Sonntag, Oktober 17, 2021
StartWIRTSCHAFTErster Anbieter insolvent: Worauf Kunden bei steigenden Energiekosten achten müssen

Erster Anbieter insolvent: Worauf Kunden bei steigenden Energiekosten achten müssen

- Anzeige -


Die steigende Energiekosten spüren immer mehr Verbraucher in Deutschland. Das brandenburgische Unternehmen Otima Energie geht wegen höherer Ausgaben in Konkurs und stellt die Strom- und Erdgaslieferungen ein. Das Unternehmen bittet seine Kunden, ihnen die Zählerstände mitzuteilen. „Gleichzeitig empfehlen wir Ihnen, sich so schnell wie möglich nach einem neuen Lieferanten umzusehen, um den Schaden für Sie oder Ihr Unternehmen zu minimieren“, heißt es auf der Website des Unternehmens mit Sitz in Neuenhagen bei Berlin. Neben den vervierfachten Großhandelspreisen nennt Otima Energie eine deutliche Erhöhung der Voraus- und Sicherheitsleistungen als Gründe für den Umzug.

Angesichts der höheren Preise für Erdgas und Strom ist dies die erste bekannte Insolvenz eines Versorgungsunternehmens. Auch andere Energieunternehmen stellen ihr Geschäft vorerst um. Der Essener E.ON-Konzern mit mehr als 14 Millionen Kunden nimmt ab sofort keine neuen Erdgasverträge mehr für Neukunden an. Andere Anbieter schränken ihre Werbung vorerst ein. Die Deutsche Energiepool mit Sitz im niedersächsischen Salzbergen gab bekannt, für viele Kunden Erdgasverträge gekündigt zu haben.

Für die Energieversorger stellt sich die Frage, welche Mengen an Erdgas sie langfristig eingekauft haben und damit noch günstigere Preise aus der Vergangenheit zahlen können – oder wie viel sie kurzfristig zu höheren Preisen bestellen müssen, um die Kunden zu beliefern. Nach eigenen Angaben musste die Deutsche Energiepool trotz Terminmarkt täglich zusätzliche Spotmengen zukaufen, was ihre Beschaffungspreise verdreifacht hätte. Daher hat das Unternehmen die flächendeckende Erdgasversorgung eingestellt. „Um den Erhalt aller Arbeitsplätze in unserem Unternehmen zu gewährleisten, werden wir uns künftig auf Dienstleistungen im Energiebereich konzentrieren“, hieß es.

Angesichts dieser Entwicklung versucht der Verband kommunaler Unternehmen (VKU), der viele Stadtwerke vertritt, zu beruhigen. Sollte ein Anbieter wie im Fall von Otima Energie Insolvenz anmelden und dann seinen Lieferverpflichtungen gegenüber dem Kunden nicht nachkommen, wird der Grundversorger die Endverbraucher durch geringere Abnahmemengen ersetzen, teilt der Verband mit. Das sind vor allem die kommunalen Versorgungsunternehmen. Spätestens nach drei Monaten müssten Kunden einen neuen Liefervertrag unterzeichnen.

Rechtsanwältin Janka Schwaibold hält es angesichts der höheren Preise für nachvollziehbar, keine Neukunden mehr aufzunehmen, stellt aber die Frage, ob eine Kündigung eines abgeschlossenen Vertrages zulässig ist. Dies deutet in jedem Fall auf ein Missverhältnis zwischen Produktdesign und Beschaffungsstrategie hin. „Solchen Anbietern droht jetzt der Zusammenbruch und schlimmstenfalls die Insolvenz“, sagte der Partner für Energierecht der Kanzlei Schalast. Auf der anderen Seite sind gekündigte Kunden sicher: Die überwiegend kommunalen Grundversorger versorgen sie dann mit Strom und Erdgas.

Schalast geht jedoch davon aus, dass sich die Krise nicht auf den gesamten Energiemarkt auswirkt, da viele Anbieter langfristig aufstocken. Vor allem kommunale Unternehmen kaufen bereits für das Folgejahr ein. „Was für Stadtwerke im Wettbewerb früher nachteilig war und der allgemeine Ruf als zu teuer war, ist jetzt ein Vorteil.“

Der Verband kommunaler Unternehmer nennt viele Gründe für den Anstieg der Großhandelspreise für Erdgas, etwa den weltweiten Wirtschaftsboom nach der Corona-Krise. Hinzu kam die besonders kalte und lange Heizperiode in Europa im vergangenen Winter, wodurch die Erdgasspeicher vergleichsweise weniger voll sind. Auch die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist unterdurchschnittlich.

Dennoch ist die Versorgungssicherheit in Deutschland hoch. „Wir sehen derzeit keine Lieferengpässe“, sagte ein VKU-Sprecher auf Anfrage. „Nach Rückmeldungen unserer Mitgliedsunternehmen wird der Gasbedarf derzeit vollständig gedeckt.“ Er weist darauf hin, dass Stadtwerke die benötigte Energiemenge in Tranchen über einen Zeitraum von etwa drei bis vier Jahren einkaufen, um aktuell zu beobachtende Preisspitzen zu vermeiden. „Kurzfristige Preiserhöhungen am Markt, wie wir sie derzeit beobachten, werden somit in der Preisbildung abgepuffert.“ Die Folgen der Preiserhöhung für Erdgaskunden sind jedoch noch nicht abschätzbar. Ausschlaggebend ist das Temperaturprofil im Winter, aus dem der Heizbedarf resultiert. „Wir erwarten aber auch tendenziell steigende Endkundenpreise“, sagte der Sprecher.

Im August lagen die Importpreise für Erdgas nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes um 177,5 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Für die Verbraucher war Erdgas im September jedoch nur 5,7 Prozent teurer. Neben langfristigen Verträgen mit Lieferanten fällt auch auf, dass ein Teil des Endkundenpreises für Strom und Erdgas durch Steuern, Netzentgelte, Kosten für Messung und Abrechnung oder eine Lizenzgebühr fixiert wird.

Der Kreditversicherer Euler Hermes geht davon aus, dass der Gaspreisanstieg bis zum Frühjahr anhält. Sollte es auf der Nordhalbkugel sehr kalt werden, könnte es an den Energierohstoff- und Strommärkten zu weiteren temporären Preiserhöhungen kommen: „Aber auch bei einem milden Winter könnten Länder dazu neigen, ihre Vorräte vorsorglich aufzustocken.“ ein deutlich erhöhtes Insolvenzrisiko für kleinere Versorger in Deutschland und Großbritannien, geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Studie hervor.

ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare