Sonntag, Januar 23, 2022
StartWIRTSCHAFTCorona-Krise: Steuerberater versinken in Arbeit

Corona-Krise: Steuerberater versinken in Arbeit

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CArsten Butenschön hat ein Problem. Streng genommen hat der Steuerberater sogar drei Probleme: Nach fast zwei Jahren Pandemie kann er sie wie jeder andere Vertreter seiner Zunft aus dem Ärmel schütteln. Der Dreiklang lautet: Kurzarbeitergeld, Corona-Hilfe und Grundsteuer-Neuberechnung. Die Steuerberater sind neben dem täglichen Steuererklärungsgeschäft für alles zuständig.

Und dazu kommen die üblichen Schwierigkeiten der pandemiegeplagten Bevölkerung: Die Reibungsverluste der Homeoffice-Pflicht, kranker Mitarbeiter und derer in Quarantäne. „Das sind enorme Zusatzanforderungen“, stöhnt Butenschön in einem Beruf, der „zum Fleiß verdammt ist“. Mit anderen Worten: Jede Schlamperei wird zum Haftungsproblem.

Deshalb müssen er und seine rund 60 Kollegen für Hunderte von Klienten prüfen, ob sie Corona-Hilfen beantragen können, obwohl letztlich nur 20 Prozent tatsächlich einen Anspruch haben. 2500 Stunden hat seine Kanzlei allein in dieses Thema gesteckt. „Der Tag hat nur 24 Stunden“, klagt er.

Der Berliner Steuerberater ist mit dieser Situation nicht allein, weshalb sich die Verbände seit einiger Zeit engagieren, um die Mitglieder des Konzerns zu entlasten. Der Bundesverband der Steuerberater und der Bund der Steuerzahler (BdSt) fordern wegen der Corona-Krise längere Fristen für Steuerberater.

Eigentlich müssen sie bis spätestens Ende Mai die Steuererklärungen ihrer Kunden für 2020 abgegeben haben. Wegen der hohen Arbeitsbelastung in der Pandemie sei dies derzeit schwierig, betonen beide. Sie fordern daher eine Verschiebung auf Ende August – so wie es im vergangenen Jahr geregelt war.

Reiner Holznagel, Präsident des Steuerzahlerbundes, appellierte an den Finanzausschuss des Bundestages, die Frist erneut zu verlängern. Das Thema steht an diesem Mittwoch auf der Tagesordnung. Die Unionsfraktion setzt sich für eine Verlängerung ein und hat dafür bereits einen Vorschlag vorgelegt. Ob das vergeht, steht in den Sternen.

Markus Herbrand, finanzpolitischer Sprecher der FDP, rechnet nicht damit, die Forderung der Union-Bundestagsfraktion sei gut gemeint, die Sache „verständlich“, wie er der FAZ sagt. Allerdings bedarf es eines längerfristigen Konzepts. „Die Fristen werden verlängert“, verspricht er, aber wir müssen an einer längerfristigen Lösung arbeiten. Das Problem: Letztlich muss für die Dauer der Corona-Krise, möglicherweise sogar für mehrere Jahre, die Frist bis in den Sommer verlängert werden, denn sonst haben die Steuerberater statt eines Jahres nur noch neun Monate für die Steuererklärung im Folgejahr.

Der Verband der Steuerberater erklärt es so: Kleine und mittelständische Kanzleien benötigen im Regelfall ein ganzes Jahr, also zwölf Monate, um das laufende Deklarationsgeschäft abzuwickeln. Im Hinblick auf die Fristverlängerung für 2019 bis zum 31. August 2021 bedeutet die Fristverlängerung für 2020 eine Verkürzung der üblichen Frist für den Arbeitszyklus auf neun Monate – viel zu wenig Zeit auch im Hinblick auf alle anderen Aufgaben.

Auch Herbrand sieht das Problem. „Wir müssen aus dieser Schleife raus“, sagt er. „Dafür müssen wir eine Übergangslösung schaffen, mit der man über einen längeren Zeitraum aus der Fristverlängerung herauswachsen kann.“ Er erwartet, dass diese Regelung im Corona-Steuerhilfegesetz IV verankert wird, an dem das Bundesfinanzministerium derzeit arbeitet.

Neben den Problemen bei der Bewältigung der Corona-Krise gibt es auch andere Aufgaben wie die Neuanpassung der Grundsteuer, mit denen sich Steuerberater auseinandersetzen müssen: Steuerberater Butenschön hat im Dezember mit der Neuberechnung der Grundsteuer begonnen. Diese Mammutaufgabe ist nicht der Pandemie geschuldet, sondern einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vor vier Jahren.

Damals entschieden die Karlsruher Verfassungsrichter, dass die Grundsteuer nach mehr als 50 Jahren einer Generalüberholung bedarf, weil das derzeitige System zu gravierenden Ungleichheiten bei der Bewertung von Grundstücken führt. Letztlich muss ausgerechnet in Zeiten von Pandemien nachgeholt werden, was der Gesetzgeber jahrzehntelang versäumt hat.

Carsten Butenschön hat darüber bereits tausende Kunden angeschrieben. Die Hauptlast dieser Aufgabe erwartet er in der zweiten Jahreshälfte, doch schon jetzt muss er Vorarbeit leisten: Softwareschulungen und Einarbeitung in die neue Rechtsmaterie verlangen den Kollegen bereits einiges ab.

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