt, auf U-Boot-Reaktoren. Wir haben Atom-U-Boote im militärischen Bereich und vor allem Schiffe mit Eisbrechern. Die Reaktoren müssen aufgrund des Verwendungszwecks sehr kompakt sein. Grundsätzlich ist ein solches System auf einem Schiff verpackt, damit es vom Herstellungsort zum Einsatzort gebracht werden kann. Das Schiff wurde vor Ort verankert, Stromleitungen an Land verlegt und Energie bereitgestellt. Ansonsten handelt es sich eher um einen klassischen Druckwasserreaktor, der ähnlich wie heutige Großanlagen mit Systemen ausgestattet ist – nur aufgrund der Leistung kleiner skaliert.

Aber das ist eine tolle Idee, jetzt haben die Menschen in der Region eine sichere Stromversorgung. Warum bist du dagegen?

Letztlich ist das Problem das gleiche wie heute bei der Kernenergie: Dieser Reaktor ist ein Reaktor, der auf Sicherheit sehr genau untersucht werden muss. Kann es schwere Unfälle geben, bei denen Radioaktivität freigesetzt wird? Dann wird dieser Reaktor auch radioaktiven Abfall erzeugen. Im Raum stehen Fragen der nuklearen Nichtverbreitung. Reaktoren produzieren Plutonium; sie benötigen für ihre Verwendung angereichertes Uran. Dies sind Schlüsseltechnologien, die für Atomwaffen benötigt werden. Auch bei kleinen modularen Reaktoren stellt sich in Zukunft die Frage, wie wir steuern können, dass Materialien und Technologien nicht missbraucht werden. Schließlich sollte man die Kostenfrage nicht vergessen. Der russische Reaktor war deutlich teurer als die großen, die heute auf dem Markt sind.

Ist dieser kleine Reaktor teurer als ein klassisches Atomkraftwerk, das in Deutschland steht?

Bezogen auf die installierte elektrische Leistung ja. Der Preis für das einzelne System ist niedriger. Aber wenn man bedenkt, dass man drei, vier oder fünf kleine Anlagen braucht, um die gleiche Strommenge wie eine große zu produzieren, ist das System deutlich teurer.

Können Sie uns Zahlen nennen?

Sie existieren noch nicht, da diese Systeme nirgendwo auf dem Markt als kommerzielle Systeme eingesetzt werden. Was wir in Russland sehen, ist eine Nischenanwendung, die explizit für sehr abgelegene Regionen gesucht wurde.

Russland plant jedoch, die Technologie ins Ausland zu exportieren.

Genau. Aber diese Pläne basieren darauf, dass ich diese Systeme nicht mehr einzeln herstelle, sondern irgendwo in einer Serienproduktion mit sehr hohen Stückzahlen, um den Preis niedrig zu halten. Aber das ist äußerst fragwürdig.

Um einen Maßstab zu haben: Ein so kleines, modulares Kraftwerk soll rund eine Milliarde Euro kosten. Im Vergleich dazu kosten konventionelle Kraftwerke 27 Milliarden Euro. Das bezieht sich auf Hinkley Point C, das derzeit in Großbritannien gebaut wird. Aber Sie bezweifeln, dass das stimmt?

Für diese eine Milliarde haben wir bis heute einfach keine prototypischen Zahlen. Betrachten wir den russischen Reaktor: Ursprünglich war kalkuliert, dass für 2.000 Dollar eine Kilowattstunde elektrische Leistung gebaut werden könnte. Am Ende kostete es 11.000 Dollar und war fünfmal so teuer wie ursprünglich geplant. Und damit teurer als die Kilowattstunde elektrischer Leistung, die wir heute in einem großen Kraftwerk bauen würden.

Dann ist er wohl deutlich teurer als beispielsweise Kohlestrom?

ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare