Sonntag, Januar 23, 2022
StartWIRTSCHAFTInterview mit Wirtschaftsweiser: „Eine relative Preiserhöhung für fossile Energieträger ist unvermeidlich“

Interview mit Wirtschaftsweiser: „Eine relative Preiserhöhung für fossile Energieträger ist unvermeidlich“

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Herr Professor Wieland, welche Auswirkungen wird der Wandel zur Klimaneutralität kurz- und mittelfristig auf die Inflation in Deutschland haben?

Natürlich beeinflusst ein steigender Preis für Treibhausgasemissionen die Energiepreise und damit die Inflation. Dies gilt umso mehr, als fossile Brennstoffe den Großteil der Strom- und Wärmeerzeugung sowie der Brennstoffe ausmachen. In manchen Fällen lässt sich der Effekt weit im Voraus kalkulieren – für Deutschland zum Beispiel beim Kraftstoff-Emissionshandelsgesetz, das seit 2021 einen CO2-Preis für die Sektoren Verkehr und Wärme festlegt. 2021 lag der Preis bei 25 Euro pro Tonne CO2-Emissionen. Er beträgt seit diesem Jahr 30 Euro und wird bis 2025 auf 55 Euro pro Tonne steigen.

Wie funktioniert das?

Dies spiegelt sich in den Kraftstoffen zum Heizen und Fahren wider. Nach Berechnungen des Sachverständigenrats dürfte dies im Jahr 2021 sowohl direkt als auch über indirekte Preiserhöhungen etwas mehr als einen Prozentpunkt zur Verbraucherpreisinflation beigetragen haben.

Und dann ist da noch der europäische Emissionshandel.

Ja, auch der CO2-Preis im europäischen Emissionshandel ist aufgrund der konjunkturellen Erholung im Euroraum von gut 25 Euro zu Jahresbeginn auf über 80 Euro pro Tonne Ende 2021 gestiegen. Dieser Preis gilt für den Energiesektor, die Industrie und sogar für Inlandsflüge. Aber es gab auch andere Faktoren, die zu einem drastischen Anstieg der Öl- und Gaspreise führten, nicht zuletzt die schnellere Erholung der Weltwirtschaft und diverse Lieferengpässe. In Deutschland betrug die Inflationsrate ohne direkte Energiepreiseffekte im November 3,4 Prozent, mit Energiepreisen 5,2 Prozent. Es ist zu erwarten, dass der CO2-Preis mittelfristig noch höher ausfällt, wenn die EU Emissionszertifikate reduziert, um Emissionen zu reduzieren. Aber beispielsweise eine Erhöhung auf 100 Euro pro Tonne wirkt sich dann nicht mehr so ​​stark auf die Inflation aus wie eine Erhöhung um 25 und 80 Euro wie in diesem Jahr.

Ziel ist es, diesen Handel weltweit auszubauen. Was würde das für die Preise bedeuten?

Würden weltweit mehr CO2-Preise angehoben, um die Pariser Klimaziele zu erreichen, würde dies noch mehr Inflationsdruck erzeugen, zumindest bis Investitionen in neue Technologien und erneuerbare Energieerzeugung zu einem Rückgang der Nachfrage nach fossilen Energieträgern führen. Aber das wird noch einige Zeit dauern. Der Übergang kann sehr teuer werden, insbesondere wenn die Politik nicht pragmatisch und effizient ist. Dies wird je nach Bundesland sehr unterschiedlich erfolgen.

Wurden diese Effekte in der EZB bisher unterschätzt?

Vorher kalkulierbare Effekte wie der deutsche CO2-Preis im Wärme- und Verkehrssektor hätten von der EZB eigentlich vollständig berücksichtigt werden müssen. Möglicherweise hat sie die starke Erholung der Weltwirtschaft und der Nachfrage im Euroraum unterschätzt. Die Inflationsprognosen der EZB für 2021 lagen jedoch wie viele andere Institute weit daneben. Als ich im Februar 2021 kommentierte, dass die Inflation 2021 durchaus auf 3 Prozent steigen könnte, musste ich viel Kritik einstecken. Wusste ich nicht, dass die Auswirkungen der Mehrwertsteuersenkung und des Ölpreisverfalls bald wieder aus der Statistik verschwinden würden? Nun hat die EZB selbst ihre Inflationsprognose für 2022 im Dezember auf 3,2 Prozent angehoben. Im September ging sie noch von einer Quote von 1,7 Prozent aus. Soweit mir bekannt ist, hat es beim EZB-Stab noch nie eine Revision dieser Größenordnung gegeben.

Ist die aktuell hohe Inflation hierzulande schon teilweise auf die Grüne Transformation zurückzuführen?

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