Sonntag, Juni 26, 2022
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Integration: Flüchtlinge haben einst das Wirtschaftswunder ermöglicht

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EEs sind Bilder, die einem bekannt vorkommen: Millionen Menschen fliehen vor der anrückenden russischen Armee, mit all ihrer Habe im Arm. Viele sind Frauen und Kinder. Sie reisen von Lemberg nach Breslau, von Breslau nach Berlin. Ob sie ihre Heimat wiedersehen werden, ist unklar. Sie müssen sich in eine neue Umgebung integrieren, ihr Leben neu aufbauen.

So geht es vielen im Moment. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar sind fast sieben Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen, mehr als 700.000 davon nach Deutschland. Aber die Flüchtlinge, um die es hier geht, sind nicht Ukrainer, sondern Polen und Deutsche. Wir schreiben nicht das Jahr 2022, sondern 1945. Der Zweite Weltkrieg verursachte die größte Flucht- und Vertreibungswelle des letzten Jahrhunderts. Zwischen 40 und 60 Millionen Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Ihre Erfahrungen prägten die Nachkriegsgesellschaften. Sie geben einen Einblick, welch langwieriger Prozess die Integration von Flüchtlingen sein kann – und wie eine Fluchtgeschichte Menschen selbst über Generationen prägen kann. Meist gelang erst der zweiten Generation der wirtschaftliche Aufstieg. Und bis heute sind Familien mit Fluchthintergrund anders als andere.

Seit Beginn des Zweiten Weltkriegs fliehen Menschen aus ganz Europa. Zunächst vor der anrückenden deutschen Wehrmacht. Und als sich der Krieg seinem Ende näherte, waren es plötzlich die Deutschen selbst, die flohen, nämlich die Bewohner der nach dem Krieg an Polen abgetretenen östlichen Gebiete des Deutschen Reiches und der besetzten Gebiete. Aber auch viele Polen wurden am Ende des Krieges vertrieben, wiederum von den sowjetischen Besatzern in Ostpolen: Die Grenzen des polnischen Staates wurden erneut zwischen den großen Nachbarn Deutschland und Russland verschoben, diesmal um 200 Kilometer nach Westen. Schlesien, Pommern und Ostpreußen wurden polnisch; der östliche Teil Polens, die Kresy, fiel an die Sowjetunion. Dort lebten vor dem Krieg drei Millionen Polen, die nun in den neuen Westgebieten eine Heimat finden mussten.

In Deutschland verlief die Integration der Flüchtlinge langsam und regional sehr unterschiedlich. Die westdeutschen Bundesländer unterschieden sich deutlich in der Zahl der aufgenommenen Personen im Verhältnis zur eigenen Bevölkerung. Flüchtlinge kamen vor allem an den östlichen Außengrenzen an. Beispielsweise kamen viele Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei nach Bayern. Zudem weigerte sich die französische Regierung, Vertriebene in ihrer Besatzungszone aufzunehmen. Übrig blieben nur die amerikanische und britische Zone, innerhalb derer sich die Zuzüge auf Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein konzentrierten. In Schleswig-Holstein machten Vertriebene 1950 ein Drittel der Bevölkerung aus – eine ganz andere Größenordnung als die Flüchtlingswellen von 2015 oder 2022. Die enorme Zuwanderung führte dazu, dass die Bevölkerung in der späteren Bundesrepublik Deutschland trotz Krieg hungerte und Zerstörung zwischen 1939 und wuchs 1950 stark von 39 auf 48 Millionen Menschen.

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