Freitag, Juni 24, 2022
StartWIRTSCHAFTPro & Contra: Brenner nicht verbieten!

Pro & Contra: Brenner nicht verbieten!

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Dieser Beitrag ist Teil eines Pro & Contra. Die Argumentation von Marcus Theurer für das Verbrennungsverbot können Sie hier nachlesen.

So viel vorweg: Natürlich muss etwas passieren, natürlich muss der Autoverkehr forciert werden, um das Klima zu schützen. Autofahrer werden nicht freiwillig auf den Komfort verzichten, 700 Kilometer zu fahren und dann innerhalb von vier Minuten wieder zu tanken. Die meisten Autofahrer werden nicht freiwillig mehr Geld zahlen, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Aber die Art und Weise, wie die EU das plant, ist falsch.

Das EU-Parlament hat am Mittwoch eine Regel verabschiedet, nach der es im Jahr 2035 in der EU nur noch Elektroautos geben wird. Andere Antriebsformen, und seien sie noch so klimaneutral, sind mittlerweile praktisch nicht mehr möglich. Das wird die Verkehrswende verteuern und wahrscheinlich auch verlangsamen. Das Problem an der Sache: Die EU gibt nicht nur das Ziel – nämlich Klimaneutralität – vor, sondern auch die Technik. Aber niemand weiß, wie sich die Dinge in den nächsten 13 Jahren entwickeln werden.

Heute sind sich die meisten Experten einig: Batteriebetriebene Autos sind die vielversprechendste Option. Andere Antriebsformen haben große Nachteile, wie zum Beispiel synthetische Kraftstoffe, die durch Entnahme von CO2 aus der Luft und Verarbeitung zu Kraftstoff entstehen. Das Verfahren verbraucht viel Energie und ist teuer, Anlagen im industriellen Maßstab gibt es nicht und was in absehbarer Zeit produziert werden kann, wird woanders dringender benötigt. Geschenk. Synthetische Kraftstoffe haben aber auch ihre Vorteile: Sie lassen sich gut transportieren, können also auch in energiereichen Regionen produziert und nach Mitteleuropa gebracht werden. Und sie lassen sich leichter auf den heute schon bestehenden Wegen verteilen – zu Wasser und auf Straßen. Wird sich das Gleichgewicht in ein paar Jahren ändern? Wahrscheinlich nicht, aber vielleicht ja. Vielleicht wird es eine ganz neue Technologie geben. Niemand weiß, wie die Welt in 13 Jahren aussehen wird.

Blicken wir 13 Jahre zurück ins Jahr 2009. In dieser Zeit hat die deutsche Energiepolitik mehrere Kehrtwenden vollzogen. Die Pipeline North Stream 1 war damals im Bau, Gas aus Russland wurde noch nicht im großen Stil genutzt, galt aber als Hoffnungsträger für die Energieversorgung. In den 13 Jahren seit 2009 wurde die Laufzeit der deutschen Kernkraftwerke zunächst verlängert (nämlich 2010) und dann radikal verkürzt (2011).

Möchten Sie eine andere Technik? Apple war gerade davon abgekommen, seine Smartphones nur mit einer eigenen Software auszustatten und hatte den App Store ins Leben gerufen. Erst 2010 entstand eine ganze App-Ökonomie und Smartphones begannen, Computer zu ersetzen. Niemand war davon so überrascht wie Apple selbst. Oder sollten wir über Autos reden? Auf der Detroit Auto Show vor 13 Jahren präsentierte ein großmäuliges Start-up namens Tesla einen Elektro-Sportwagen. Viele sahen fasziniert aus, aber kaum einer glaubte an den Erfolg. Damals war Tesla so wichtig wie heute synthetische Kraftstoffe.

Die EU schließt solche Überraschungen bereits aus. Sie scheint zuversichtlich, dass in den nächsten 13 Jahren kein Start-up für Furore sorgen wird. Damit werden zu viele Möglichkeiten vertan, die Verkehrswende in den kommenden Jahren bequemer und günstiger zu gestalten.

Wie könnte es also besser sein? Am besten wäre, was Deutschland bereits tut, was die EU selbst aber vergangene Woche nicht geschafft hat: den Verkehrssektor endlich in den Emissionshandel einzubeziehen. Es kann nicht oft genug daran erinnert werden: Emissionshandel bedeutet vor allem, dass der CO2-Ausstoß gedeckelt wird. Nur die politisch vorgegebene Menge an Emissionen ist erlaubt und kann über ein Zertifikat von einem Unternehmen zum anderen verkauft werden. Dort, wo der Emissionshandel gilt, hat er seine politischen Ziele in den letzten Jahren erreicht. Es ist die erfolgreichste Klimaschutzmaßnahme der EU, und das alles zu überraschend günstigen Preisen. Das umstrittene Hamburger Kohlekraftwerk Moorburg wurde im vergangenen Jahr ohne großen Aufschrei abgeschaltet – nicht zuletzt, weil CO2-Zertifikate im Emissionshandel zu teuer geworden waren. Die Politik sollte die Einnahmen aus den Zertifikaten vollständig an die Bürgerinnen und Bürger zurückerstatten. Das plant die EU auch nicht, und das erschwert die Akzeptanz des Emissionshandels enorm. Alternativ könnte die EU individuell vorschreiben, dass Autos kein CO2 mehr ausstoßen dürfen, die Technik aber offen halten.

Es wird oft gesagt, dass die Industrie ein Signal braucht, wohin sie gehen soll. Das soll sie haben. Die EU kann den Weg zu Batterien weisen und Ladestationen unterstützen. Aber Überraschungen ganz zu verbieten, ist keine gute Politik. Nein, gute Politik ist wie gutes Management: Sie geben das Ziel vor, und die Betroffenen wählen den Weg selbst.

Hier die andere Meinung.

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