Dienstag, Januar 25, 2022
StartWIRTSCHAFTVertraute von Jan Marsalek: Erste Anklageschrift im Fall Wirecard

Vertraute von Jan Marsalek: Erste Anklageschrift im Fall Wirecard

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SSeit anderthalb Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft München wegen des Bilanzskandals der Wirecard AG. Am 10. Dezember 2021 erhob die Strafverfolgungsbehörde eine erste Anklage gegen einen engen Vertrauten des untergetauchten Wirecard-Vorstandsmitglieds Jan Marsalek. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I sagte am Donnerstag, einem Angeklagten seien im Dezember 26 Fälle des besonders schweren Betrugs, der Geldwäsche und der Verletzung von Rechnungslegungspflichten angeklagt worden. Einen Namen nannten die Staatsanwälte nicht, nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ handelt es sich um den Unternehmer Aleksandar V.

Zusammen mit einem weiteren Angeklagten sollen V. und Marsalek dem Wirecard-Konzern „spätestens bis 2019“ Vermögenswerte entzogen und deren Herkunft über ein installiertes Geldwäschesystem „systematisch verschleiert“ und anschließend in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt haben. Der dritte Täter soll Rami El Obeidi, ehemaliger Chef des libyschen Geheimdienstes, sein. Die Staatsanwaltschaft gibt die Höhe der veruntreuten Gelder mit mehr als 22 Millionen Euro an.

Die Aufgabe von V. bestand laut Staatsanwaltschaft darin, die Gelder des damaligen Dax-Konzerns über eine eigens gegründete Gesellschaft – die IMS Capital Partners GmbH, die V. im Sommer 2016 mit Marsalek gegründet hatte – zu erhalten. Zweck der Holding war es, in deutsche Start-ups zu investieren.

Allerdings sollen die Wirecard-Gelder laut Anklageschrift über IMS Capital geflossen sein und als Kapitalerträge an V. als Geschäftsführer zurückgeflossen sein. Er gab sie dann an seine Komplizen weiter. Aber auch in dieser Vereinbarung soll V. seinen eigenen Vorteil gesucht haben. Mindestens 8 Millionen Euro soll er für private Zwecke abgezweigt haben, um eine Immobilie in München zu kaufen und eigene Family Offices in der Schweiz zu finanzieren.

Eine Wirtschaftsstrafkammer beim Landgericht München muss nun entscheiden, ob die erste Anklageschrift im Wirecard-Umfeld zugelassen wird. Bei einer Verurteilung droht V. eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Der gebürtige Münchner ist im Online-Handel kein Unbekannter: 2002 gründete er sein erstes Unternehmen, entwickelte später eine E-Commerce-Strategie für die TUI Group und machte Karriere. Bei Verhören von Wirecard-Mitarbeitern wurde sein Name immer wieder im Zusammenhang mit Beraterverträgen genannt. V. soll nach FAZ-Informationen auch für den inzwischen insolventen Lieferdienst Getnow und die Goomo Holding hohe Gebühren erhalten haben. An letzterer Gesellschaft war Wirecard mittelbar aus Indien beteiligt.

Der damalige Dax-Konzern hatte am 18. Juni 2020 eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro Treuhandvermögen in Manila nicht nachgewiesen werden konnten. Wirecard musste eine Woche später Insolvenz anmelden. Die Frage, wie viel Geld sich tatsächlich auf den Treuhandkonten befand, ist für die Ermittlungen sehr wichtig. Das damalige Wirecard-Vorstandsmitglied um den Vorstandsvorsitzenden Markus Braun gab stets an, dass das sogenannte Third Party Acquiring (TPA), also das Fremdgeschäft, mehr als ein Viertel der Bilanzsumme des Zahlungsdienstleisters ausmacht . Ende letzten Jahres äußerte Insolvenzverwalter Michael Jaffé jedoch erhebliche Zweifel an dieser Darstellung. Nach einem Blick auf die Kontoauszüge der Treuhandbanken in Singapur war er überzeugt, dass das TPA-Geschäft zumindest nicht in der angegebenen Höhe existierte. Das von Wirecard gemeldete Milliardenvermögen sei „einfach erfunden“, sagte Jaffé.

Marsalek ist seit der Milliarden-Pleite auf der Flucht und steht unter Verdacht, sich in Russland aufzuhalten, Braun sitzt in der Justizvollzugsanstalt Augsburg in Untersuchungshaft und wartet nach mehreren Haftkontrollen vergeblich auf seine Freilassung. Der 53-jährige, ehemalige Wirecard-Chef behauptet, das TPA-Geschäft habe zwar wirklich existiert, der Erlös sei aber von einer kriminellen Bande gestohlen worden.

Die Staatsanwaltschaft München sieht Braun jedoch als Kopf dieses Systems, das „von Korpsgeist und Treueeiden gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden“ geprägt sei. Sie werfen ihm und anderen ehemaligen Wirecard-Managern Betrug vor. Eine Anklageschrift wird im ersten Quartal dieses Jahres erwartet.

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