Samstag, Juni 25, 2022
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Pro & Contra: Brenner verbieten!

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Dieser Beitrag ist Teil eines Pro & Contra. Lesen Sie hier Patrick Bernaus Argument gegen das Verbrennungsverbot.

Der Verbrennungsmotor ist eine deutsche Errungenschaft. Visionäre Ingenieure wie Nicolaus August Otto und Rudolf Diesel erfanden es im 19. Jahrhundert und legten damit den Grundstein für das Zeitalter der individuellen Mobilität. Ihre Ingenieurskunst bildete auch das Fundament für die deutsche Automobilindustrie, deren Produkte bis heute von Kunden in aller Welt nachgefragt werden. Und jetzt das: Die Europäische Union will dem Verbrennungsmotor bis 2035 ein Ende bereiten. Zum Schutz des Klimas. Das Europäische Parlament hat diese Woche dafür gestimmt, bis Mitte des nächsten Jahrzehnts den Verkauf von Neuwagen, die klimaschädliches Kohlendioxid ausstoßen, in Europa zu verbieten. Dann sind die Erfindungen von Otto und Diesel museal.

Wer heute unterwegs ist, mag sich fragen, wie das eigentlich funktionieren soll: Wo sollen denn genügend bezahlbare Elektroautos herkommen? Woher kommt genug sauberer Strom, um Ihr Geschäft zu betreiben? Und wie soll rechtzeitig eine flächendeckende Ladeinfrastruktur zwischen Kopenhagen und Palermo geschaffen werden?

All diese Fragen sind wichtig und legitim. Sie zeigen das Ausmaß der Herausforderung, vor der Europa steht. Aber gerade deshalb ist es richtig, dass jetzt die Weichen gestellt werden, sich vom Verbrennungsmotor zu verabschieden. Das gibt Unternehmen und Regierungen langfristig Klarheit und Planungssicherheit. Jeder kennt das Ziel und kann sich daran machen, es zu erreichen. Die dabei zu lösenden technischen und wirtschaftlichen Probleme sind enorm – umso wichtiger ist es, dass jetzt alle Kräfte mobilisiert werden und keine Zeit mehr in endlosen Debatten verloren geht. Das Festlegen eines klaren Enddatums ist der beste Weg, dies zu tun.

Lähmender Pessimismus, dass nichts davon funktionieren wird, ist unangebracht. Auch wenn das Beispiel überstrapaziert ist: Elon Musk hat mit Tesla demonstriert, wie auch ein einziges Unternehmen eine ganze Branche revolutionieren kann. Während deutsche Automanager seit Jahren jammern, dass es nicht genug Ladestationen für ihre Elektroautos gibt, hat Musk längst ein eigenes Ladenetz aufgebaut und sich damit einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz geschaffen. Ja, die deutsche Autoindustrie muss sich neu erfinden. Aber angesichts des Klimawandels führt daran ohnehin kein Weg vorbei.

Gegner des geplanten Verbots kritisieren, dass Verbrennungsmotoren auch dann klimafreundlich betrieben werden können, wenn sie anstelle von Diesel und Benzin mit synthetischen Kraftstoffen aus Ökostrom betrieben werden. Die Vorteile des synthetischen Kraftstoffs liegen auf der Hand: Die heutige Motorentechnik und das Tankstellennetz können weiter genutzt werden. Bisher gibt es jedoch weltweit keine nennenswerten Produktionsanlagen für solche Kraftstoffe. Vor allem ihre Energieeffizienz ist deutlich schlechter als die des Elektroantriebs. Die Umwandlungsverluste in der Produktion sind groß und im Verbrennungsmotor geht viel mehr Wärme verloren als im Elektroantrieb. Studien zeigen, dass man mit der gleichen Strommenge in einem Elektroauto etwa fünfmal so weit kommt wie mit einem Verbrenner, der mit synthetischem Kraftstoff betankt wurde.

Das wäre kein Problem, wenn es genügend klimafreundlichen Strom auf der Welt gäbe. Aber das Gegenteil ist bekanntlich der Fall. Trotz aller Ausbaupläne wird Ökostrom auf absehbare Zeit knapp und wertvoll bleiben. Es muss daher so effizient wie möglich genutzt werden. Das bedeutet nicht, dass nicht auch synthetische Kraftstoffe benötigt werden. Sie sollten aber nur dort zum Einsatz kommen, wo es nicht anders geht – zum Beispiel in bestehenden Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, von denen auch 2035 noch viele Millionen auf Europas Straßen fahren werden. Ganz zu schweigen von Asien, Afrika und Südamerika.

Irgendwann kann es tatsächlich Ökostrom im Überfluss geben. Doch bislang besteht nur eine vage Hoffnung, dass sonnen- und windreiche Länder im Nahen Osten und Südamerika saubere Energie als synthetischen Kraftstoff in den enormen Mengen nach Europa exportieren werden. Kurz gesagt, die Herstellung synthetischer Kraftstoffe im industriellen Maßstab steckt weltweit noch in den Kinderschuhen. Der Zeitdruck für den Klimaschutz ist jetzt zu groß. Wir können es uns nicht leisten, auf eine so unausgereifte Alternative zum Elektroauto zu setzen.

Hier die andere Meinung.

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