Donnerstag, Januar 27, 2022
StartWIRTSCHAFTLabelbetrug für ESG-Fonds Wer grün investieren will, ist verloren

Labelbetrug für ESG-Fonds Wer grün investieren will, ist verloren

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Inzwischen haben die Deutschen mehr als 335 Milliarden Euro in grüne Investitionen investiert. Diese Summe steigt jedes Jahr um rund 25 Prozent, wobei nachhaltige Fonds als Anlage besonders beliebt sind. Ihr Volumen hat sich in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt. Aber es handelt sich oft um ein betrügerisches Etikett, erzählt Magdalena Senn im „Klimalabor“. Der Finanzmarktexperte von Finanzwende Recherche hat 314 vermeintlich grüne und nachhaltige Fonds untersucht und kommt zu einem ernüchternden Fazit: Viele ESG-Fonds betreiben „Greenwashing im großen Stil“.

The Aktuelle News: Wenn man sich die Ergebnisse Ihrer Studie anschaut, muss man sagen: Wer grün investieren will, ist hoffnungslos verloren, oder?

Magdalena Senn: Das könnte man so sagen. Wer grün und nachhaltig investieren will, muss aufpassen, nicht auf Greenwashing hereinzufallen. Andernfalls investieren Sie im Nachhinein in Unternehmen, die Sie selbst nicht für nachhaltig halten.

Von welchen Fonds redest du? Was ist das Problem mit ihnen?

Wir haben Daten einer Fondsdatenbank ausgewertet und gesichtet: Welche davon kann ich in Deutschland kaufen? Welche sagen in ihrer Anlagestrategie, dass sie sich für nachhaltige Unternehmen entscheiden? Wir haben sie genommen und untersucht, wo dieses nachhaltige Kapital angelegt ist und in welche Unternehmen es investiert ist. Wir haben schnell gemerkt, dass das Geld nicht so anders angelegt ist als das Kapital konventioneller Fonds.

ESG ist das bekannteste Label in diesem Bereich. Worum geht es eigentlich?

Ich würde es nicht „Etikett“ nennen, denn was das bedeutet, ist nirgendwo definiert oder festgelegt. ESG steht schlicht für Environmental, Social and Governance, also für Umwelt, Soziales und Corporate Governance. Dies sind die drei großen Faktoren, auf die Fonds achten, wenn sie in besonders nachhaltige Unternehmen investieren möchten. Wie Sie es genau machen und wie streng Sie dabei sind, bleibt Ihnen überlassen. Daher ist die Angabe „ESG“ mit Vorsicht zu genießen. Es reicht nicht, festzustellen, ob es wirklich nachhaltig ist oder ob man es mit Greenwashing zu tun hat.

Und das große Problem an dieser Geschichte ist, dass eigentlich viele Leute wirklich grün investieren wollen und deshalb immer mehr Geld in solche Fonds fließt?

Es gibt einen gigantischen Boom, die Nachfrage ist riesig. Allein seit 2020 hat sich das Vermögen nachhaltiger Fonds verdoppelt. Dann muss man sich natürlich überlegen, ob es für all diese nachhaltigen Fonds genügend Anlagemöglichkeiten gibt. Die zentrale Frage lautet: Wie weit ist die Realwirtschaft auf dem Transformationspfad? Ich denke, das ist der springende Punkt, warum es zu viel Greenwashing gibt. Die Wirtschaft ist einfach nicht bereit, die Nachfrage nach sauberen Investitionen zu decken.

Aber die Leute wollen dann wahrscheinlich nur das Beste nehmen, was unter den gegebenen Umständen verfügbar ist.

Klar. Aber dann sollte man trotzdem nur als Grün verkaufen, was das Versprechen halten kann. Ist die Wirtschaft noch nicht bereit, gibt es weniger nachhaltige Investitionsmöglichkeiten, gleichzeitig aber ein Anreiz für Unternehmen, sich zu verändern, weil die Finanzierungsbedingungen für sie günstiger sind, wenn Menschen nachhaltig damit investieren können.

Wo klebt der grüne Aufkleber? Ölkonzerne wie Shell oder Exxon sind in manchen Fonds vertreten – wie kann das sein?

Verteilt auf die verschiedenen Fonds sind alle Mineralölkonzerne enthalten – und das noch nicht einmal im Kleinen. Dies sind nur Anlageansätze, die nicht besonders streng sind. Wenn ein Fonds wirklich böse Dinge wie Waffen oder Kohleunternehmen ausschließt, lässt er die Tür für andere Dinge offen. Die Fonds verwenden häufig „Best-in-Class“-Ansätze. Das heißt, sie nehmen eine Branche und wählen das vorbildlichste Unternehmen in dieser Branche aus. Dann ist es im Ölgeschäft immer noch eine Ölgesellschaft. Das Problem ist auch, dass verschiedene Anbieter unterschiedliche ESG-Ratings haben. Dann ist eine andere Ölgesellschaft immer das Beste.

Aber Ölkonzerne können nicht helfen, dass sie Öl produzieren. Das brauchen wir, sonst funktioniert unsere Weltwirtschaft nicht. Ist es nicht verständlich, dass die Leute sagen, dass wir zumindest die Besten aus diesen Ölkonzernen herauspicken und sie dafür belohnen, dass sie sich mit Wind- und Solarstrom als Energieunternehmen neu aufstellen wollen?

Das mag im Einzelfall stimmen, ist aber für Anleger nicht transparent. Sie denken, sie investieren nachhaltig, aber stattdessen in eine Ölgesellschaft. Ich denke, man muss ehrlich sein und entweder sagen, dass wir nur in Unternehmen investieren, die bereits nachhaltig sind. Oder wir sagen offen, dass wir auch in Unternehmen gehen, die problematische Geschäftsmodelle haben, aber auf dem Weg sind. Und dann muss auch klar gesagt werden, was Verbesserung eigentlich bedeutet.

Auch Sie kritisieren Amazon in Ihrer Studie, die aber gemeinsam mit Rivian elektronische Lieferwagen für den eigenen Fuhrpark entwickeln und ab diesem Jahr auf Plastikverpackungen für den Versand verzichten wollen. Die Kritik bezieht sich also nicht auf den Umweltschutz.

Der Nachhaltigkeitsansatz mit ESG geht weiter als das Klima oder die Umwelt. Es sollte auf jeden Fall soziale Rücksicht genommen werden und es sollte in Unternehmen investiert werden, die sich sozial besonders gut verhalten. Amazon ist ein Extremfall, weil es so viele Vorwürfe gibt, dass Arbeitnehmerrechte verletzt oder Gewerkschaften unterdrückt wurden. Wir haben das als Beispiel genommen, weil in den letzten Jahren enorm viel Kapital in Amazon geflossen ist. ESG darauf zu schreiben und in großem Stil in Amazon zu investieren, ist also ein gewisser Widerspruch. Aus CO2-Sicht kann man natürlich sagen, dass sie nicht die schlechtesten sind. Aber das ist bei ESG zu eindimensional.

Aber wie wird das gewichtet? Gehört eine Ölgesellschaft, die einen großartigen Arbeitsplatz bietet, in einen ESG-Fonds?

Das ist der springende Punkt bei diesen Nachhaltigkeitsratings, denn jeder bewertet es anders und es ist oft nicht bekannt, wie es gewichtet wird. Dann werden manchmal verschiedene Faktoren gegeneinander aufgerechnet und es kann passieren, dass der klimaschädliche Ölkonzern, der nett zu seinen Mitarbeitern ist, gar nicht so schlecht bewertet wird. Genau wie Amazon, das Arbeitnehmerrechte mit Füßen tritt. Aber das kann nicht unser Verständnis von Nachhaltigkeit sein, dass wenn ich in der einen Dimension schlecht und in der anderen gut bin, dann bin ich alles in allem mittel und lande in einem nachhaltigen Fonds.

Als Anleger stehe ich allerdings vor dem Problem, dass ich mein Geld auch irgendwie vermehren möchte. Wenn ich abwägen muss, was kann ich tun?

Klar, wenn man sich nur die Retoure anschaut, sieht das anders aus. Wobei man sagen muss, dass nachhaltige Fonds im Schnitt nicht schlechter abschneiden als konventionelle Investments. Aber wenn mir jemand sagt, dass mir Nachhaltigkeit wichtig ist, sollte das die Hauptbedingung sein. Es gibt sicherlich Menschen, die lieber durch nachhaltigen Konsum und soziales Engagement etwas bewegen und einfach nur eine schöne Rendite erzielen wollen. Es ist eine individuelle Entscheidung. Am Ende ist es uns wichtig, dass darauf geschrieben steht, was drin ist.

Gibt es Fonds, die wirklich alle Ihre Bedingungen erfüllen?

Es gibt Anbieter von nachhaltigen Investments, die bei den Auswahlkriterien sehr streng sind. Dafür muss man natürlich ein bisschen suchen, aber manche Anbieter nehmen diesen Ansatz ernster als andere. Aber natürlich gibt es auch eine große Grauzone, in der man auch ein paar sehr schlechte finden kann. Das ist ein breites Spektrum.

Eine Ihrer Lösungsvorschläge besteht darin, ein einheitliches Etikett zu erstellen. Aber wir können bei ESG sehen, dass das Label tatsächlich das Problem zu sein scheint. Vor allem, wenn die EU Atomstrom nun unter Umständen als grün deklarieren will.



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