Donnerstag, Juni 23, 2022
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Notfallplan-Alarm: „Die Gasrechnung bricht mir das Genick“

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EINAls Clara Borgsmüller die E-Mail öffnet, versucht sie ruhig zu atmen. Dann stellt sie eine einfache Rechnung auf: Sie bekommt monatlich 1.600 Euro Rente. Nach Abzug aller Fixkosten bleiben ihr knapp 500. Davon muss sie einkaufen, tanken, ihren Hund und die beiden Katzen füttern. Sie könne gut davon leben, sagt sie, andere hätten es schlechter. Doch in der E-Mail ihres Gaslieferanten steht nun, dass sie doppelt so viel zahlen soll wie bisher. Dann hatte sie nur noch 250 Euro zum Leben. „Das bricht mir das Genick“, sagt sie.

Seit die Energiepreise im vergangenen Winter explodierten, geht es immer mehr Menschen in Deutschland wie Clara Borgsmüller. Verbraucherschützer und Forscher warnen, dass jetzt auch diejenigen in Bedrängnis geraten, die nie auf Sozialleistungen angewiesen waren. Ein Teil der Mittelschicht, so wird befürchtet, wird in den kommenden Monaten in die Armut abgleiten. Für viele ist ein Blick in diese Schicksale ein Blick in die eigene Zukunft.

Es ist auch eine Zukunft, die viel früher als erwartet eintreten könnte, seit die Bundesregierung am Donnerstag den Gas-Notfallplan verkündet hat. Zusammen mit dem geplanten Energiesicherheitsgesetz kann dies den Versorgern ermöglichen, die gestiegenen Gaspreise sofort an ihre Kunden weiterzugeben. Allerdings müsste die Bundesnetzagentur dieses Recht zuvor freischalten. Ob und wann sie das tun wird, ist noch nicht klar.

Nach dem Lesen der E-Mail sucht Borgsmüller nach Lösungen. Wärmepumpe einbauen? Zu teuer. Das Haus am Rande einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz ist ohnehin nur vermietet. Gas komplett abmelden? Eine Heizung im Badezimmer würde ihr im Winter reichen. Aber auch das heiße Wasser kommt aus der Therme. Am Ende lässt sie die Kündigungsfrist verstreichen – ein teurer Fehler, den zu viele machen.

Obwohl die Tarife in den letzten Monaten deutlich teurer geworden sind, gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Anbietern. Im Durchschnitt haben sich die Gaspreise im April im Vergleich zum Vorjahresmonat mehr als verdoppelt. Der Strompreis ist laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) um gut 15 Prozent gestiegen.

Borgsmüller macht sich Sorgen, was neben den Gas- und Stromkosten noch zu erwarten ist. „Na und? Gibt es noch Zeltstädte in Frankfurt?“ „Das ist Galgenhumor.“ Sie habe Angst davor, sich zu verschulden und am Ende einen Blackout zu bekommen – wenn der Mitarbeiter des Netzbetreibers an der Haustür klingelt und das Gas abdrehen will. „Aber bevor so etwas passiert, muss es sein eine Lösung“, sagt sie.

Die Lösung, die der Staat derzeit anbietet, ist eine einmalige Abgabe von 300 Euro für einkommensteuerpflichtige Erwerbstätige. Rentner haben wie Studierende keinen Anspruch auf den Energiezuschlag. Sozialhilfeempfänger erhalten derweil eine Einmalzahlung von 200 Euro pro Person, Familien 100 Euro pro Kind. Der Staat zahlt einen Heizkostenzuschuss an Haushalte, die Wohngeld beziehen. Weitere Erleichterungen würden derzeit in der Regierung diskutiert, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Donnerstag. Details nannte er jedoch nicht.

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