Samstag, Januar 15, 2022
StartWIRTSCHAFTTreibhausgase aus Hessen: Reduzierung klimaschädlicher Emissionen verlangsamt sich

Treibhausgase aus Hessen: Reduzierung klimaschädlicher Emissionen verlangsamt sich

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DRasterverzögerung“, „Mammutaufgabe“, „Klimaziele werden verfehlt“ – die Worte, mit denen Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Die Grünen) Anfang der Woche die deutsche Klimapolitik bewertete, klangen dramatisch.

Eine neue Treibhausbilanz für Hessen ergibt ein differenzierteres Bild. Das Positive: Von Jahr zu Jahr produzieren Bürger und Unternehmen immer weniger Treibhausgase, die zur Erderwärmung beitragen. 2019, für das aktuelle Zahlen vorliegen, sind die Emissionen im Vergleich zum Vorjahr nochmals auf 39,1 Millionen Tonnen gesunken. Das ist ein Viertel weniger als 1990. Und das, obwohl heute 600.000 Menschen mehr in Hessen leben und sich das Bruttoinlandsprodukt fast verdoppelt hat.

Allerdings sinken die Emissionen von Jahr zu Jahr weniger. Der größte Rückgang erfolgte laut Bilanz nach der Jahrtausendwende, zuletzt hat sich der Rückgang deutlich verlangsamt. Im Vergleich zum Vorjahr 2018 wurden 2019 nur 0,25 Millionen Tonnen weniger emittiert, was einer der geringsten Rückgänge der letzten Jahrzehnte ist.

Dieser Stagnation stehen die Ziele der schwarz-grünen Landesregierung gegenüber, die Treibhausgasemissionen bis 2025 auf 60 Prozent des Niveaus von 1990 zu senken, was rund 31 Millionen Tonnen entspricht. Nach staatlichen Vorgaben sollen die Emissionen bis 2030 auf 45 Prozent (23 Millionen Tonnen) gesenkt werden. Um das zu erreichen, müssten die hessischen Emissionen um 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr sinken – sechsmal mehr als zuletzt. Für die neue Gesamtbilanz hat das Statistische Landesamt nicht nur die Emissionen von Kohlendioxid ermittelt, sondern auch die Treibhausgase Methan, Lachgas und erstmals besonders klimaschädliche Fluorverbindungen (F-Gase) mit einbezogen. Denn Kohlendioxid ist das wichtigste, aber nicht das einzige Gas, das zur Erwärmung beiträgt.

Methan beispielsweise entweicht hauptsächlich aus Tierhaltung, Deponien und Kompostierungsanlagen. Auch Lachgas entsteht vor allem in der Viehhaltung und durch den Einsatz von Düngemitteln. Da es etwa 100 Jahre in der Atmosphäre verbleibt, hat eine Tonne Lachgas einen fast 300-mal stärkeren Einfluss auf die globale Erwärmung als Kohlendioxid. F-Gase, die noch heute für Kältemittel in Klimaanlagen sowie für Sprays, Dämmstoffe und Feuerlöschmittel produziert werden, sind sogar bis zu 23.000-mal stärker. Diesen unterschiedlichen Wirkungsgraden der Gase haben die Statistiker Rechnung getragen, indem sie sie in sogenannte Kohlendioxid-Äquivalente umgerechnet haben. Demnach tragen Methan, Lachgas und F-Gas zusammen zehn Prozent zu den gesamten Treibhausgasemissionen bei.

Die gemischte Klimabilanz in Hessen zeigt sich besonders bei den Fluorverbindungen. Zwar sanken ihre Emissionen zwischen 1995 und 2000 um ein Viertel und ihr Einsatz wurde vom Gesetzgeber immer wieder eingeschränkt. Seitdem sind die F-Gas-Emissionen jedoch wieder leicht angestiegen, unter anderem weil mehr Kälte- und Klimaanlagen installiert werden. F-Gase werden oft als Ersatz für die fast verbotenen ozonabbauenden Fluorchlorkohlenwasserstoffe verwendet. Die Methanemissionen sind dagegen deutlich gesunken, zuletzt wurde nur noch ein Drittel so viel emittiert wie 1990. Gründe dafür sind, dass in Hessen weniger Rinder gehalten werden und Abfälle viel effizienter als früher verwertet werden.

Der mit Abstand größte energiebedingte Kohlendioxid-Produzent in Hessen ist nach wie vor der Straßenverkehr mit 13 Millionen Tonnen pro Jahr, gefolgt von Haushalten, Gewerbe und Büros. Die Industrie trägt sechs Millionen Tonnen zur Treibhausgasbilanz bei und hat trotz höherer Produktivität ihre Emissionen seit 1990 um mehr als ein Fünftel gesenkt. Größer war der Rückgang nur bei den Energieerzeugern, weil sie weniger Kohle in Kraftwerken einsetzen.

Allerdings muss berücksichtigt werden, dass nur knapp die Hälfte des von Hessen verbrauchten Stroms in Hessen selbst produziert wird. Importierter Strom, auch wenn er aus Kohlekraftwerken stammt, ist in der Quellenbilanz, auf die Klimapolitiker üblicherweise verweisen, nicht enthalten. Rechnet man die Energieimporte hinzu, kommen die Statistiker auf insgesamt 44,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid, die ganz Hessen im Jahr 2019 verursacht hat. Allerdings ist der Wert auch ein Viertel niedriger als 1990.

Auch der grenzüberschreitende Flugverkehr, der in Frankfurt tankt und abhebt, wurde ausgenommen. Dies geschehe, erklärten die Statistiker, weil die Aufnahme in Länderbilanzen international noch nicht standardisiert sei. Der Kerosinbedarf und damit die Treibhausgasemissionen internationaler Flüge haben sich trotz sparsamerer Triebwerke in den vergangenen drei Jahrzehnten von fast acht Millionen auf 14 Millionen Tonnen nahezu verdoppelt. Denn ab Frankfurt starten deutlich mehr Flüge als zuvor. Berücksichtigt man diese, sähe die hessische Klimabilanz deutlich negativer aus.

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