Sonntag, Januar 23, 2022
StartWIRTSCHAFTDer Preis der pandemiefreien Schuldenberatung ist gefragt wie nie zuvor

Der Preis der pandemiefreien Schuldenberatung ist gefragt wie nie zuvor

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Immer mehr Menschen suchen Rat, um aus der Schuldenfalle herauszukommen. Die Nachfrage sei wegen der Corona-Krise „drastisch“ gestiegen. Es sei ein „richtiger Lauf“ gewesen, berichtet der Leiter einer Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt. Ein Ende des Ansturms ist nicht in Sicht.

Der Kontostand ist im Minus und ein Ende der roten Zahlen ist nicht in Sicht – wer im Büro von Thomas Bode sitzt, steckt meist in einer Krise und sucht Hilfe. Der Leiter der Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Göttingen ist seit 15 Jahren im Amt. Die Anwendungen auf seinem Schreibtisch zeigen die Schicksale von Menschen, die durch die Pandemie viel verloren haben. Das war nicht immer so.

„Es hat etwas gedauert, aber jetzt sieht man die Auswirkungen der Pandemie auf unsere Ratsuchenden“, sagt Bode. Die Nachfrage habe sich seit April vergangenen Jahres „drastisch“ verändert: „Einige Kollegen sprechen von einem richtigen Lauf.“

Bundesweit verzeichnen Schuldnerberatungsstellen eine erhöhte Nachfrage. Nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Oldenburg-Ammerland war die Nachfrage im vergangenen Jahr um rund 30 Prozent höher als 2020. Auch die 54 sozialen Schuldnerberatungsstellen der Diakonie Niedersachsen haben nach Angaben der Diakonie Niedersachsen einen höheren Beratungsbedarf registriert. Besonders betroffen sind Menschen, die durch lange Kurzarbeit oder den Wegfall von geringfügigen Beschäftigungen in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind.

„Durch die Pandemie mussten plötzlich Menschen Hilfe bei den sozialen Schuldnerberatungsstellen suchen, für die das vor der Pandemie überhaupt kein Thema war“, sagt Sven Quittkat, Sprecher der Diakonie Niedersachsen. Viele Menschen kommen erst lange, nachdem sie überschuldet sind. Daher ist mit einer steigenden Nachfrage zu rechnen.

Die Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel etwa ging im vergangenen Oktober davon aus, dass die Zahl der Privatinsolvenzen in Deutschland im Jahr 2021 auf 120.000 steigen würde – das war der erste Anstieg seit zehn Jahren. Das niedersächsische Justizministerium verweist auf die Entwicklung der Anträge für Verbraucher- und Kleininsolvenzverfahren: Während 2020 rund 7.500 Anträge gestellt wurden, waren es im vergangenen Jahr über 11.100.

Experten führen den starken Anstieg gegenüber 2020 auch darauf zurück, dass viele Betroffene auf eine Gesetzesreform gewartet hätten. Die Reform des Verbraucherinsolvenzrechts ermöglicht Privatpersonen eine schnellere Restschuldbefreiung. Seit Anfang 2021 hatte es daher einen Run auf Amtsgerichte gegeben. Allerdings wiesen Experten auch darauf hin, dass die Folgen der Corona-Pandemie seit Mitte vergangenen Jahres zunehmend spürbar seien.

Grundsätzlich gibt es laut Bode verschiedene Möglichkeiten, mit Schulden umzugehen: Mit den Schulden leben, Vergleiche vereinbaren oder ein Insolvenzverfahren eröffnen. Etwa 20 bis 30 Prozent der Ratsuchenden wählten den Weg der Privatinsolvenz: „Das ist normal.“

Aber nicht nur die Pandemie selbst ist oft ein Auslöser für eine höhere Verschuldung. Laut Statistischem Landesamt Niedersachsen suchten Menschen im Jahr 2020 vor allem deshalb Rat, weil sie arbeitslos, krank oder suchtkrank waren oder einen Unfall hatten. Trennung, Scheidung oder Tod des Partners sind weitere Gründe.

„In unserer Gesellschaft hat so viel mit Geld zu tun. Und alles, was mit Geld zu tun hat, kann für Ratsuchende ein potenzielles Anliegen sein“, sagt Bode. Kontopfändungen, Mietschulden oder Schulden gegenüber der Krankenkasse machten einen großen Teil der Beratung aus.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung (BAG-SB) rät Betroffenen, schnell Hilfe zu suchen. „Denn Schuldnerberatung hilft nicht nur bei der Insolvenzeröffnung, sondern meist umso besser, je früher die Beratung in Anspruch genommen wird“, sagt Ines Moers vom BAG-SB. Ihrer Meinung nach sollte man die Angebote nutzen, vor allem wenn es nichts kostet.

Ob die soziale Schuldnerberatung kostenlos ist, hängt laut Bode derzeit von den Kommunen, dem Land und den Anbietern ab. Bode fordert, dass jeder das Recht auf kostenlose Schuldnerberatung haben sollte. „Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass sie jeden treffen kann. Aber nicht jeder hat Zugang zu Beratung“, sagt der 45-Jährige.

Laut Statistischem Landesamt nahmen im Jahr 2020 rund 84.000 Menschen eine Schuldnerberatung in Anspruch. Knapp die Hälfte der Ratsuchenden war arbeitslos. Bundesweit gab es insgesamt 264 Schuldnerberatungsstellen, hinzu kamen weitere Angebote wie die Beratung durch Rechtsanwälte. Die Gesamtzahlen für 2021 liegen in Niedersachsen noch nicht vor.

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