Freitag, Juni 24, 2022
StartWIRTSCHAFTWirtschaftsprüfung im Fokus: Welche Warnsignale es schon vor der Wirecard-Insolvenz gab

Wirtschaftsprüfung im Fokus: Welche Warnsignale es schon vor der Wirecard-Insolvenz gab

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DDer Bilanzskandal um den ehemaligen Dax-Konzern Wirecard ist nach fast zwei Jahren immer noch nicht endgültig aufgeklärt. Der Wirtschaftsprüfer Martin Wambach von Rödl & Partner und weitere Bilanzexperten diskutierten deshalb am Mittwoch an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, welche Lehren aus dem Fall gezogen werden können. Stefan Süss, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, stellte die Frage, was passieren muss, damit solche Fälle nicht mehr vorkommen. Wambach machte deutlich, dass Wirtschaftsprüfer künftig damit rechnen müssten, mit Betrugsfällen konfrontiert zu werden. Auch die Volkswirtin Barbara Weißenberger ist der Meinung, dass sich Bilanzskandale wie bei Wirecard nicht vollständig eindämmen lassen. Es wird jedoch erwartet, dass die Wirtschaftsprüfer dem widersprechen.

Für die Wirtschaftsprüfer war die Wirecard-Insolvenz im Juni 2020 ein Debakel, auch weil die jahrelang für das Unternehmen verantwortliche Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY zu spät tiefe Bilanzlücken entdeckte. EY sieht sich nun von Wirecard betrogen. Der Wirtschaftsprüfer Martin Wambach leitete ein vom Wirecard-Untersuchungsausschuss beauftragtes Ermittlungsteam, um den Bundestagsabgeordneten dabei zu helfen, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob die Wirtschaftsprüfer zu einer früheren Aufdeckung beigetragen haben könnten.

Bei seiner Präsentation in Düsseldorf machte Wambach deutlich, dass er die Arbeit seiner Kollegen bei EY nicht beurteilen wolle. Stattdessen wird die Prüfbehörde APAS, die noch in diesem Jahr über mögliche Sanktionen gegen EY entscheiden will, ein Urteil fällen. Auch die Gerichte in München werden ein Urteil fällen, das unter anderem über Schadensersatzansprüche von Wirecard-Opfern gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY entscheiden muss.

Wambach deutete an, dass im Fall Wirecard einige Fakten ans Licht gekommen seien, die einen Wirtschaftsprüfer erschaudern lassen würden. Über Wambachs Testergebnisse wurde bereits viel berichtet, öffentlich hat er sich aber noch nicht so ausführlich geäußert wie am Mittwoch. Der Bilanzexperte nannte eine ganze Liste von Warnsignalen, die uns schon früher im Fall Wirecard misstrauisch gemacht haben könnten. Dabei stützte sich Wambach auf den Prüfungsstandard 210 des Prüfungsinstituts IDW, der zahlreiche detaillierte Hinweise auf möglichen Bilanzbetrug enthält. Worum geht es im Einzelnen?

Zunächst einmal warnt der Prüfungsstandard vor ungewöhnlichen, komplizierten und undurchsichtigen Transaktionen, wie sie im Fall Wirecard in Form von Drittgeschäften bestanden. Der Zahlungsdienstleister hatte in großem Umfang Geschäftsbereiche an andere Unternehmen ausgelagert. Zudem beteuerten hochrangige Wirecard-Manager auf zahlreiche kritische Stimmen und Anfragen immer wieder, dass alles in Ordnung sei. Auch die Bereitschaft des Managements, Fehler einzugestehen oder zu korrigieren, war gering. Der IDW-Standard warnt die Wirtschaftsprüfer-Innung vor einem solchen Verhalten, ebenso wie bei Wirecard, wo laut Wambach oft statt Einzeltransaktionen aggregierte Summen gebucht werden. Nicht zu vergessen war das Warnsignal der negativen Presseberichterstattung, die in Bezug auf Wirecard nicht fehlte. Wambach äußerte aber auch Verständnis für die Situation der Wirtschaftsprüfer, die in vielen Unternehmen auf der Suche nach Originaldokumenten von einer Abteilung zur anderen geschickt werden und oft in Sackgassen geraten, wo sie unter großem Zeitdruck stehen.

Bei der Betrachtung diverser Bilanzskandale stelle sich laut Wambach oft heraus, dass diese auf ganz einfachen Tatsachen beruhen. Im Fall Wirecard ging es letztlich um liquide Mittel, also um einen Bilanzposten, der als wenig riskant gilt und mit dessen Prüfung oft relativ unerfahrene Prüfungsassistenten beauftragt werden. Kassen- und Bankguthaben lassen sich einfach prüfen und auswerten – in der Regel. Im ebenso spektakulären Fall Parmalat fälschte ein CFO des italienischen Lebensmittelkonzerns ungeschickterweise eine Quittung über die gigantische Summe von 400 Millionen Euro, und das Skandalunternehmen Comroad hatte 90 Prozent seines Umsatzes mit einer Tochtergesellschaft in Hongkong erzielt, die allerdings gab es gar nicht. Aber das hatte niemand überprüft, obwohl das wenig Aufwand bedeutet hätte.

Auffällig sei im Fall Wirecard laut Wambach auch gewesen, dass das Unternehmen keine interne Revision eingerichtet habe und es im Aufsichtsrat keinen Prüfungsausschuss gebe. Diese von Wambach genannten Defizite dürften aber nicht nur die Wirtschaftsprüfer, sondern auch Kreditgeber und Anteilseigner vorsichtiger gemacht haben.

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