Mittwoch, Oktober 20, 2021
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Rohstoffknappheit: Warum die Papiertüte an der Kasse fehlt

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WSteht er in der Mittagspause oder nach Feierabend spontan ohne eigene Tüte an der Kasse im Supermarkt, kann es aktuell passieren, dass dort ab und zu die Papiertüten fehlen. „Aufgrund der angespannten weltweiten Rohstoffsituation“, teilte der Kölner Handelskonzern Rewe auf Anfrage mit, „könnte es in einzelnen stark frequentierten Märkten vorübergehend zu Engpässen bei Papiertüten kommen“. Die Lage ist nicht angespannt, denn Zukäufe bringen immer wieder Ware. Zudem gebe es genügend „umweltfreundliche Alternativen“ wie Baumwolltragetaschen oder Kartons an der Kasse.

Der Discounter Lidl, der wie Kaufland zur Schwarz-Gruppe gehört, will keine Angaben zu internen Abläufen machen, gibt aber auch an, dass es kurzzeitig „aufgrund gestiegener Nachfrage zu gelegentlichen Lieferverzögerungen bei unseren Papiertüten“ gekommen sei. Der Konkurrent Aldi Süd beobachte „die Situation am Markt sehr genau“, habe aber noch keine Lieferengpässe gesehen. Der Supermarktriese Edeka mit seinen rund 3.600 selbstständigen Kaufleuten kann aufgrund seiner dezentralen Struktur keinen Überblick über die Papiertüten-Situation an den Supermarktkassen geben.

Fakt ist: Auch beim Papier steigen seit einigen Monaten Lieferzeiten und Rohstoffkosten. Einer der Gründe dafür ist, dass laut dem Branchenindex Fastmarkets FOEX die Preise für Altpapier in Deutschland seit Jahresbeginn um 78 Prozent auf aktuell rund 200 Euro pro Tonne gestiegen sind. Auch Zellulose, der zweite wichtige Rohstoff, ist derzeit auf dem Weltmarkt knapp, was auch an der Nachfrage nach Holz aus China liegt.

Doch die Branche stöhnt auch, dass die Engpässe nicht nur auf die Hauptrohstoffe zurückzuführen sind – die Knappheit reicht von Transportmitteln über Paletten bis hin zu Klebstoffen, so der Industrieverband Papier- und Folienverpackungen (IPV). Noch deutlicher als die Handelskonzerne wird Geschäftsführer Karsten Hunger: „Tatsächlich gibt es gerade bei Papiertragetaschen gerade diesen Engpass“, sagt Hunger. „Die Warenwirtschaftsprozesse sind gestört und bleiben anfällig.“

Im Zuge der weiter anziehenden Konjunktur ist mit keiner Entspannung der Lage in der gesamten Verpackungsindustrie zu rechnen. „Wir sind pessimistisch, was die Normalität mittelfristig angeht, vielleicht auch erst langfristig. Nach unseren Informationen werden die Kapazitäten in Bezug auf Maschinen, Personal und Material bis Ende des Jahres fast vollständig ausgeschöpft sein“, so Hunger. Das wird sich auch 2022 nicht sofort ändern.

Wie viele Papiertüten in Deutschland jährlich über den Kassenscanner gezogen werden, hat noch niemand erfasst. Anders sah es bei Plastiktüten aus, da das Bundesumweltministerium gerne von 1,5 Milliarden Leichtplastiktüten pro Jahr oder umgerechnet 18 pro Einwohner sprach. Schon vor dem Verbot von Plastiktüten Anfang nächsten Jahres sind sie dank einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Händler kaum noch an den Kassen zu finden.

Auch das Umweltministerium sieht einen Anstieg des Verbrauchs von Papiertüten, „aber nicht in dem Maße, wie der Verbrauch von Plastiktüten zurückgegangen ist“. Es liegt auf der Hand, dass Verbraucher für den Transport ihrer Einkäufe zunehmend Mehrwegbehälter verwenden. Doch das Verbot von Plastiktüten hat laut IPV, in dem sich sowohl Hersteller von Papiertüten als auch Serviettenhersteller oder Anbieter von Plastiktragetaschen zusammengeschlossen haben, den Trend zum Papier verstärkt.

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