Donnerstag, Januar 20, 2022
StartWIRTSCHAFTFitnesscenter in der Krise: 2-G-Plus-Regelung sorgt für Entlassungen

Fitnesscenter in der Krise: 2-G-Plus-Regelung sorgt für Entlassungen

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Der junge Mann freut sich: „Durch 2-G-plus ist der Club viel leerer.“ Der 21-jährige Fitness-Fan hat bereits seine dritte Impfung hinter sich, die als „Plus“ zählt und einen jetzt oft eingesetzten Zusatztest ersetzt, der nötig wäre, weil er vier- bis fünfmal pro Woche zum Training geht. Anfang des Jahres fühlte er sich manchmal unwohl, weil die guten Absichten vieler Menschen dazu führten, dass sein Atelier in Frankfurt-Sachsenhausen oft ziemlich voll war. Doch was den jungen Sportfan glücklich macht, bereitet der Branche große Sorgen. Besonders die Zeit der guten Vorsätze nach dem Jahreswechsel gilt als wichtig für die Gewinnung neuer Mitglieder. Und die meisten Studios brauchen sie dringender denn je.

„Im Vergleich zum März 2020 haben wir bis zum Ende des Lockdowns im Juni letzten Jahres 18 Prozent unserer Mitglieder verloren“, berichtet Henrik Gockel, Geschäftsführer der Prime Time Fitness GmbH in Frankfurt. Dies geschah durch natürliche Fluktuation. Seitdem konnte er bis Ende November etwa die Hälfte dieses Mitgliederverlusts kompensieren, mehr aber nicht.

Damit steht Gockel deutlich besser da als die meisten seiner Kollegen. Laut dem Deutschen Industrieverband Fitness und Gesundheit hat die Branche im Schnitt 25 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Johannes Maßen, Geschäftsführer der Fitnesskette Fitness First, spricht sogar von einem Verlust von bis zu 30 Prozent an Mitgliedern. Das bedeutet finanzielle Verluste in Milliardenhöhe.

Angesichts der 2-G-plus-Regelung, wonach Geimpfte ohne Auffrischimpfung und Genesene einen Test vorlegen müssen, wenn sie ins Fitnessstudio gehen wollen, befürchtet die Branche weitere Entlassungen. Zudem ist dem Verein bewusst, dass derzeit deutlich weniger Gäste Vorsätze fassen und sich für das neue Jahr anmelden. Verbandschef Ralph Scholz sagte in einer Verbandserklärung, dass dort, wo die Regel eingeführt wurde, „das Neugeschäft fast vollständig eingebrochen ist.

Immerhin freut sich Gockel, dass es nicht schon wieder zu Schließungen gekommen ist. Die politischen Diskussionen und die neue Virusvariante hatten für einige Verunsicherung gesorgt, insbesondere als es in Sachsen wieder zu Generalschließungen kam. Dass die Bundesregierung nun keine Schließungen von Fitnessstudios oder Schwimmbädern angeordnet hat, wird deren Trainings- und Gesundheitsfunktion zugeschrieben. „Trotz des durch die Schließungen verursachten Rückgangs ist der Anteil derer, die regelmäßig trainieren, während der Pandemie um 30 Prozent gestiegen“, sagt Gockel. Dadurch konnten unter anderem die Rückgänge kompensiert werden und es mussten deshalb keine Standorte geschlossen werden, „auch weil uns alle unsere Vermieter ausnahmslos unterstützt haben“, betont er.

In Frankfurt präsentierte sich kurz vor Weihnachten sogar ein neuer Betreiber: Das britische Fitnessunternehmen David Lloyd hat das Meridian-Studio im Einkaufszentrum Skyline Plaza übernommen und für 2,5 Millionen Euro umfangreich umgestaltet. Dort seien die 4.800 Mitglieder übernommen worden und es habe kaum Entlassungen gegeben, berichtet Marketingleiterin Ann-Marie Quetz.

Mitgliedsbeiträge kassierte der Verein während des Lockdowns und Umbaus allerdings nicht, alternativ konnte im Bad Homburger Studio trainiert werden. Nun präsentiert sich das Haus in Frankfurt mit einem „Blaze Studio“, das eine Art Zirkeltraining beinhaltet. Zum Angebot gehören auch eine Lounge und eine Cafeteria. Man hofft auf Gäste, die einen Teil ihrer Arbeit von dort aus erledigen können, weil sie auch ihre Kinder im Studio betreuen lassen können, was gerade im Homeoffice sehr beliebt ist.

Nicht nur David Lloyd blickt zuversichtlich in die Zukunft. Auch Primetime-Chef Gockel sagt: „Ich blicke sehr optimistisch in die Zukunft.“ Abschließend machte Gesundheitsminister Karl Lauterbach deutlich, dass Training und Sport zur Prävention nicht nur gegen eine Covid-Erkrankung sinnvoll seien. Für Mitglieder, die aufgrund der Verordnungen nicht ins Studio dürfen, wurden die Outdoor-Trainingsflächen auch im Winter geöffnet und die Online-Angebote erweitert. Das allein war mühsam, 2-G-plus bedeutet nun auch viel Steuerungsaufwand.

Grundsätzlich blickt auch Fitness First positiv in die Zukunft. Denn, so Maßen: „In jeder Krise liegen Chancen.“ Für Fitness sehe man aufgrund der soliden Basis mittelfristig Übernahmemöglichkeiten, „wir sind proaktiv im Gespräch mit Marktteilnehmern“. Sie glauben an die Branche und daran, dass die Zahl der Menschen, die ins Fitnessstudio gehen, in den nächsten Jahren deutlich steigen könnte. „Wir merken, dass viele Leute Sport im Fitnessstudio machen wollen“, so Maßen weiter.

Trotz Digitalisierung besteht großes Interesse daran, mit Unterstützung und Motivation von Trainern vor Ort im Verein Sport zu treiben. Das gestiegene Interesse an einem gesunden Lebensstil zeigt sich bei Fitness First im Monat Juni: „Nach der Wiedereröffnung 2020 konnten wir bereits 60 Prozent mehr Verträge schreiben als im gleichen Monat 2019. Und 2021 diese Zahl auch weiter gestiegen – mit rund 160 Prozent mehr Neumitgliedern im Vergleich zu 2019″, berichtet Maßen. Man sei zuversichtlich, dass es weitere Nachholeffekte geben werde, „wie wir sie bereits nach den Lockdowns 2020 und 2021 erlebt haben“.

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