Dienstag, Oktober 19, 2021
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Selbstfahrende Autos: Platz für Robotertaxis

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Was auf manchen US-Highways alltäglich ist, wird es auf deutschen Straßen bald öfter geben: selbstfahrende Autos. Auch der ITS World Congress, der heute in Hamburg beginnt, dreht sich um das autonome Fahren.

Von außen sieht es nicht schön aus. Aber das autonome Auto von Valeo hat alles, was es braucht, um ohne Fahrer durch den Verkehr zu kommen: eine Reihe von Sensoren, die außen am Fahrzeug angebracht sind. Und im Inneren übertragen mehrere Kameras, was vor und hinter dem Fahrzeug passiert. Das Robotertaxi Valeo rollt langsam davon. Schon bald sendet die erste Kamera ein rotes Signal: eine rote Ampel. Das Auto wird langsam langsamer.

Das Robotaxi verlässt das Münchner Messegelände – und nimmt nach und nach Fahrt auf. Dann wird es wieder langsamer: Ein vorausfahrendes Auto muss abbiegen. Die nächste Ampel naht, und das unscheinbare Konzeptfahrzeug bremst wieder früh ab. Nun folgt die schwierigste Aufgabe: die Auffahrt zur Autobahn. Es herrscht Rushhour-Verkehr, das Valeo-Fahrzeug hat es schwer und es gibt keine Lücke. Der Fahrer des Fahrzeugs muss eingreifen und das Lenkrad betätigen, damit das Einfädeln noch funktioniert, bevor die Bremsen vollständig angezogen sind. „Nun“, sagt der zuständige Valeo-Manager, „es ist noch nicht alles perfekt“.

Die Fahrt auf dem Münchner Ring verläuft reibungslos. Überholende oder vorausfahrende Fahrzeuge werden leicht erkannt. Das Auto hält einen langen Sicherheitsabstand. Auf der Rückfahrt gibt es keine Schockmomente. Die Ausfahrt von der Autobahn funktioniert ebenso reibungslos wie die Wiedereinfahrt auf den Stadtring. Diesmal ist weniger Verkehr. Nach 20 Minuten kommt das autonom fahrende Auto ohne Kratzer wieder auf dem Münchner Messegelände an.

Die Testfahrt von Valeo zeigt, wie weit das autonome Fahren in Deutschland bereits fortgeschritten ist. Mehrere Autohersteller und Zulieferer testen derzeit verschiedene Robotertaxis, die komplett mit Kameras, Radar- und Lidar-Sensoren ausgestattet sind. Die ersten selbstfahrenden Fahrzeuge könnten schon bald in den Regelbetrieb gehen.

München soll Vorreiter werden. Dort gibt es im nächsten Jahr eine Europa-Premiere: Der Autovermieter Sixt und die Intel-Tochter Mobileye wollen 2022 die erste Flotte selbstfahrender Autos auf die Straße bringen. Sixt und Mobileye betonen, dass das Münchner Projekt der erste kommerzielle Roboter ist Taxiservice von einem Technologieanbieter und einem Mobilitätsdienstleister.

Zunächst werden 25 autonome E-Autos des chinesischen Unternehmens Nio in ganz München unterwegs sein. Sie können über Apps gebucht werden. Ein Chauffeur sitzt im Auto, muss aber nur im Notfall eingreifen. „Sobald das Fahrzeug freigegeben ist, wird es auch fahrerlos“, verspricht Mobileye-Geschäftsführer Johann Jungwirth. Ende 2022 könnten leere Autos wie von Geisterhand zwischen Flughafen und Münchener Innenstadt hin- und herpendeln, glaubt er.

In anderen deutschen Städten wird es länger dauern, bis die ersten kommerziellen Robotertaxis durch die Straßen rollen. VW plant für 2025 eine Flotte autonomer Autos, die beim Mobilitätsdienstleister MOIA zum Einsatz kommen soll. Auf der IAA hat das Wolfsburger Unternehmen kürzlich seinen Prototypen, den Elektro-Lkw ID.Buzz, vorgestellt. „Autonomes Fahren wird unsere Branche wie nichts zuvor verändern“, sagte VW-Chef Herbert Diess auf der Münchner Automesse. Im Vergleich dazu war der Umstieg auf E-Autos geradezu einfach.

Nachdem die „Big Techs“ das autonome Fahren in den USA und China forciert haben, wittern die deutschen Autobauer nun ein Milliardengeschäft. Schon 2030 könnten 15 Prozent des Umsatzes mit Mobilitätsdiensten gemacht werden, prognostizierte VW-Chef Diess kürzlich. Die Unternehmensberatung PwC sieht für die Robotaxi-Dienste künftig ein Marktpotenzial von 500 Milliarden Dollar. Die Fahrt im Robotaxi kann als Abo oder stundenweise abgerechnet werden.

Die Automanager schwärmen wie bei VW von der „Demokratisierung der Mobilität“. Auch Behinderte und ältere Menschen, die nicht mehr fahrtüchtig sind, könnten künftig ein Robotaxi nutzen. Wer jetzt geboren wird, braucht später keinen Führerschein, scherzt die Branche.

Die selbstfahrenden Autos werden „unser Leben total verändern“, schwärmt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR). „Wir werden eine Renaissance des Autos erleben“, prophezeit er.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Vorerst testen die Autohersteller noch die Robotertaxis von morgen – in enger Zusammenarbeit mit dem Silicon Valley. Daimler kooperiert mit Nvidia, VW arbeitet mit dem US-Start-up Argo AI zusammen und führt Pilotprojekte in mehreren US-Städten durch. Laut Argo-Gründer Brian Salesky arbeiten VW und Argo AI an einem globalen System für Robotertaxis.

Ausgerechnet das technikscheue Deutschland könnte dem selbstfahrenden Auto zum Durchbruch verhelfen. Im Juli hat der Bundestag ein Gesetz zum autonomen Fahren verabschiedet, das als besonders fortschrittlich gilt. Deutschland ist das einzige Land, das unter bestimmten Voraussetzungen Level-3- und sogar Level-4-Systeme zulässt. In den USA sind bislang nur einzelne Bundesstaaten vorgerückt und erlauben Robotertaxis auf ausgewählten Strecken. Auch in China ist autonomes Fahren nur in einzelnen Metropolen möglich. Städte wie Shenzhen sind jedoch längst einen Schritt weiter und haben Robotertaxis ohne Fahrer am Steuer im Regelbetrieb.

Kein Wunder also, dass jetzt in München ein chinesisches Auto für das erste kommerzielle deutsche Robotaxi-Projekt im Einsatz ist. Die ersten Mittelklasse-Fahrzeuge mit Fahrroboter werden voraussichtlich erst in vier bis fünf Jahren auf den Markt kommen – zu Preisen ab 35.000 Euro. VW plant im Rahmen des Projekts „Trinity“ für 2026 eine Elektro-Limousine mit Level 4.

Die ersten Premiumfahrzeuge verfügen bereits über teilautonome Funktionen. Die neue elektrische S-Klasse von Mercedes, die Baureihe EQS, ist mit einem Autobahn-Staupiloten ausgestattet. Im Stau oder zähfließendem Verkehr auf der Autobahn kann das Fahrzeug autonom fahren und der Fahrer kann die Hand vom Steuer nehmen. „Wir sind die ersten, die Level 3 in Deutschland im Regelbetrieb auf die Straße bringen“, verkündete Daimler-Chef Ola Källenius stolz auf der IAA. Selbst Tesla hat Level 2 noch nicht überschritten. Auf der Skala des autonomen Fahrens gibt es fünf Stufen. Auf Stufe 3 muss der Fahrer nicht mehr ständig alles überwachen und kann vorübergehend die Hände vom Lenkrad nehmen.

Auf der IAA präsentierten zahlreiche Automobilhersteller und Zulieferer ihre autonomen Testfahrzeuge. Die Fachbesucher konnten die Robotertaxis probeweise fahren. Die Zulieferer basteln auch an Autos ohne Lenkrad und autonomen Teilfunktionen. Bosch hat beispielsweise eine automatisierte Valet-Parking-Funktion entwickelt. Noch in diesem Jahr soll die Technologie am Stuttgarter Flughafen in Serie gehen. Die Bosch-Manager gehen davon aus, dass das System bis 2025 in gut 1.000 Parkhäusern zum Standard werden könnte.

In gut 40 deutschen Städten und Gemeinden pendeln bereits selbstfahrende Kleinbusse langsam und nahezu lautlos durch die Gegend. Die Robotertaxis sind in Hamburg, Berlin, Frankfurt oder auch in der Kleinstadt Bad Birnbach im Einsatz. Sie befinden sich noch im Testbetrieb. In anderen EU-Ländern sind die autonomen Shuttles noch in der Minderheit: Am Flughafen Paris Charles-de-Gaulle bringt ein Minibus Mitarbeiter ins Büro, in Stockholm wird ein autonomer Mini-Van mit 5G getestet und einer transportiert nach Pörtschach, Österreich Minibustouristen vom Bahnhof ins Stadtzentrum. Bisher gibt es in Europa allerdings nur zwei Anbieter – Naviya und EasyMile – beide aus Frankreich – die die Shuttles standardmäßig anbieten.

Im Smart-Cities-Wettbewerb suchen Städte nach dem idealen Mobilitätskonzept. Beim Weltkongress ITS für Mobilität und Logistik, der heute in Hamburg beginnt, will sich insbesondere die Freie Hansestadt als Vorreiter profilieren. Dort treffen sich Experten für Verkehr, Logistik und Digitalisierung eine Woche lang, um zu diskutieren, wie der Wirtschafts- und Individualverkehr angesichts der Klimakrise und steigender Mobilitätsanforderungen aussehen könnte. Im neu renovierten CCH-Kongresszentrum, den Messehallen und im Stadtgebiet zeigen rund 400 Aussteller aus aller Welt Ideen und Lösungen rund um intelligente Verkehrssysteme. „ITS“ steht für „Intelligente Transportsysteme“. Der Kongress wird jedes Jahr in verschiedenen Städten veranstaltet.

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