Dienstag, August 16, 2022
StartWIRTSCHAFTMehr als 500 Preiserhöhungen: Gaskunden zahlen mindestens 1000 Euro mehr

Mehr als 500 Preiserhöhungen: Gaskunden zahlen mindestens 1000 Euro mehr

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DDer Bundeskanzler, der Wirtschaftsminister, der Chef der Netzagentur: Viele haben in den vergangenen Wochen angekündigt, dass Gas deutlich teurer wird. Was das konkret bedeutet, spüren die Verbraucher erst jetzt. Zum Beispiel die Kunden des Versorgers Rheinenergie aus Köln. Damit erhöht sich der Preis pro verbrauchter Kilowattstunde Gas von 7,87 Cent auf 18,30 Cent zum 1. Oktober. Was das im Einzelfall bedeutet, rechnet das Unternehmen auch vor: In einer Wohnung mit 10.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch stiegen die Kosten von 960 auf 2002 Euro. Bei einem kleineren Einfamilienhaus mit einem Verbrauch von 15.000 Kilowattstunden steigen die Kosten von 1353 auf 2918 Euro. Von der Preiserhöhung sind laut Branchenkreisen rund 150.000 Kunden betroffen. Die Hotline sei leider überlastet, schreibt Rheinenergie auf ihrer Website.

Verbraucherportale kommen kaum hinterher, die angekündigten Preiserhöhungen der Gasversorger in ihre Tabellen einzutragen. Das Portal Check24 beispielsweise verzeichnet seit März dieses Jahres sieben dicht bedruckte Seiten und fast 540 Preiserhöhungen. Für einen durchschnittlichen Haushalt – hier werden dafür 20.000 Kilowattstunden angesetzt – sind die jährlichen Kosten mit den bisherigen Erhöhungen von durchschnittlich 1846 auf 2816 Euro gestiegen, ein Plus von fast 53 Prozent. Ähnlich klingt es bei Verivox. Allein für August, September und Oktober kündigten Grundgasversorger 135 Preiserhöhungen um durchschnittlich 47 Prozent an, schreibt das Vergleichsportal. Die jährlichen Nebenkosten: rund 892 Euro.

Die Umlage nach dem Energiesicherheitsgesetz, die das Bundeswirtschaftsministerium ab Anfang Oktober anwenden will, ist in diesen Erhöhungen nicht enthalten. Robert Habeck (Grüne) bezifferte ihn vergangene Woche auf 1,5 bis 5 Cent pro Kilowattstunde. Die Umlage soll Energieunternehmen 90 Prozent der Mehrkosten erstatten, die ihnen entstehen, weil sie russisches Gas auf dem Weltmarkt als Ersatz beschaffen müssen. Der Zuschlag wird auch bei laufenden Verträgen fällig, bei denen sonst keine Preiserhöhung möglich ist. Der genaue Betrag soll bis Ende August bekannt sein. Wenn es tatsächlich 5 Cent sind, muss der durchschnittliche Haushalt bis zu 1.000 Euro pro Jahr für Gas extra bezahlen. Der Gesamtverband der Wohnungswirtschaft schätzte kürzlich, dass ein Vier-Personen-Haushalt inklusive Strom in diesem Jahr bis zu 5.000 Euro mehr für Energie bezahlen muss.

Auch wenn Ökonomen wie Veronika Grimm warnen, die Preiserhöhungen seien wichtig, damit Privatverbraucher und Unternehmen mehr Sprit sparen als bisher: Je mehr Preiserhöhungsbriefe nun in den Briefkästen der Kunden landen, desto größer sei der Druck auf die Bundesregierung zwei Hilfspakete – ihre sind mit 30 Milliarden Euro bewertet – um ein drittes nachzuschieben. Die von Olaf Scholz (SPD) angekündigte Erhöhung des Wohngeldes und die Einführung eines Bürgergeldes statt Hartz IV reichen vielen innerhalb der Ampelkoalition nicht aus.

Sowohl Matthias Miersch, Fraktionsvorsitzender der SPD, als auch Andreas Audretsch, in gleicher Funktion bei den Grünen, fordern die Einführung einer „Überschusssteuer“ für Energieunternehmen. „Es ist zutiefst unfair, wenn nur Gaskunden für die Rettung von Uniper einstehen müssen und gleichzeitig große Energiekonzerne Milliarden an ihre Aktionäre auszahlen“, sagt Miersch. Audretsch ergänzt: „Wer von der Krise profitiert, muss einen Beitrag leisten, um Menschen mit wenig Geld gezielt finanziell zu unterstützen. Wenn wir das nicht tun, bereiten wir den Boden für ihre gefährliche Propaganda für diejenigen, die Putin, Verschwörungsideologen und Rechtsextremisten verstehen.“ Das FDP-geführte Finanzministerium hat die Einführung einer solchen Steuer bisher abgelehnt. Entlastung wollen die Liberalen durch höhere Einkommensgrenzen innerhalb des Steuersystems schaffen, die Reduzierung der sogenannten kalten Progression. „Dadurch haben die Bürger einen höheren Nettolohn, was Preissteigerungen gezielt entgegenwirkt“, sagt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Christoph Meyer.

Kritik an der Kommunikationspolitik der Regierung kommt von der Union. „Vertrauen ist beschädigt, wenn das Wort eines Kanzlers eine Halbwertszeit von weniger als einer Woche hat“, sagt der klimapolitische Sprecher der Fraktion, Andreas Jung. Scholz sprach zunächst von einem Gaszuschlag von 2 Cent pro Kilowattstunde, Habeck sagte kurz darauf, dass es auch 5 Cent sein könnten. Jung kritisiert weiter: „Es ist ein absoluter Unding, dass die Bundesregierung 19 Prozent Mehrwertsteuer auf die Gasumlage aufschlagen will.“

Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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