Dienstag, Oktober 19, 2021
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Wirtschaftsnobelpreis: Auszeichnung für Arbeitsmarktforscher

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Der typische Wirtschaftsnobelpreisträger ist meist ein älterer Herr, der an einer renommierten US-Universität lehrt und forscht. Auch diesmal ist es nicht anders. Und doch gibt es eine Überraschung.

Von Lothar Gries, Theaktuellenews.com

Als 2015 in Deutschland der Mindestlohn eingeführt wurde, war die Schande groß. Im Vorfeld war von Massenentlassungen, Sterbediensten und Berufen die Rede. Die Kritiker hätten es besser wissen können, wenn sie die Studien des kanadischen Arbeitsmarktexperten David E. Card gelesen hätten. Der Forscher der University of California (UCLA) in Berkeley hatte bereits Anfang der 1990er Jahre gezeigt, dass eine Erhöhung des Mindestlohns nicht zwangsläufig zu weniger Arbeitsplätzen führt. Dafür wurde dem Forscher heute der Wirtschaftsnobelpreis verliehen.

Card verglich die Auswirkungen von Mindestlohnerhöhungen in New Jersey auf die Beschäftigung in Fastfood-Restaurants mit dem benachbarten Pennsylvania, wo es keine so niedrigere Lohnuntergrenze gab. Card kam dabei zu einem für viele überraschenden Ergebnis: Trotz der Erhöhung des Mindestlohns stieg die Beschäftigung in New Jersey – weil sich die lokale Kaufkraft verbesserte. Mit dieser Karte wird die These widerlegt, dass die Höhe der Löhne und Gehälter einen direkten Einfluss auf die Arbeitslosigkeit hat.

In diesem Land war es ähnlich. Nach Einführung des Mindestlohns stieg die Zahl der Arbeitsplätze sogar und die Arbeitslosenquote sank. Seitdem ist Card ein Fan von Mindestlohnbefürwortern auf der ganzen Welt. Trotzdem war Card kein Favorit für den Wirtschaftsnobelpreis, weil die Daten aus seiner Forschung oft schwer zu interpretieren sind. Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm war dennoch überzeugt und verlieh Card die Hälfte des prestigeträchtigen Preises für seine empirischen Beiträge zur Arbeitsmarktökonomie, wie der Generalsekretär der Akademie, Göran Hansson, bei der Ankündigung sagte.

Den Preis muss sich Card mit dem Amerikaner Joshua D. Angrist vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und Guido W. Imbens von der Stanford University aus den Niederlanden teilen. Beide wurden „für ihre methodischen Beiträge zur Analyse von Kausalzusammenhängen“ ausgezeichnet. Alle drei Forscher „lieferten uns neue Erkenntnisse zum Arbeitsmarkt und zeigten, welche Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung aus Naturexperimenten gezogen werden können“, begründete die Akademie ihre Entscheidung.

„Ihr Ansatz hat sich auf andere Bereiche ausgeweitet und die empirische Forschung revolutioniert.“ Viele der großen Fragen in den Sozialwissenschaften haben mit Ursache und Wirkung zu tun – etwa wie sich Zuwanderung auf Löhne und Beschäftigungsniveau auswirkt. Diese Fragen sind schwer zu beantworten, da es keine Vergleiche gibt. „Wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn es weniger Zuwanderung gegeben hätte“, sagte die Akademie. Die diesjährigen Preisträger haben jedoch gezeigt, dass es möglich ist, diese und ähnliche Fragen mit Naturexperimenten zu beantworten.

Deutsche Ökonomen begrüßten die Auswahl. Ifo-Präsident Clemens Fuest nannte die Entscheidung eine „sehr gute Wahl“. Die Forschung der drei Wissenschaftler habe „großen praktischen Nutzen“, weil sie Methoden zur Ermittlung von Ursache und Wirkung entwickelt hätten. Dies sei wichtig, um herauszufinden, „wie wirtschaftspolitische Maßnahmen funktionieren“. Fuest hatte zuvor den österreichisch-schweizerischen Ökonomen Ernst Fehr favorisiert. Er leistete bahnbrechende Beiträge in der experimentellen Wirtschaftsforschung und der Verhaltensforschung.

Auch Wirtschaftsprofessor Jens Südekum von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf begrüßte die heutige Entscheidung. „Ich bin super zufrieden mit der Auswahl und kann mir keine würdigeren Preisträger vorstellen als diese drei, sie haben die Econ-Welt verändert“, twitterte Südekum.

Der Wirtschaftspreis nimmt unter den Nobelpreisen eine Sonderstellung ein: Erstmals verliehen wurde er 1969, knapp sieben Jahrzehnte nach der ersten Verleihung 1901. Als einziger der Preise geht er nicht auf Alfred . zurück Nobels Testament, das die Grundlage bildet, bildet den Friedensnobelpreis und den Literaturnobelpreis sowie die Auszeichnungen in den Naturwissenschaften.

Stattdessen wurde der Preis später anlässlich ihres 300. Gründungsjahres 1968 von der schwedischen Reichsbank gestiftet. Der Chemiker und Industrielle Alfred Nobel soll die Ökonomie der Auszeichnung nicht würdig gefunden haben. Wie bei den Nobelpreisen für Physik und Chemie werden die Gewinner dennoch von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften nominiert.

Unter den Wirtschaftsnobelpreisträgern ist nur ein Deutscher vertreten: Der Bonner Wissenschaftler Reinhard Selten erhielt ihn 1994 zusammen mit John Nash und John Harsanyi für ihre Beiträge zur nicht-kooperativen Spieltheorie. Und noch eine Besonderheit: Bisher wurden nur zwei Frauen mit dem renommierten Preis ausgezeichnet: Elinor Ostrom (1933 bis 2012) im Jahr 2009 für ihre Forschungen zum Management natürlicher Ressourcen. 2019 wurde die Französin Esther Duflo gemeinsam mit ihrem Lebens- und Forschungspartner Abhijit Banerjee und Michael Kremer für ihre Forschung zur Armutsbekämpfung ausgezeichnet.

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